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Full text of "Volkbrauche und Aberglauben in der Geburtshilfe und der Pflege des Neugebornen in Ungarn Ethnographische Studien"

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VolkbrÀuche und Aberglauben in 
der Geburtshilfe und der Pflege ... 

Rudolf TemesvÀry 




ANTHROPOLOCY LIBRARY 




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VolksbrÀuche und Aberglauben 

in der 

Geburtshilfe 

und der 


Pflege des Neugebornen 


in Ungarn. 


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Of 



THE \ 

lks»te* ) 

Ethnographische Studien 


von 


Dr. Rudolf TemesvÀry, 

Frauenarzt m Budapest. 


Mit 16 Abbildungen im Text 


1 CXi i 


Leipzig. 

Th. Grieben's Verlag (L. Fernau). 
1900. 


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Inhalt. 


Seite 


Yurwi 

L 

MftllRt.roAtlATl 

V 

1 


1. Erstes Auftreten der Menstruation 1. — 2. Hygiene wĂ€hrend der 



Menstruation 2. — 3. Menorrhagie. Amenorrhoe. Dysmenorrhoe 5. 


TT 

SterilitÀt. 

6 


4. Ursachen der SterilitĂ€t 6. — 5. Behandlung der SterilitĂ€t 7. — 



6. HochzeitsgebrĂ€uche zur Erzielung von Fruchtbarkeit 10. — 



7. Sonstiger Aberglaube 10. 


HL 

KĂŒnstliche SterilitĂ€t 

12 


8. Anticonceptionelle Verfahren 12. — 9. HoehzoitsgebrĂ€uche zur 
Erreichung von SterilitĂ€t 13. — 10. Coitus 15. — 11. OebrĂ€uche 
wÀhrend der Geburt und des Wochenbettes behufs Vermeidung 
neuerlicher SchwĂ€ngerung 16. — 12. Fruchtabtreibende Mittel und 
Verfahren 17. 

IV. Schwangerschaft 21 

13. Verschiedene GebrĂ€uche wĂ€hrend der Schwangerschaft 21. — 

14. DiĂ€t der Schwangeren 26. — 15. Kleidung 28. — 16. Hygiene 

der BrĂŒste 29. — 17, Vorhersagung des Geschlechts 30. — 

18. WillkĂŒrliche Knabenerzeugung 33. — 19. Das Versehen der 

Schwangeren 37. 

V. Geburt . . . . . . . 42 

20, Schutzgöttin der Geburt 42. — 21, Vorbereitungen fĂŒr die Ge- 
burt 42. — 22. Stellung wĂ€hrend des GebĂ€rens 43. — 23. Bleidung 
der GebĂ€renden 48. — 24. Behandlung der Geburt 49, — 25. Ge - 
burtsanomalien 61. — 26. Behandlung der Nachgeburteperiode 61, — 

27. Nachgeburt und EihÀute 64. 

VI. Wochenbett ■ . . . . , , . . . , . , . . . . . . . fifi 

28. Wochenzimmer und Wochenbett 66. — 29. Schute gegen „böso 
Geister“, den „bösen Blick“ und das „Beschreien“ 68. — 30. DiĂ€tetik 
des Wochenbettes 83. — 31. Nachwehen 86. — 32. HĂ€ngebauch 86. 

— 33. Chloasma uterinum 88. — 34, Lochien 89. — 35. Blutungen 

wĂ€hrend und nach der Geburt 90. — 36. Isnhurie und andere 

Wochenbettstörungen 94. — 37. Das „Milchfieber“ 95. — 38. Dauer 

des Wochenbettes 97. — 39. Erstes Bad der Wöchnerin 98. — 

40. Der erste Ausgang 99. 

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IV 


Salta 


VII. Das Sttagegenchllft 102 


41. Entwickelung der BrĂŒste 102. — 42. Erstes Anlegen des Kindes. 


Colostrum 103. — 43. Stillen durch fremde Frauen 104. — 44. Kunst- 


liehe ErnĂ€hrung 105. — 45. Galakt ogoga und verschiedene Ver- 
fahren zur Förderung der Milchsecretion 107. — 46. Dauer des 


SĂ€ugens 113. — 47, Pflegekinder 114. — 48. Entwöhnung. Mittel 


und Verfahren zur Verringerung der Milchsecretion 114. — 49. Masti- 
tis 119. — 50. Wunde Brustwarzen 123. 

VIII Das neugeborene Kind 

126 

51. Behandlung der Kabelschnur 126. — 52. Baden der Kinder 127. 


— 53. LagerstĂ€tte der Kinder 130. — 54. Kleidung der Kin- 
der 136. — 55. Circumeisinn 137. — 56. Kinderkrankheiten 138. — 


57. Kinderlaufstuhle 141. 


Literatur 

143 

Text des vom Autor versandten Fragebogens 

145 

Einige Comitats-, Insel- und StÀdtonamen 

147 

Der Lautwerth der ungarischen Buchstaben 

148 


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Vorwort. 


Der medicinischen Geschichte, Ethnographie. Anthropologie und 
Geographie wird bei dem Studium der Medicin ein immer wachsendes 
Interesse entgegengebracht. Am stiefmĂŒtterlichsten wird von diesen 
Hilfswissenschaften noch die medicinische Ethnographie behandelt, und 
zwar namentlich die der europÀischen Staaten. Die grundlegenden 
Werke von Ploss, Engelmann, Bartels, die in den Fachkreisen be- 
rechtigtes Aufsehen erregten, eröffneten uns ein interessantes Grenz- 
gebiet der Geburtshilfe und Ethnographie, und es fanden sich dann 
auch noch andere Forscher, die, von den Studien der genannten Ge- 
lehrten angeregt, sich mit den geburtshilflich- ethnographischen Ver- 
hÀltnissen der verschiedensten Staaten und der verschiedensten Volks- 
stÀmme befassten. Fast sÀmmtliche Welttheile wurden und werden 
noch in dieser Richtung durchforscht, nur Europa blieb so ziemlich 
aus dem Spiel, denn von Russland, einigen Balkanstaaten und einigen 
Staaten Oesterreichs abgesehen, finden wir in der Literatur thatsÀchlich 
kaum einige geburtshilflich-ethnographische Beobachtungen verzeichnet Es 
ist wohl wahr, dass das Fortschreiten der Civilisation der grösste Feind 
dieser Wissenschaft ist. jedoch ist auch mit grösster Wahrscheinlichkeit 
anzunehmen, dass solche Studien heute noch in sÀmmtlichen Staaten 
Europas von Erfolg gekrönt sein wĂŒrden. Es giebt keinen Staat 
Europas, möge er auch auf der höchsten Stufe der heutigen Civilisation 
stehen, wo es nicht Orte, Gegenden, ja ganze Landstriche und Pro- 
vinzen gÀbe, die wegen ihres Abseitsliegens vom Weltstrome, den 
Weltverkehrsadem und Hauptverkehrsmitteln, der Eisenbahn und der 
Schifffahrt, noch so weit von der Civilisation unberĂŒhrt wĂ€ren, dass Jahr- 
hunderte, ja sogar- Jahrtausende alte Traditionen sich dort nicht noch 
aufrecht erhalten hÀtten. In erster Reihe sind es da die GebirgslÀnder 
und Gebirgsgegenden, wo wegen der erwÀhnten Ursachen oder auch wegen 
Mangels an fachmÀnnischer Hilfe, an Aerzten und geschulten Heb- 
ammen, die Volksmedicin und in erster Reihe die Volksgeburtshilfe 
noch immer reiche BlĂŒthen trĂ€gt. 


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VT 


Unbestreitbar ist es jedoch, dass der in allen civilisirten Staaten 
Europas stets intensiver betriebene geburtshilfliche Unterricht der Aerzte 
und Hebammen, sowie die stetige Zunahme dieses Heilpersonals der 
Volksgeburtshilfe immer engere Grenzen stecken. 

Und eben deshalb ist es die höchste Zeit, medicinisch- ethno- 
graphische und speciell geburtshilflich - ethnographische Studien zu 
machen. Jedes Jahr, das wir in dieser Beziehung unbenutzt verstreichen 
lassen, verringert die zu erwartende Auslese, und auch ich machte bei 
meinen diesbezĂŒglichen Forschungen in Ungarn die Erfahrung, die 
Arbeit in zwölfter Stunde unternommen zu haben, denn, von unserer 
Haupt- und Residenzstadt Budapest ganz abgesehen, auch aus den 
grösseren ProvinzstÀdten sowie den dem Eisenbahnverkehr nicht zu 
weit entrĂŒckten Gegenden konnte ich kaum einiges Material erhalten. 
Noch einige Jahrzehnte, und diese wahre Fundgrube medicinisch - ge- 
schichtlicher Forschung ist fĂŒr die Wissenschaft gĂ€nzlich verloren. 

Und genule um die medicinische Ethnographie Ungarns wÀre es 
jammerschade, denn es giebt in Europa kein zweites Land, wo so viele 
NationalitÀten, VolksstÀmme und Religionen vertreten wÀren, und wo 
es wegen der vielen Gebirge so viele Gegenden gÀbe, in welche die Fackel 
der Wissenschaft und Cultur noch nicht leuchtete, wie in diesem Lande. 

Das Studium der Volksmedicin ist aber, möge sie in wissenschaft- 
licher Beziehung auf einer noch so niedrigen Stufe stehen, und möge 
sie auch noch so viele lÀcherliche, dumme und naive, unseren moder- 
nen Anschauungen so sehr widersprechende Daten liefern, doch nicht 
gering zu schÀtzen, und zwar deshalb, weil es der empfindlichste Grad- 
messer der Cultur ist, und weil ein Fortschritt in Cultur und Civilisation 
nur dort möglich ist, wo man deren gegenwÀrtigen Zustand, sowohl deren 
Licht- als auch und in erster Linie deren Schattenseiten kennt. Eine 
gewissenhafte Therapie setzt eine gut gekannte Anamnese und eine ge- 
naue Aufnahme des Status praesens voraus. Die Geschichte der Medicin 
und anderer Wissenschaften bildet die Anamnese, wÀhrend die Volksmedi- 
cin ein wichtiger Theil des Status praesens ist, denn diese zeigt uns die 
kranken Theile, die wunden Punkte der Cultur und Civilisation am besten. 

Die HebammenverhĂ€ltnisse Ungarns lassen noch viel zu wĂŒnschen 
ĂŒbrig; es ist jedoch zu hoffen, dass es den seit Jahrzehnten fortgesetzten 
Bestrebungen des Prof. v. KezmÀrszky und namentlich den in neuerer 
Zeit mit edlem Feuereifer motivirten und propagirten VorschlÀgen 
Prof. Tauffer’s endlich gelingen wird, Ungarn auch in dieser Beziehung 
zu einem im edelsten Sinne des Wortes modernen Staate zu machen. 


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In meinen Forschungen sali ich schon eine schönere Zukunft, eine 
Periode der von Vorartheilen. Aberglauben und Blödsinn befreiten, ĂŒberall 
streng wissenschaftlich betriebenen Geburtshilfe dÀmmern, denn, dies 
muss ich schon hier bemerken, ĂŒberall dort, wo es Aerzte und ge- 
schulte Hebammen giebt, ist auch die Volksgeburtshilfe auf den Aus- 
sterbe-Etat gesetzt, und viele der spÀter zu schildernden VolksbrÀuche 
und Vorurtheile beziehen sich nicht so sehr auf die Gegenwart als auf 
eine Halbvergangenheit. Und noch Eines möchte ich hier mit etwas 
SelbstgefĂŒhl betonen. Am wenigsten grassirt die Volksgeburtshilfe in 
den von den civilisirteren. freier denkenden, nicht bigotten Ungarn, sowie 
auch von den Deutschen bewohnten Gegenden. Bei diesen Völkern sind 
wohl auch genug Vorurtheile und aberglÀubische BrÀuche verbreitet 
jedoch sind diese zumeist unschuldigeren Charakters, und, was die Haupt- 
sache ist es herrscht bei ihnen kein solcher Horror vor dein Arzte und 
der geschulten Hebamme, wie bei den ĂŒbrigen Völkern und Nationali- 
tÀten. Am schlechtesten fand ich die VerhÀltnisse bei den rumÀnischen, 
bulgarischen, serbischen, slowakischen und ruthenischen Bewohnern 
Ungarns. 

Meine im Folgenden mitzutheilenden Studien stellte ich auf Grund 
von etwa 12 000 Daten zusammen, die ich theils aus eigener Erfahrung 
kannte, grösstentheils jedoch mittelst Fragebögen, die mir von 120 Aerzten 
und 170 Hebammen gewissenhaft ausgefĂŒllt zurĂŒckgesandt wurden, sowie 
aus der meinen Gegenstand behandelnden spÀrlichen Literatur sammelte. 

Die so gefundenen VolksbrÀuche und Al>erglauben lassen sich 
ziemlich leicht gruppiren, indem bei denselben hauptsÀchlich folgende 
CharakterzĂŒge sich wie rothe FĂ€den durch sĂ€mmtliche Kapitel der 
Geburtshilfe und der Pflege des Neugeborenen ziehen: 

1. Der Glaube an ĂŒberirdische, sogenannte böse Geister, Hexen, 
„bösen Blick“, Beschreiung u. s. w.; 

2. Mangelnder Reinlichkeitssinn; 

3. Unkenntniss der Bedeutung von Blutverlusten, ja sogar gĂŒnstige 
Beurtheilung solcher, und 

4. Misstrauen gegen den Arzt und die fachgemÀss ausgebildete, 
diplomirte Hebamme, sowie Furcht vor allen Àrztlichen Eingriffen. 

Schliesslich möchte ich noch bemerken, dass ich die in Ploss- 
Bartels’ vorzĂŒglichem Werke (Das Weih in der Natur- und Völker- 
kunde) mitgetheilten, auf Ungarn bezĂŒglichen Daten, weil als allgemein 
bekannt voraussetzend, fast vollstÀndig ausser Acht liess und dann, 
dass ich nur nach solchen Daten das Comitat, den Ort oder die 


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VIII 


NationalitÀt, auf die sie sich beziehen, erwÀhne, die nur in einer oder 
einigen wenigen Gegenden Vorkommen. 

Um den Lesern die Benutzung meiner Arbeit zu erleichtern, 
erlaube ich mir am SchlĂŒsse einige wichtige Aussprache-Kegeln der 
ungarischen Sprache, sowie die deutschen Namen einiger Comitate und 
StÀdte mitzutheilen. 

Es ist mir endlich eine angenehme Pflicht, Herrn L Fernau 
(Th. Grieben’s Verlag) fĂŒr die sorgfĂ€ltige Ausstattung des Werkes 
meinen verbindlichsten Dank auszusprechen. 

Budapest, Mitte December 1899. 


Dr. Rudolf Temesvary. 


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UN1VERSITY ] 
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I. Menstruation.*) 

1. Erstes Auftreten der Menstruation. 

Dem Erscheinen der ersten Menstruation als dem ersten Sym- 
bol der Weiblichkeit wird zumeist eine grosse Bedeutung beigemessen, 
da man glaubt, dass dieses das ganze zukĂŒnftige sexuelle Leben be- 
einflusse. 

Nicht mit Unrecht wird aus einer frĂŒhen Reife auf eine grössere 
Fruchtbarkeit geschlossen. Je frĂŒher die Menstruation erscheint — so 
sagt man — , desto mehr Kinder wird die Frau gebĂ€ren. Anderer- 
seits heisst es auch: Wenn die erste Periode frĂŒh auftritt, bleibt sie 
auch frĂŒh aus, was bekanntlich weniger den Thatsachen entspricht. 

Bei der ersten Menstruation sind, um die spÀteren Menstruationen 
zu beeinflussen, verschiedene aberglÀubische Gewohnheiten in Ge- 
brauch. So werden die von der ersten Menstruation blutig gewor- 
denen Kleider drei Tage lang in Wasser eingeweicht, und das Wasch- 
wasser wird hierauf ĂŒber die so vielte — meist dritte — Sprosse einer 
Leiter hinweggegossen, als die Blutung in Zukunft Tage dauern 
soll (Com. Pest), oder es wird die Stiege bis auf zwei Stufen mit 
in menstruelles Blut getauchten TĂŒchern aufgewaschen (Com. Bekes), 
oder aber es werden die von der ersten Periode blutig gewordenen 
Kleider nicht ausgewaschen, sondern wÀhrend der zweiten Men- 
struation in demselben blutigen Zustande wieder angezogen, damit 
die Periode nur zwei Tage dauere. 

Im Comitat F eher wÀscht man das erste blutige Hemd mit 4, 
im Com. Somogy mit 3, in Szabadka mit 1 — 4 Fingern rein, damit 
die monatliche Blutung ebenso viele Tage dauere. Aus demselben 

*) Die Menstruation hat im Ungarischen folgende Bezeichnungen: Monats- 
zahl, monatliche Reinigung oder bloss Reinigung, monatliches Leiden, monatliche 
Ordnung, monatliche Fluth, Festtag. 

Temesv&ry, VotksbrZuche. 1 


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2 


Grunde werden im Com. ßacs (Schokazen) die ersten Blutstropfen in 
etwas Wasser mit 4 Fingern ausgewaschen und zwischen 4 NĂ€geln 
au8einandergeriebeu. 

Eine sonderbare Sitte herrscht noch an mehreren Orten anlÀss- 
lich des Erscheinens der ersten Blutung. Die Mutter schlÀgt nÀm- 
lich das MĂ€dchen auf beide Wangen, damit sein Gesicht stets so 
roth sei. wie nach dem Schlage. Man sagt: „Wie ihr Gesicht durch 
die Watschen geröthet ist, so bleibt sie immer roth, bis in den Tod.“ 
(Com. Gömör und Krassö-Szöreny.) 

Man misst dem ersten Blut auch einen cosmetischen Werth bei. 
Wenn das MĂ€dchen mit einem von der ersten Menstruation blutig 
gewordenen Tuche sein Gesicht abwischt, bekommt es nie Sommer- 
sprossen; auch gegen Leberflecken wird das erste menstruelle Blut 
fĂŒr wirksam gehalten (Szabadka). 

Als poetisch muss jene Sitte bezeichnet werden, wo das MĂ€d- 
chen mit dem ersten Tropfen Blut einen Rosenstock begiesst, da- 
mit sein Gesicht stets so roth wie die Rose bleibe (Com. HĂ€romszek, 
Esztergom, Somogy, Pest); zu diesem Zwecke sucht man einen ein- 
Ă€stigen Rosenstock oder Baum aus, damit die Frau nie mehr als 
ein Kind bekomme (Gödöllö). 

Die Ungarn des Com. Esztergom glauben, dass, wenn man mit 
dem Wasser, in welchem die blutigen Kleider ausgewaschen wurden, 
vormittags den Rosenstock begiesst, das betreffende MĂ€dchen ein 
lediger junger Mann heirathen werde, dass es dagegen einen Wittwer 
zum Manne bekÀme, wenn der Rosenstock nachmittags begossen wird. 

Der ersten Menstruation misst man auch eine befruchtende 
Wirkung bei ; deshalb wird das durch die Periode blutig gewordene 
Hemd fĂŒr sich gewaschen und werden dann mit dem blutigen Wasser 
die unfruchtbaren ObstbÀume begossen, damit sie Obst tragen. 
(Com. Arva.) 

Die RumÀninnen wischen sich mit dem blutigen Hemde, bevor es 
ausgewaschen wird, die Augen aus, um stets ein scharfes Auge auf 
das Hausgesinde zu haben. 

2. Hygiene wÀhrend der Menstruation. 

Was die spÀteren Menstruationen anbelangt, so besteht das Be- 
streben, nicht viel Blut zu verlieren. Deshalb wÀscht man sich wÀh- 
rend der Periode nicht, insbesondere nicht den Unterleib, und wechselt 
wÀhrend derselben nicht die WÀsche. Dies wird auch deshalb gethan, 


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3 


um nicht frĂŒhzeitig zu altern. Das Baden ist darum verboten, weil man 
glaubt, dass „das Blut der Frau mit dem Wasser schwinde“. Des-, 
halb ist das Baden auch nach der Menstruation verboten. Zum 
Waschen der WĂ€sche wird stets nur wenig Wasser verwendet. 

WĂ€hrend der Menstruation koche die Frau kein Obst oder Kraut 
ein, auch keine Gurken, ParadiesÀpfel etc., da dies alles zu Grunde 
gehen wĂŒrde (RumĂ€nen in Erdely). 

Wenn das Brot ausgegangen ist, so darf aus demselben Grund 
kein frisches gebacken werden. 

Die RumÀninnen gehen wÀhrend der Menstruation nicht aus 
dem Hause und sprechen wenig. 

Damit die menstruelle Blutung stets nur „einen Tag und eine 
Nacht“ dauere, wird auf die Stirn der Frau mit dem ersten Tropfen 
Blut ein Kreuz gemacht, oder es wird das Gesicht mit Blut be- 
strichen und ein Knabe gerufen, dem man auf seine Frage, was 
denn das sei, antwortet: „Ein Tag und eine Nacht“ (Com. Temes 
und TorontÀl). Andere tauchen einen Kreuzer in das Blut, damit 
die menstruelle Blutung nie grösser als ein Kreuzer sei. Von dem 
Waschwasser wird auch ein wenig in den Mund genommen und auf 
das Kleid gespieen, damit die Menge des Blutes nie grösser als die 
des ausgespieenen Wassers sei. 

Oder die Frau leckt ein erstgelegtes Ei einer jungen Henne ab 
und zieht ihr Unterhemd, dasselbe mit zwei Fingern anfassend, zwei- 
mal durch die Sprossen einer Leiter hindurch (Com. Pest). 

Schon Moses*) sagte, dass das menstruirende Weib unrein ist 
und zwar wÀhrend der Dauer der Menstruation, die er auf 7 Tage 
bemass, und wÀhrend der folgenden 7 Tage, ja bei Menorrhagie 
wÀhrend der ganzen Dauer derselben und 7 Tage nachher. Doch 
auch alles das, worauf das Weib liegt oder sitzt, ist unrein, wes- 
halb jeder, der die Stelle, wo das Weib gesessen oder gelegen hat, 
oder das Weib selbst berĂŒhrt, seine Kleider waschen, sich baden 
und sich bis abends als unrein betrachten muss. 

Wenn jedoch ein Mann mit einem menstruirenden Weib den 
Beischlaf ausgeĂŒbt hat, „so sei er 7 Tage lang unrein“. Am 8. Tage 
nach der Menstruation muss das Weib dem Herrn zwei Turtel- 
tauben oder zwei junge Tauben opfern. 

Als ein Ueberbleibsel dieses von den alten Rabbinen**) genauer 

*) Pentateuch. Buch V, Lcviticus, Cap. XV, Satz 19 — 24. 

**) Misch nah. 6. Theil. Niddah. 


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4 


festgestellten Gesetzes ist die noch heute von den Orthodoxen vor- 
geschriebene Sitte anzusehen, dass wÀhrend der Menstruation, deren 
minimale Dauer auf 5 Tage festgesetzt ist, und wÀhrend der darauf 
folgenden 7 Tage das Weib keinen geschlechtlichen Umgang pflegen 
darf und am 8. Tage nach Sonnenuntergang oder im Behinderungs- 
falle am nÀchstfolgenden Tage ein Reinigungsbad nehmen muss. 

Dieses rituelle Bad nennt man „Mikwah“ (— Quelle), das nur 
aus Quell- oder Regenwasser und nicht aus geschöpftem Wasser 
bereitet sein darf. Nach Manchen darf auch kein Regen wasser 
verwendet werden, da dieses auch zum Trinken benutzt wird. 

In jeder Stadt und an jedem Orte, wo es Gemeinden orthodoxer 
Juden giebt, wird fĂŒr die Errichtung eines solchen Bades gesorgt. 
In kleineren Orten befindet es sich meist im Hause der Cultusge- 
meinde und zwar im Hofe desselben. Wo es kein solches Bad giebt, 
badet sich die orthodoxe JĂŒdin im nahen Bache oder Flusse, selbst 
zur Winterszeit, wo in das Eis ein Loch gehauen wird und sie in 
das eiskalte Wasser dreimal untertaucht, damit, wie es eben der 
religiöse Ritus vorschreibt, kein einziges Haar an ihr trocken bleibe. 

Auch Budapest besitzt ein solches Bad. Bei dem Baue dieser 
BĂ€der ist die Hauptregel, dass sich die zufĂŒhrenden Wasserrohren 
nicht im Winkel oder in starken KrĂŒmmungen treffen, sondern nur 
schwache Biegungen und wellenförmige KrĂŒmmungen haben dĂŒrfen ; 
auch darf der letzte viertel Meter der Röhren nicht freiliegend und 
nicht aus Metall, sondern muss eingemauert, betonirt sein. Diese 
Frauen nehmen hierzulande zuerst ein Einzelbad und gehen erst 
dann in das gemeinsame Bassin, das jeden Tag grĂŒndĂŒchst gereinigt 
und trocken ausgewischt wird. 

Die Wasserhöhe hat 1,5 Meter zu betragen, und Quellwasser 
muss darin wenigstens in einer Höhe von '/ a Meter (resp. nach dem 
jĂŒdischen Mass mindestens 40 Sir) enthalten sein; das ĂŒbrige Wasser 
darf welchen Ursprung immer haben. 

In der Provinz sind diese BĂ€der gewiss nicht so einwandsfrei, 
wie ich das Budapester gefunden habe. 

Diese BÀder betreffend, ist noch der Brauch zu erwÀhnen, dass 
bei der AusgangsthĂŒr gewöhnlich ein Knabe steht, der von der Frau 
vor dom Verlassen des Lokals berĂŒhrt wird, was, wie man mir mit- 
theilte, den Sinn haben soll, dass, da es seiner Zeit fĂŒr einen Scheidungs- 
grund galt, wenn die Frau vor dem Reiniguugsbad ihren Mann zu 


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5 


sich liess, durch die BerĂŒhruug der Knabe eventuell Zeugenschaft ab- 
legen könnte, dass die Frau das vorgeschriebene Bad auch thatsÀchlich 
genommen habe. Anderer Ansicht nach hĂ€tte diese BerĂŒhrung den 
Sinn, dass bei dem dem Bad bald nachfolgenden Beischlaf ein Knabe, 
resp. ein schönes Kind (Jugend = Schönheit) gezeugt werde. 

Im BÀcser Comitat darf wÀhrend der Menstruation deshalb kein 
Coitus ausgefĂŒhrt werden, weil das eventuell so gezeugte Kind mit 
wundem Gesicht auf die Welt kÀme. 

3. Menorrhagie. Amenorrhoe. Dysmenorrhoe. 

Bei starker Blutung kocht man rothe Malve und Zimmt in 
Wein, oder isst Zimmt, oder legt aus essiggetrÀnkter Kleie bereitete 
UmschlÀge auf den Bauch. 

Bei Amenorrhoe und Bleichsucht schreibt man den MĂ€dchen 
hÀufiges Wechseln der WeisswÀsche und vieles Tanzen vor, oder legt 
ihnen gewÀrmten Sand, auch heisse Asche auf den Bauch, stellt 
sie ĂŒber frisch gelöschten Kalk oder giebt ihnen Safran ein. 

WĂ€hrend der Menstruation gehe das Weib auf einen Berg, lasse 
sein Blut auf den Boden tropfen und sage: „Von dem Wenigen, 
was ich habe, gebe ich dir, doch gieb du mir mehr.“ (v. Wlislocki.) 

Gegen Dysmenorrhoe werden Kataplasmen und Vaporisationen 
z. B. mit Heu angewendet. In Eger isst man gegen dieses Leiden 
einen Apfel, in dem 48 Stunden hindurch EisennÀgel staken. 


« 


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II. SterilitÀt. 


4. Ursachen der SterilitÀt. 

Ueber die Ursachen der SterilitÀt sind die verschiedensten An- 
sichten verbreitet. Es sind daher auch die gegen sie angewandten 
Verfahren sehr mannigfaltig, wiewohl mau kein anderes Leiden so 
sehr als von Gottes Hand stammend ansieht, wie die Unfruchtbar- 
keit. Deshalb giebt es vielleicht auch keine einzige Krankheit resp. 
kein Gebrechen, gegen welches man das Wallfahren, Messelesen, 
au manchen Orten das Anhören von gerade 7 Messen, eventuell ver- 
bunden mit einem Fasttage, Almosengeben, das KerzenanzĂŒnden vor 
dem Bilde der Jungfrau Maria oder ihr gewidmete Geschenke, die 
verschiedensten Gebete etc. fĂŒr so erfolgreich hielte, wie gegen die 
SterilitÀt. Die Szekler pflegen Marienbilder in das Bett zu legen. 
Bei den RumĂ€nen hĂ€lt die sterile Frau ein „Posztu precseszti“ ge- 
nanntes Fasten zu Ehren der heiligen Jungfrau. 

Au vielen Orten bringt man das Leiden mit dem Temperament 
beider HĂ€lften in Zusammenhang. Deshalb werden, damit das Blut 
„sich erhitze“, Thee, sowie starke GetrĂ€nke getrunken, stark gewĂŒrzte 
Speisen gegessen, Brausepulver genommen, ward wÀhrend und nach 
der Menstruation der Beischlaf hĂ€ufig ausgeĂŒbt. 

Es herrscht auch der Glaube, dass die SterilitÀt auch daher 
rĂŒhre, dass „die Natur des Weibes nicht mit der Natur desjenigen 
zusammentrifft“, mit dem sie den Beischlaf ausĂŒbt; oder dass sein 
Blut zu dem ihrigen nicht passe und sie deshalb Umgang mit 
jemand Anderem pflegen, oder, wie man im Com. Feher sagt, 
„zum Hahn der Nachbarsfrau gehen“ mĂŒsse. Der „Hahnwechsel“ 
ist ĂŒbrigens in Oesterreich ein ziemlich landlĂ€ufiges Recept gegen 
die SterilitÀt. Andere wieder rathen ihr, nur mit einem Manne 
den Beischlaf auszuĂŒben. Man sucht schwarze KĂ€fer (wahrschein- 
lich eine Art Canthariden, Meloe), zerstösst diese und trinkt sie 


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7 


in Branntwein. Andere finden in einer guten ErnÀhrung das 
Remedium. So isst im Comitate HĂ€romszek das sterile Weib 
30 Tage hindurch tĂ€glich '/< Kilo Fleisch und trinkt ■/, Liter Alt- 
wein. Den Aerger hĂ€lt man auch fĂŒr eine der Ursachen der Ste- 
rilitÀt. Ebenso hÀlt man bekanntlich allgemein den Mangel des 
WollustgefĂŒhls fĂŒr ein ursĂ€chliches Element. „Ihr Mann liebt sie 
nicht,“ sagt mau in der BĂ€cska ( V Ali). 

In Duna-Szerdahely (Com. Pozsony) trinkt man den aus dem 
Wiesenklee gepressten Saft, weil man glaubt, dass „im Wiesenklee 
etwas enthalten sei, was in der Mutter den Samen producirt“. Im 
Ungarischen wird nÀmlich Klee und Hoden mit demselben Worte 
(here) bezeichnet. 


5. Behandlung der SterilitÀt. 

Die RumÀnen im MÀrmaroser Comitat vermengen den Brannt- 
wein mit Unkraut von verschiedenen Farben und trinken ihn, in 
der Meinung, dass sie so viel Kinder bekommen werden, wie viel 
Farben die von ihnen benĂŒtzten Pflanzen haben. 

Eine grosse Rolle spielen BÀder verschiedener QualitÀt. So 
empfiehlt man ein Pfefferbad, ein Bad aus Gerberlohe, oder aus ver- 
schiedenen KrÀutern bereitete BÀder, eventuell jeden Tag, damit 
sich die GebÀrmutter resp. der Muttermund öffne. 

Im Baranyaer Comitat setzt man Blutegel an die HĂŒften. Im 
Comitate HÀromszek hÀlt man die BÀder von Borszek nicht ohne 
Grund fĂŒr angezeigt. Andere wieder halten den 40tĂ€gigen Gebrauch 
der BĂ€der, fern vom Manne, fĂŒr nĂŒtzlich, ln MĂ€rmaros werden 
Erlenrinde, Alaun und Vogelmist vermengt, gekocht und zu BĂ€dern 
verwendet. 

Einige erwarten von Einreibungen Erfolg. Fast ĂŒberall werden 
diese von Wahrsagerinnen, Curpfuscherinnen, Bauernhebammen be- 
sorgt, die dabei angeblich den „Uterus drehen“. 

Im Allgemeinen fÀllt der Curpfuscherei nirgends eine so grosse 
Rolle zu, wie bei der SterilitÀt, sowie, wie wir sehen werden, bei 
dem Verfahren gegen die Conception resp. GraviditÀt. 

Die Juden in MĂ€rmaros glauben an die Wahrsagungen und 
Heilmittel der „Wunderrabbiner“. 

Die Zigeunerfrauen tragen einen schneckenartigen kleinen Körper 
3 Jahre lang um ihren Leib, und wenn dies nichts hilft, so geben 
sie jede Hoffnung auf. 


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Es giebt ausserdem noch sehr absonderliche, aberglÀubische 
Sitten. So glaubt man. dass es gut ist, wenn sich beim Coitus die 
Unterhose des Mannes unter dem Kopfe des Weibes befindet (Com. 
CsongrÀd). oder wenn die sterile Frau aus einem solchen Brunnen 
trinkt, den sie bis dahin nicht gesehen hat (Com. Heyes), oder wenn 
eine Frau, die schon geboren hat, zu Weihnachten mit ihrer teigigen 
Hand die Taille der sterilen Frau umspannt (Serben in BĂ€cs). 

Bei den Slowaken im Comitate Gömör prĂŒgelt man mit dem 
Zeug, in welches bei einer Geburt das Kind von der Hebamme ge- 
hĂŒllt wurde, die sterile Frau und glaubt, dass sie „bei dieser Ge- 
legenheit gleich schwanger bleibt“. 

Bei den RumÀneu im Temeser Comitate herrscht die Sitte, dass 
die sterile Frau den zusammengetrockueten Nabelschnurrest isst und 
von dem Blute der Nabelschnur trinkt. 

Im Comitat Hajdu wird von den Lochien oder Blutgerinnseln 
einer Primipara den sterilen Frauen eingegeben. 

Eine grosse Rolle spielt bei Behandlung der Unfruchtbarkeit 
der Mutterkuchen. So empfiehlt man das Baden in einem solchen 
Wasser, in dem sich die Placenta einer Frau, die eben geboren hat, 
befindet (Serben im BĂ€cser Comitat), oder das Trinken eines Brannt- 
weines, in den von der getrockneten Placenta einer ErstgebÀrenden 
etwas gegeben wurde (Com. KomÀrom), oder aber das Sitzen auf 
einer noch warmen Placenta einer Primipara (Ruthenen). 

Eine eigenthĂŒmliche Sitte herrscht im Comitate Bekes, w r o man 
sich paarende Hunde mit einem Stabe auseinander jagt und mit 
diesem Stabe dann auch die sterile Frau schlÀgt; im BÀcser Com. 
rÀuchert sich die Frau mit den Haaren coitirender Hunde oder mit 
Weihnachtsbrosamen (VĂ€li). 

Bei den Schokazen schlÀft die Frau auf einem Tuche, mit dem 
sie zwei Hunde wĂ€hrend der Paarung berĂŒhrte, oder sie isst zur Zeit 
des Neumondes in Esels- oder Pferdemilch gekochten Roggen. Ein 
anderes, bei demselben Volksstamm herrschendes complicirteres 
Verfahren besteht in Folgendem: Eine Frau, die bereits mehrere 
Kinder hat. sucht einen Stein, der wÀhrend des Wurfes auf einem 
Apfelbaum geblieben ist, nimmt diesen Stein herunter, steckt ihn 
in ein Ei, giesst bei Neumond Wasser darauf und lÀsst das 
Wasser von der sterilen Frau trinken, deren Brauthemd sie daun 
9 Wochen trÀgt. 


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AnderwÀrts wird von dem Knochen eines Todten etwas in das 
GetrÀnk der Frau hineingeschabt. Wenn jedoch in das Brautbett 
der Knochen eines Todten gethan wird, so wird die Frau nur todte 
Kinder bekommen (v. Wlislocki). 

Im Somogyer Com. wird das sterile Ehepaar von einigen alten 
Weibern in den Wald gefĂŒhrt und dort unter einem Eichenbaum, 
aus dem 2 — 3 StĂ€mme hervorgingen, dreimal hin- und hergezerrt, 
damit es so fruchtbar werde, wie der Eichenbaum. 

Die Zigeuner bedauern eine sterile Frau und missachten sie, 
da nach ihrem Glauben eine solche Frau vor ihrer Ehe ein Ver- 
hÀltniss mit Vampyren gehabt hat. Gegen die SterilitÀt ist ihr be- 
liebtestes Mittel folgendes: Die Frau isst bei zunehmendem Mond 
Gras von einem Grab, in welchem eine gravide Frau ruht, oder sie 
trinkt ein Wasser, in das ihr Mann Kohle geworfen oder aber 
hineingespuckt hat. 

Bei den Sachsen in SiebenbĂŒrgen pflegt mau den Frauen gegen 
die SterilitÀt die getrockneten Genitalien eines Fuchses in Eselsmilch 
zu geben (Organotherapie!). 

Bei den Ungarn in SiebenbĂŒrgen hĂ€ngt die Frau neun Monate 
hindurch zur Zeit des Vollmondes ein Tuch auf einen Baum auf, 
auf das sie wÀhrend ihrer letzten Periode Blut tropfen liess, und 
sagt: „Baum, ich gebe dir mein Blut, gieb du mir deine Kraft, da- 
mit ich mit meinem Blut Kinder erziehe.“ 

In Kalotaszeg isst die sterile Frau jeden Freitag vor Sonnen- 
aufgang in Eselsmilch gekochte spanische Fliegen und Hanfblumen 
und sagt, einen Baumast rĂŒttelnd: „Herr Freitag ging in den 
Wald, traf dort Frau Samstag und sagte zu ihr: „„Lass dich um- 
armen!““ Frau Samstag stiess ihn von sich und sagte: „„Du bist 
ein trockener Zweig; wenn du wieder grĂŒnest, komme zu mir!““ 
Zweig, gieb mir Kraft, dir gebe ich meine.“ 

Wenn einer Schokazen-Frau bereits mehrere Kinder gestorben 
sind oder sie schon öfters abortirt hat, so trĂ€gt sie — in manchen 
Gegenden — im Falle einer neuen GraviditĂ€t am GrĂŒndonnerstag 
einen aus den Haaren eines Eselsschwanzes verfertigten GĂŒrtel am 
nackten Körper und beginnt das Hemdchen des zu erwartenden Kin- 
des an einem Feiertag oder Sonntag zuzuschneiden und zu nÀhen. 
So wird das Kind im Leben glĂŒcklich werden (v. Wlislocki). 

Jenseits der Donau pflegt die sterile Frau Eiweiss und den 
weissen Kern eines Eigelbes mit dem Blute ihres Mannes zusammen 


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zu rĂŒhren, diese Mischung auf die Knochen eines Todten zu giessen 
and das Ganze an einer Stelle zu vergraben, wo der Mann zu uri- 
niren pflegt. Auch in Kalotaszeg herrscht diese Sitte. Deshalb 
sagt man dort von einem Vater vieler Kinder, dass man „mit seinem 
Blute Eier gerĂŒhrt hĂ€tte“. 

6. Hochzeitsgebrituche zur Erzielung von Fruchtbarkeit. 

An manchen Orten zielen schon gewisse anlÀsslich der Hochzeit 
gepflogene GebrÀuche auf Verhinderung einer unfruchtbaren Ehe hin. 
So reichen in der westlichen Muraköz die FamilienÀltesten und das 
jungvermÀhlte Paar einander die HÀnde und begeben sich in der 
gebrÀuchlichen Reihenfolge, jedoch eilenden Schrittes, zu Tische, 
damit dem neuen Paar baldiger Kindersegen beschieden sei. 

Bei den Zigeunern in SiebenbĂŒrgen wirft mau dem jungen Paare, 
wenn es zum ersten Male sein Zelt betritt, alte Schuhe, Stiefeln 
und Sandalen nach, damit ihre Ehe fruchtbar sei. 

Im BÀcser Com. wendet die junge Frau wÀhrend der Hochzeits- 
uacht unbemerkt das Kissen ihres Mannes (VĂ€li), 

7. Sonstiger Aberglaube. 

Bei Demjenigen, in dessen Richtung bei einem Glassturz der 
Wein fliesst, wird bald eine Taufe sein (SĂŒd-Ungarn). 

Wenn das Haar der Katze auf der Seite versengt ist, so wird 
die Hausfrau gravid (Udvarhelyszek). 

Wenn eine unfruchtbare Frau in der Weihnachtsnacht in einen 
Brunnen spuckt, so wird sie bald gebÀren. 

Begegnet der Hochzeitszug einer Henne mit ihren KĂŒchlein, so 
wird die Ehe reich an Kindern und SchÀtzen sein. 

Im Comitate Zala glaubt man, dass eine Frau so viele Kinder 
haben wird, als Knoten an der Nabelschnur des ersten Kindes waren. 
Im Comitat Gömör glaubt man, dass, wenn eine Braut am AnfÀnge 
des Sommers zusammengebackenes Obst gegessen, sie zuerst Zwillings- 
kinder gebĂ€ren wĂŒrde. 

Zum SchlĂŒsse will ich noch erwĂ€hnen, dass in der Religion der 
heidnischen Urmagyaren die Nagyboldogasszony, an deren Stelle 
nach Aufnahme und Verbreitung des Christentbums die heilige 
Anna, die Mutter der heiligen Maria (Schutzgöttin des Wochenbettes) 
gesetzt wurde, die Schutzfrau der Zeugung und der Geburt war, 
resp. nach den Traditionen, die man im Alföld (in der Umgebung 
von Szeged) noch heutzutage in Ehren hĂ€lt, „die heilige Maria die 


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Patronin der in gesegneten UmstÀnden Befindlichen ist, an die sich 
auch die Unfruchtbaren wenden, welch Letztere, um ihr Ziel zu er- 
reichen, d. h. von der heiligen Anna resp. Maria erhört zu werden, 
ihr zu Ehren 9 Dienstage nach Pfingsten fasten“ (KalmĂ€ny), eventuell 
thun sie dies auch noch am 10. Dienstag zu Ehren des heiligen 
Joachim. Die heilige Anna gebar nÀmlich erst nach langjÀhriger 
SterilitÀt die heilige Maria. Der heilige Joachim wieder war be- 
kanntlich der Mann der heiĂŒgen Anna. 


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III. KĂŒnstliche SterilitĂ€t. 


8. Antleoiiceptioiielle Verfahren. 

Eineu der schĂ€dlichsten und auch fĂŒr Ungarn gefĂ€hrlichsten Aus- 
wĂŒchse bilden die anticonceptionellen und mit dem Strafgesetzbuche 
in Oonflict bringenden, aber darum nicht minder verbreiteten Abor- 
tivmittel und -Verfahren. Mit tiefem, Bedauern konnte ich den auf 
meine Fragen erhaltenen Antworten die Thatsache entnehmen, dass 
die Fruchtabtreibung im ganzen Lande im ausgedehntesten Maasse 
betrieben wird und zwar so sehr, dass die meisten Hebammen ĂŒber- 
haupt nicht auf die ihnen von mir vorgelegte Frage, was die Frauen 
thun, um nicht schwanger zu werden, antworteten, sondern vielmehr 
— ich wiederhole es, von allen Gegenden des Landes — auf die 
gar nicht an sie gerichtete Frage Bescheid gaben, was fĂŒr frucht- 
abtreibende Mittel und Verfahren so zu sagen palam et publice an- 
gewendet werden. Mit der Abtreibung beschuldigen sie die schwangeren 
Frauen selbst, zum grösseren Theile jedoch die sich beinahe aus- 
schliesslich damit beschÀftigenden sogen, javas asszonyok (Wahr- 
sagerinnen), Curpfuscherinneu und Bauernhebammen. 

Ich wĂŒrde den Rahmen meiner vorliegenden Arbeit weit ĂŒber- 
schreiten, wollte ich mich ĂŒber die volkswirthsckaftlichen, morali- 
schen und hygienischen Gefahren, sowie ĂŒber die verderblichen 
Folgen dieser strafbaren Umtriebe verbreiten, und will mich des- 
halb lediglich auf die blosse AufzÀhlung der trockenen Thatsachen 
beschrÀnken. 

Der besseren IJebersicht halber theile ich dieses Capitel ein: 

1) in aberglÀubische GebrÀuche bei der Hochzeit, welche auf 
Erreichung einer unfruchtbaren Ehe abzielen. Dieselben sind voll- 
kommen gefahrlos und können, da sie absolut keine Wirkung haben, 
weder quoad valetudinem, noch quoad procreationem schaden; 

2) in GebrÀuche beim Beischlaf, welche den Zweck haben, einer 
Conception vorzubeugen. Der Erfolg und somit auch die SchÀdlich- 


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keit dieser GebrÀuche sind zum Theil gleichwertig mit den sub 1) an- 
gefĂŒhrten Verfahren, doch sind dieselben zum Theil nur quoad pro- 
creationem nachtheilig ; 

3) in aberglÀubische GebrÀuche wÀhrend und nach der Geburt, 
welche kĂŒnftige SterilitĂ€t der Frau bezwecken. Diese sind zum Theil 
mit den sub 2) angefĂŒhrten gleich werthig, zum Theil aber auch schon 
quoad valetudinem zu verdammen; 

4) in Abortivverfahren, auf deren in jeder Hinsicht schÀdliche 
Folgen — abgesehen von denjenigen Verfahren, welche absolut keinen 
Werth haben — ich wohl nicht besonders hinzuweisen brauche. 

Ich hebe wiederholt hervor, dass ich die hierauf Bezug haben- 
den Daten aus allen Gegenden des Landes und von allen Natio- 
nalitÀten desselben (Magyaren, RumÀnen, Serben, Deutschen u. s. w.) 
ohne Ausnahme habe sa mm eln können, und will hier nur noch des 
charakteristischen Umstandes ErwÀhnung thun, dass ich auf meine 
Frage, was die Frauen gegen ihre Unfruchtbarkeit thun, von vielen 
Seiten die Antwort bekommen habe: „Nichts; sie freuen sich ja, 
wenn sie nicht schwanger werden“, oder: „Sie sind froh, wenn sie 
kein Kind haben“, u. s. w. 

In manchen Gegenden (z. B. im Com. Hajdu) hÀlt die Frau 
es sogar fĂŒr eine ausgesprochene Schande, viele Kinder zu haben. 

1). HoehzeitsgebrÀuehe zur Erreichung von SterilitÀt. 

Vielen Ortes denkt man schon bei der Hochzeit daran, wie 
man eine möglichst unfruchtbare Ehe erzielen könnte. Zu diesem 
Behufe wirft man ein Reisig aus dem Brautkranze in den glĂŒhen- 
den Backofen (DÀny, Comitat Pest), oder die Braut löscht mit 
ihrem letzten Menstrualblut einen glimmenden Rosmarinzweig (Sza- 
badka), oder man legt der Braut ein zugesperrtes Schloss vor die 
FĂŒsse, ĂŒber welches sie bei ihrer Hochzeit hinĂŒbersteigen muss, da- 
mit sie niemals schwanger werde (Comitat Sopron). 

In KörmöczbÀnya wirft die Mutter der Braut ein zugesperrtes 
Schloss in den Brunnen, wenn sie nicht will, dass ihre Tochter ein 
Kind bekomme. Wenn Jemand das Schloss findet und öffnet, so 
hört der Zauber auf (Versenyi). Auch in Szabadka wirft die Braut 
ein gesperrtes Schloss in den Brunnen oder aber sie trÀgt ein Hemd 
ihres BrÀutigams um den Leib gebunden (VÀli). 

Im Bekcser Comitat giebt man der Braut ein zugesperrtes 
Schloss in die Hand und stopft dessen SchlĂŒsselloch mit Hirse zu. 


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Nach der Trauung wirft die Braut das Schloss in den Brunnen, 
wĂ€hrend sie den SchlĂŒssel aufbewahrt. 

AnderwĂ€rts, wo die AnsprĂŒche bescheidener sind, wĂŒnscht man 
die Unfruchtbarkeit nur fĂŒr einige Jahre. Zu diesem Zwecke be- 
hext in der Muraköz die Mutter oder die BrautfĂŒhrerin die Braut 
fĂŒr einige Jahre mit dem Quatemberfaden, was darin besteht, dass sie 
der Braut beim Gange zur Kirche in den untersten Saum ihres 
Kleides drei Stecknadeln sticht, um welche herum ihr (der Braut) 
spÀter heim Verlassen der Kirche eine alte Frau einen Quatember- 
faden bindet und in denselben so viel Knoten macht, wie viel 
Jahre die Frau steril zu sein wĂŒnscht. Unter Quatemberfaden wird 
der an einem Quatembertag (22. Februar, 24. Mai, 20. September, 
20. December) gesponnene Hanf verstanden. 

Im NögrÀder Comitat lÀsst man die Braut einige Getreide- 
körner in den Brunnen werfen. Wie viel Körner sie hineinwirft, 
so viel Jahre wird sie kein Kind bekommen. 

Im Krassö-Szörenyer Comitat hÀlt die Braut wÀhrend der Trau- 
ung so viel geschlossene Heftel in ihrem Mund, wie viel Jahre sie 
kein Kind haben will. Im Baranyaer Comitat urinirt sie auf eben- 
soviel glĂŒhende Kohlen, verbirgt diese in einem SĂ€ckchen in ihrem 
Busen und legt wÀhrend der Trauung ihre linke Hand darauf. 
Ein anderes, dort beliebtes Verfahren besteht darin, dass die Braut 
beim Gange zur Kirche, gewisse Worte murmelnd, so viel Schorn- 
steine zÀhlt, wie viel Jahre sie kein Kind haben will. In Szabadka 
(BĂ€cser Comitat) glaubt man umgekehrt, dass eine Frau in der 
Ehe so viele Kinder haben wird, als sie, von ihrer Trauung kommend, 
Schornsteine bemerkte (Bellosics). 

Bei den oberungarischen Slowaken setzt sich die Braut in der 
Kirche vor der Trauung auf so viele Finger, oder legt — desgleichen 
vor der Trauung — so viele Finger auf den Altar, oder aber tritt 
an dem der Trauung vorangehenden Tage rĂŒcklings auf so viele Stufen 
oder Leitersprossen, als sie sich Kinder wĂŒnscht. (IstvĂ€nffy.) 

In Kalotaszeg meint man, dass, wenn die Frau von den Knochen 
eines ungetauft verstorbenen Kindes bei sich trÀgt, sie davon unfrucht- 
bar werde (Jankö), ebenso, wenn sie mit ihrem menstruellen Blute die 
Genitalien eines todten Mannes einschmiert. Deshalb sagt man dort 
von einer unfruchtbaren Frau, dass sie „auf einen Todten urinirt 
habe“, (v. Wlislocki.) 

Bei den Schokazen glaubt man, dass, wenn einem jung vermÀhl- 


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ten Paar in das Ehebett vom Grabe eines an einem Neujahrstage ge- 
storbenen Mannes und einer an einem solchen Tage gestorbenen Frau 
stammende Erde gestreut wird, die Ehe kinderlos und unglĂŒcklich, 
und ebenso die Frau niemals schwanger sein werde, und wenn man 
von ihrem Menstrualblut etwas in deu Sarg eines todten Mannes 
thut, so mĂŒsse die Frau stets krĂŒppelige Kinder zur Welt bringen. 

Den Brauch, mit dem ersten menstruellen Blut einen einastigen 
Rosenstock oder Baum zu begiessen, um nur ein Kind zu bekommen, 
erwÀhnte ich schon. 


10. Coitus. 

Was die beim Beischlaf befolgten Verfahren anbelangt, so will 
ich auf die bekannten PrÀservativmittel nicht weiter eingehen, son- 
dern erwĂ€hne nur, dass diese — selbst das Pessarium occlusivum 
nicht ausgenommen — bedauerlicherweise schon in der kleinsten 
Dorf-Gemeinde bekannt sind. An manchen Orten (z. B. bei den 
Serben des BĂ€cser Comitates) steckt man Wachsscheiben, ander- 
wÀrts (bei den Wallachen des Torontaler Comitates) Kampher oder 
Alaun in die Scheide. 

WÀhrend oder unmittelbar vor und nach der Periode hÀlt man 
den Beischlaf fiir besonders gefÀhrlich. 

Die NögrÀder Slowaken sowie die MÀrmaroser Ruthenen glau- 
ben, dass die Frau der Gefahr des Schwangerwerdens weniger aus- 
gesetzt ist, wenn sie geschlechtlich mit mehreren MĂ€nnern verkehrt. 

Grosse Bedeutung misst man auch der nach dem Beischlaf 
eingenommenen Lage bei. Vielen Ortes empfiehlt man der Frau, nach 
dem Beischlaf aus dem Bett zu steigen und zu uriniren, oder rasch 
aufzuspringen, oder ordentlich ihren Bauch zu drĂŒcken oder zu pressen, 
oder in eine leere Flasche zu blasen und so den befruchtenden Stoff 
aus sich herauszupressen, oder nicht auf dem RĂŒcken liegen zu blei- 
ben, sondern sich auf die rechte oder linke Seite oder auf deu 
Bauch zu legen, oder gleich a tergo oder a latere zu coitiren. Im 
Maros-Tordaer Comitat schluckt die Frau nach jedem Beischlaf etwas 
Kochsalz. 

Die Irrigationen erfreuen sich schon geringerer Verbreitung 
und werden mit reinem Wasser oder mit Carbol vorgenommen. 
Unsere Daten beziehen sich freilich vorne hmli ch auf die untere 
Volksklasse. 

Um so grössere Verbreitung geniesst der Coitus interruptus. 


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Wir wissen, dass eine Art desselben, nÀmlich das Zusammen- 
pressen des Penis bei der Wurzel vor dem Samenerguss, in der wissen- 
schaftlichen Nomenclatur als „SiebenbĂŒrger Verfahren“ bezeichnet 
wird. Am verbreitetsten ist die Ejaculatio extra genitalia, welche 
man in mehreren Gegenden in ziemlich geistreicher Weise umschreibt. 
So sagt man im Baranyaer Comitat: „er ackert, aber sĂ€et nicht“; 
im HĂ€rmoszeker und im Hunyader Comitat: „drinnen drischt er, 
draussen streut er“; im Biharer Comitat: „gehe nicht ins Zimmer, 
sondern bleibe im Vorraum“; anderwĂ€rts: „verlasse die Kirche vor 
dem Segen (d. i. vor der Besprengung)“ ; oder bei den Deutschen: 
„vor Michaeli ausziehen“. Am verbreitetsten ist der Ausdruck: „sie 
geben Acht“. 

Von sonstigen den Coitus betreffenden GebrÀuchen will ich nur 
erwÀhnen, dass* man denselben in Kalotaszeg wÀhrend der Acker- 
zeit nicht ausĂŒbt, damit das Getreide nicht rostig werde (.1 anköj. 

11. GebrÀuche wÀhrend der Geburt und des Wochenbettes 
behufs Vermeidung neuerlicher SchwÀngerung. 

Die wÀhrend, respective nach der Geburt angewandten Ver- 
fahren zur Erreichung spÀterer Unfruchtbarkeit sind die folgenden. 
Die im Temeser Comitat wohnenden RumÀnen legen die schmutzige 
WĂ€sche nach der Geburt des ersten Kindes unter einen Stein und 
lassen sie dort 3 bis 5 Tage liegen, damit die Frau eben so viele 
Jahre kein Kind bekomme. In Gödöllö macht man zu diesem Be- 
hufe in den placentaren Theil der Nabelschnur einige Knoten. Auch 
im BĂ€cser Comitat werden so viele (1 — 4) Knoten in die Nabel- 
schnur gemacht, oder es werden so viele W eizenkörner in die Pla- 
centa gesteckt, wie viele Jahre sich die Frau kein Kind wĂŒnscht 
(VĂ€li). Die Serben des Comitates Feher (Batta), sowie Frauen des 
Tolnaer Comitates geben den Mutterkuchen in einen neuen Topf und 
vergraben letzteren, nachdem sie ihn mit einem neuen Deckel zu- 
gedeckt haben, im Keller, glaubend, dass, so lange der Mutterkuchen 
nicht vollstÀndig verfault, die Frau kein Kind bekomme. 

Im Bekeser Comitat muss an dem Tage, wo die Wöchnerin zum 
ersten Male wieder aufsteht, das Bett derselben von einer zu diesem 
Zwecke bestellten Frau, und zwar so gemacht werden, dass es Erstere 
nicht bemerkt. Man meint, dass die Betreffende auf diese Weise 
nicht wieder schwanger wird. Bei den oberungarischen Slowaken 
wirft die Frau, wenn sie nicht mehrere Kinder haben will, ein Schloss 


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in das Grab eines ihrer Verwandten (lstvÀnffy). Bei den SokÀczen 
knĂŒpft die Frau zu diesem Behufe bei abnehmendem Monde in das 
Unterhosenband ihres Mannes zahlreiche Knoten und trÀgt dasselbe 
bis zu Ende ihrer nÀchsten monatlichen Reinigung auf ihrer Brust, 
um es darauf in fliessendes Wasser zu werfen, oder die Wöchnerin 
knetet vor ihrem ersten Ausgange Teig, wÀscht ihre teigigen HÀnde 
in einem kleinen Fass, trÀgt dasselbe zur Kirche und giesst seinen 
Inhalt gegen die KirchenthĂŒre. (v. Wlislocki.) 

In einigen Gegenden fegt man wÀhrend des Wochenbettes den 
Kehricht gegen das Fenster zu, da man glaubt, dass die Frau dann 
nicht so bald wieder Kinder bekommen werde. Man thut dies 
ĂŒbrigens — wie wir sehen werden — auch aus einem anderen Grunde. 

Ein interessantes organotherapeutisches Verfahren ist in einer 
reformirten Gemeinde namens Csököly sehr beliebt. Dort trocknet 
man im Schornstein den Eierstock eines Mutterschweines, pulverisirt 
ihn, seiht dann das in Wasser aufgelöste Pulver siebenmal durch 
ein Sieb und giebt die Lösung der Frau kurz nach der Geburt zu 
trinken. Auch in Szabadka essen die Frauen zur VerhĂŒtung einer 
neueren Schwangerschaft von den Ovarien einer Sau. ( V Ali.) 

An vielen Orten lassen sich die Frauen nach der Geburt von 
Quacksalberinnen den Bauch schmieren und die GebĂ€rmutter drĂŒcken. 
Wie dies geschieht, weiss ich nicht, vermuthe indessen, dass, so wie 
Stratz bei den Frauen auf der Insel Java in dem von den dortigen 
Hebammen (Dukun) zur Unfruchtbarmachung angewandten „ankat 
prut“ eine kĂŒnstlich hervorgerufene Retroflexion entdeckt hat, es 
sich auch hier nicht selten um etwas Aehuliches handelt, worauf ich 
auch daraus schliesse, dass mau jene VorgÀnge dahin beschreibt, 
dass die Bauernhebamme „die GebĂ€rmutter umstĂŒlpt“ oder „den 
Muttermund verdreht“. Mehreren Antworten konnte ich nicht ent- 
nehmen, ob das Massiren prophylaktisch oder aber erst bei schon 
bestehender Schwangerschaft als Abtreibungsmittel angewendet wird. 
Ich halte Letzteres fĂŒr hĂ€ufiger. 

12. Fruchtabtreibende Mittel und Verfahren. 

Zum Schluss komme ich zu den auf Abtreibung der Frucht 
abzielenden Verfahren. Dieselben bestehen theils aus inneren Mit- 
teln, theils aus auf den Bauch ausgeĂŒbten mechanischen Einwir- 
kungen, theils aus unmittelbar auf die Geschlechtstheile applicirten 
Mitteln und Instrumenten. 

Teraftlv&ry, Volklbrfcucha. 2 


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Innerlich angewandte Mittel, welche bekanntlich zum grossen 
Theile nicht so sehr von abortiver, als vielmehr purgativer und 
vomitiver Wirkung und daher eher zur Untergrabung der weiblichen 
Gesundheit als zur Fruchtabtreibung geeignet sind, siud die fol- 
genden: Ricinusöl; saure und stark gewĂŒrzte Speisen; Citronen; 
SauerteigbrĂŒhe; Eisentropfeu ; aus eiuem Schleiftrog stammendes 
Wasser (Muraköz, Szabadka); Kampher: Meerzwiebel (Gömörer Comi- 
tat); Weihrauch (Erdelyer RumĂ€nen); SauerampferbrĂŒhe; Seifen- 
wasser: Rautengras, welches man in Duna-Yecse (Pester Comitat) jeden 
Morgen in Branntwein nimmt; Mohnblumenthee (Papaver Rhoeas): 
Lilienwurzel in Weisswein (Esztergomer Comitat): Schwarzwurz (Sym- 
phytum) in Branntwein (Hunyader Comitat); Ritterspornthee (Delphi- 
nium) oder andere nicht namentlich angefĂŒhrte Theegattuugen und 
Arzeneieu; Schiesspulver I Szabadka und Csiker Comitat), eventuell in 
Essig; Kermesbeere; Lorbeersamen (Laurus); ZederblÀtter iu Milch; 
Oleander (einen Fall von Oleander-Vergiftung, welcher zwar nicht zum 
Abort fĂŒhrte, der betreffenden Frau jedoch beinahe das Leben 
kostete, habe ich selbst gesehen); Pain- Expeller und Antoni-Balsam 
(Tinctura balsamica) (Slowaken des Torontaler Comitates); zer- 
stossene Glasscherben (Tolnaer Comitat); Asche. Am verbreitetsten 
sind Paeoniathee (Pfingstrosenthee), Rautengras und Safran 
(Crocus). 

Als ErklÀrung der Wirkung des Schiesspulvers habe ich irgend- 
wo gelesen, dass nach der Bauerulogik das Schiesspulver, wie es, 
in die Flinte gethau, die Kugel durch das Flintenloch hinausjagt, 
so auch der schwangeren Frau die Frucht zum Foramen hiuaus- 
treibe. 

Der mechanischen Einwirkungen (Schmieren, Massiren), 
welche allgemein verbreitet sind, habe ich schon oben gedacht. 

Auch von festen Umbindungen des Bauches wird berichtet. 
Bei den Ruthenen (MÀrmaros) tragen die schwÀngeret! Frauen, be- 
sonders aber die MĂ€dchen ein sehr enges Hemd, wonach sie zu 
abortiren hoffen. 

Ich möchte hier noch anfĂŒhren: DĂŒnstungen mit Heuspreu 
oder Malven, sowie mit HĂŒhnerfederaufguss; FussbĂ€derin ziemlich 
heissem Wasser mit Seufmehl und Salz oder mit Asche oder mit 
>/a Liter Essig, l / a Kilo Salz und */ a Kilo Asche; DampfbÀder, 
BĂ€der mit Soda oder ErdbeergrĂŒnzeug-Aufguss, sowie das Stehen 
in ungelöschtem Kalk und DĂŒnstungen mit gekochten Kartoffeln 


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(Somogyer Comitat). Im Krassd-Szördnyer Comitat lÀsst man zwei- 
bis dreimal zur Ader UDd setzt Blutegel an die FĂŒsse. 

Ueber Instrumente (selbstverstÀndlich fast immer in Spitzen 
auslaufende), die in die Genitalien, namentlich durch den Mutter- 
mund in den Uterus oder durch Ungeschicklichkeit in die Uterus- 
musculatur selbst, eingefĂŒhrt werden, habe ich bedauerlicherweise 
ebenfalls ziemlich zahlreiche Daten sammeln können, obgleich anzu- 
nehmen ist, dass mir, theils weil ich in dieser Richtung keine nÀheren 
Nachforschungen augestellt habe, theils aus anderen naheliegenden 
GrĂŒnden, die Hebammen viel weniger hierauf bezĂŒgliches Material 
an die Hand gegeben haben, als sie mir wahrheitsgemÀss hÀtten 
liefern können. Aus vielen in den Fragebogen enthaltenen Bemer- 
kungen kann gefolgert werden, dass sich mit jenen strafbaren Mani- 
pulationen — wie bereits bemerkt — in allererster Linie die so- 
genannten Bauernhebammen befassen, von denen in dem Vorwort 
die Rede war. Es ist zu hoffen, dass diese bei bestÀndiger Besserung 
der HebammenverhÀltnisse schon nach einigen Jahrzehnten nur eine 
traurige Reminiscenz an die dunkelste Hebammenepoche Ungarns 
sein werden. 

Was nun die Instrumente betrifft, mit denen die besagten Quack- 
salberhebammen, jedoch auch dipl. Hebammen ihre ,, Kunst“ verrichten, 
welch’ letztere ĂŒbrigens auch vom Publicum so gut gekannt ist, dass 
die betreffenden Instrumente, theils w r eil sie leicht zu beschaffen sind, 
theils weil sie ungefĂ€hrlich scheinen, sich ĂŒberall im Lande, auch 
in der Hauptstadt „allgemeiner Beliebtheit“ erfreuen, so sind dies 
GĂ€nsekiele und andere spitzige Sachen, wie Federhalter, Blei- 
stifte, Strick-, Haar-, HĂ€kelnadeln, Nadelholznadeln, ver- 
schiedene Dörner.(z. B. vom Xanthium) u. s. w. 

In der Provinz sind namentlich folgende Instrumente beliebt: 
Spindeln (RumÀnen des Krassd- Szörenyer und des Temeser Comi- 
tates, Slowaken des Arvaer Comitates, Ungarn des Pester Comitates), 
Malve n wurzeln, durch die ein Zwirnsfaden gezogen wird, damit 
man sie mit Hilfe des letzteren wieder aus der GebÀrmutter heraus- 
ziehen könne (RumÀnen), Federn, Zederzweige (Pester Comitat), 
Wurzeln von getrocknetem Eisenkraut (Taubenkraut, Yerbena 
officinalis), andere Wurzeln, Irrigatorröhren, welche man wÀh- 
rend des Irrigirens mit Karbolwasser in den Muttermund fĂŒhrt, u. s. w. 

Von Àrztlichen Instrumenten wird namentlich von diplomirten 
Hebammen mit Vorliebe der Katheter angewendet. 

2 * 


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20 


Nur in einigen wenigen Gegenden, besonders im Alfold (unga- 
rische Tiefebene) und bei den Ungarn des BĂ€cser Comitates ver- 
urtheilt man das Fruchtabtreiben wenigstens in theoria, denn man 
meint, dass die Frau, die sich ihre Frucht abtreibt oder abtreiben 
lÀsst, dieselbe in der Hölle aufgetischt bekommt, damit sie sie aufesse 
(Versdnyi). Solche Frauen erscheinen dann auch als „heimkehrende 
Seelen“ und klagen ihr Leid den Angehörigen (Szabadka). Diesen 
Volksglauben trifft man jedoch nur ganz vereinzelt an und auch da 
ohne jeden praktischen Erfolg. 


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IV. Schwangerschaft 

13. Verschiedene GebrÀuche wÀhrend der Schwangerschaft. 

Sobald sich die Frau ihrer Schwangerschaft*) bewusst wird, so 
trĂ€gt sie, wenn sie sich darĂŒber freut, auch gleich fĂŒr eine leichte 
Geburt, fĂŒr eine gute Entwickelung des Kindes u. s. w., aber natĂŒr- 
lich nur nach ihrer aberglÀubischen Art, Sorge. 

Wie schon erwÀhnt, war bei den heidnischen Magyaren die 
Nagyboldogass/.ony auch die Schutzgöttin der Schwangerschaft, die 
spÀter durch die heilige Anna, die Mutter der Jungfrau Maria, 
personificirt wurde. Ihr zu Ehren fasten auch jetzt noch die 
schwaugereu Frauen in der Szegeder Gegend, z. B. in Szöregh, 
sieben Dienstage (KÀlmÀny). 

Bei den Serben und RumÀnen ruft das schwangere Weib bald 
die Ă€lteste Frau des Dorfes, welche dann „Kohlen in den Friedhof 
schĂŒttet“, von den GrĂ€bern Erde nimmt und diese dem Badewasser 
der Schwangeren beimengt. 

Die Szeklerin geht bei Vollmond ins Freie, wo sie dreimal 
gegen den Mond ausspuckt und sagt: 

„Heilige Mutter Gottes, 

Steh mir bei in der Noth; 

Beschirme meines Leibes Frucht, 

Die so wachsen möge wie der Mond.“ 

Auch stechen die Szeklerinnen, sowie die Frauen des BĂ€cser 
Comitates, wenn sie nicht bestimmt wissen, ob sie schwanger sind, 
eine NĂ€hnadel in ein Marienbild und lassen sie darin neun Tage 
lang stecken. Ist die Nadel nach Ablauf dieser Zeit noch rein, 
so halten sie sich nicht fĂŒr schwanger; ist sie dagegen rostig, so 
spricht dieses fĂŒr Schwangerschaft; und es wird au eiue Knabeu- 
geburt geglaubt, wenn die Spitze der Nadel rostig ist, und au eine 
MÀdchengeburt, wenn das Nadelöhr rostig ist (v. Wlislocki). 

*) GebrĂ€uchliche ungarische AusdrĂŒcke fĂŒr Schwangerschaft sind auch: ande- 
rer Zustand, gesegneter, hoffnungsvoller Zustand. 


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Auch wĂ€hrend der Schwangerschaft giebt es natĂŒrlich un- 
zÀhlige aberglÀubische BrÀuche. An mehreren Orten darf die 
schwangere Frau nicht unter einem ausgespannteu Seil hinweggehen, 
denn sonst werden in der Nabelschnur so viel Knoten sein, aus wie 
viel FĂ€den das Seil besteht, was die Geburt sehr erschweren wĂŒrde. 
Die Frau darf sich mit dem Bauch nicht an einen Ofen aulehnen, 
denn sonst wÀchst die Placenta an die GebÀrmutter an (Comitat Abauj). 
Ebenso darf sich die Frau auf kein WassergefÀss setzen, da sonst 
das Kind einen grossen Kopf haben wird (Hydrocephalus). 

Im Zalaer Comitat grÀbt eine Quacksalberin zu beiden Seiten 
der ThĂŒre Erde aus und wirft sie in Wasser, um mit letzterem die 
schwangere Frau zu waschen und es ihr zu trinken zu geben. 

Die Serbin trÀgt um den Mittelfinger ein rothes Baud, damit 
das Kind auch roth sei. 

Die meisten Gewohnheiten und BrÀuche wÀhrend der Schwan- 
gerschaft haben ĂŒbrigens das Leben uud die Gesundheit des Kin- 
des zum Zweck. 

So darf die schwangere Frau keinen Eid ablegen, nicht als 
Zeuge fungiren uud au keinem BegrÀbuiss theiluehmen, denn sonst 
wird sie ein todtes Kind gebÀren; sie darf bei Tag nicht schlafen, 
da sonst das Kind zeitig sterben wĂŒrde, und darf in kein Grab 
schauen, weil das Kind sonst blutarm sein wĂŒrde. Hat sie aber 
dennoch hineingeschaut, so werfe sie eine Hand voll Erde ins Grab 
(Szekler, Jankö). 

Im Interesse eines glĂŒcklichen Ausganges der Geburt darf die 
schwangere Frau keinen Backofen heizen, keine Leinwand bleichen, 
keinen Schubkarren ziehen, kein Holz hacken. Wenn sie auf dem 
Felde Hanf entwurzelt, wird ihr Kind zu frĂŒh auf die Welt 
kommen (Kalotaszeg). 

Wenn sie sich im Bett kÀmmt, so wird ihr Kind nur kurze 
Zeit leben (SokÀczeu). 

So wie wÀhrend der Menstruation darf sie auch wÀhrend der 
Schwangerschaft kein Kraut eiukocheu, keine sauren Gurken ein- 
legen, kein Obst einmachen, keinen Sauerteig rĂŒhren. 

WĂ€hrend der Schwangerschaft und des Wochenbettes werden 
nĂ€mlich die Frauen ebenso fĂŒr unrein gehalten, wie wĂ€hrend der 
Menstruation. Die erwĂ€hnten Dinge wĂŒrden deshalb verderben, wenn 
mit ihnen eine in einem der besagten ZustÀnde befindliche Frau in 
BerĂŒhrung kĂ€me. 


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Wenn die schwangere Frau Obst oder KĂŒrbiss stiehlt, so wird 
sie ein kahlköpfiges Kind bekommen. Isst sie Erdbeeren, so wird 
ihr Kind am Körper behaart sein, und giebt sie sich mit Blut ab, 
so wird dasselbe einen rothen Ausschlag am Körper haben. 

Sie darf nicht WĂ€sche zum Trocknen auf hĂ€ngen, ĂŒber keinen 
Zaun klettern, in kein stehendes Wasser und ĂŒber kein Pflugeisen 
treten, da sonst ihr Kind verkehrt auf die Welt kommen wĂŒrde 
(SĂŒd-Ungarn). Sie darf ihre Arme nicht ĂŒber oder hinter ihren 
Kopf heben, denn soust erleidet die Nabelschnur Verschlingungen. 
Aus demselben Grunde darf sie auch aus keinem Krug trinken, 
der an einem Stricke hÀngt. 

Wenn sie auf der Schwelle Holz hackt, so wird ihr Kind bucklig 
sein und schwer wachsen. Isst sie zusammengewachsenes Obst, so 
wird sie Zwillinge bekommen. (S. oben!) (BĂ€cser Comitat.) 

Wenn ein Hund vor dem Thore einer schwangeren Frau scharrt 
und ein Loch grÀbt, so wird die Frau ein todtes Kind gebÀren 
(Kalotaszeg, Jankö). 

Die Augen eines todten Thieres beschaue sich die Frau nicht, 
denn sonst wĂŒrde das Kind Zeit seines Lebens ein AugenĂŒbel haben, 
ja eventuell sogar schon blind auf die Welt kommen. Wenn sie 
aus einem schartigen Gelass trinkt, so wird ihr Kind einen schiefen 
Mund haben. Schaut sie sich ein. Gewitter an, so wird ihr Kind 
bald das elterliche Haus verlassen bezw. heimathlos in der Welt 
umherirren (Kalotaszeg). 

Auf einen Frosch trete die Frau nicht und schlage auch kein 
solches Thier todt, denn sonst wird sie ein todtes Kind gebÀren 
(Kalotaszeg). 

Erblickt sie eine Schlange oder eine Eidechse, so spucke sie 
aus, denn sonst lernt ihr Kind schwer und spÀt laufen. Aus eben 
demselben Grunde lasse sie ĂŒber eine andere Schwangere kein schlechtes 
Wort fallen! 

Bei den (oberungarischen) Slowaken darf die schwangere Frau 
keine duftenden Blumen oder BlÀtter bei sich tragen, denn sonst 
wird das Kind einen ĂŒbelriechenden Mund haben; sie darf ihre 
nassen HĂ€nde nicht an ihrem Rock abtrocknen, denn sonst wird 
das Kind hĂ€sslich ausseheu, und darf auf nĂŒchternen Mageu oder 
nach Sonnenuntergang kein Wasser trinken, denn sonst wird ihr das 
Wasser fĂŒr immer im Leibe bleiben („Wassersucht“). Bis zum 
Johannistage esse sie weder Brod noch Kirschen, denn sonst wird 


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Gott ihrem Kinde im Jenseits weder von dem Einen noch dem An- 
deren geben, denn „Beides habe ihm schon seine Mutter vorweg- 
gegessen“ . 

Eine schwangere Frau stehle nicht, denn sonst wird auch ihr 
Kind ein Dieb werden, oder es wird ‱ — wie wir von den Erde- 
ly'er RumĂ€nen und den BĂ€cskaerinnen noch erwĂ€hnen werden — 
ein dem gestohlenen GegenstÀnde Àhnliches Muttermal auf seinem 
Körper bekommen, was die Schwangere ĂŒbrigens dadurch vermei- 
den kann, dass sie wÀhrend des Stehlens bestÀndig daran denkt, 
dass der Fluch ihrer bösen That nicht an ihrem Kinde in ErfĂŒl- 
lung gehen möge. 

Wenn aber das Kind dennoch mit einem solchen Male zur Welt 
kommt, so muss sich die Mutter sechs Wochen hindurch jeden Mitt- 
woch und Freitag mit dem BĂŒnde auf die Schwelle des Hauses 
setzen und sagen: „Mein Band hat aus diesem oder jenem Grunde 
ein solches Mal. Entferne es, du lieber Herrgott, von seinem Kör- 
per“ (Hunyader Comitat). 

Eine schwangere Frau verleugne nie ihren Zustand, da sonst 
ihr Kind stumm sein (Körmöcz) oder schwer sprechen lernen wird 
(Göcsej). Das GebÀren eines stummen Kindes steht auch derjenigen 
Frau bevor, welche einer Schwalbe die Zunge herausschneidet (Hon- 
ter Comitat). 

Die Schwangere gehe nie zu weit vom Hause weg. Das Dach 
ihrer Wohnung muss sich stets innerhalb ihres Gesichtskreises be- 
finden. Dies empfiehlt auch ein ungarisches Sprichwort den schwan- 
geren Frauen. Der Sinn dieses Aberglaubens ist wahrscheinlich da- 
rin zu suchen, dass die Frau, wenn von Wehen ĂŒberrascht, stets in 
der NĂ€he ihres Hauses sei. 

Wenn man unaufgewaschenes Geschirr aus dem Hause heraus- 
trĂ€gt, so gehe sie an letzterem nicht vorĂŒber (HĂ€romszeker Comitat). 

Wenn wÀhrend des Ganges zur Hochzeit Niemand siugt, so 
wird das neue Paar taube Kinder bekommen (Neutraer Comitat). 

Wenn sich in Kalotaszeg die Frau wÀhrend der Schwanger- 
schaft etwas „Schlechtes“ zu Schulden kommen liess (d. h. wenn sie 
ihrem Manne untreu wurde), so muss sie ein kleines Loch graben 
und in dasselbe wenigstens einmal tÀglich uriuiren, damit nicht ihr 
Kind fĂŒr ihre SĂŒnde bĂŒsse. 

Die Schwangere darf vom Christbaum keine NĂŒsse und keine 
Aepfel essen, denn sonst wird sie Zwillinge gebÀren. 


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Die NĂ€gel darf die schwangere Frau nach dem Abschneiden 
nicht wegwerfen, sondern muss sie verbrennen, denn sonst wird ihr 
Kind weiche Knochen haben (Kalotaszeg, Palocen). 

Auch bei den Szöklem glaubt man, dass die Schwangere in 
kein Grab sehen darf, da ihr Kind davon blass resp. gelb wie eine 
Leiche werden wird. Wenn sie aber dennoch in ein Grab hinein 
gesehen hat, so muss sie eine Hand voll Erde hineinwerfen, und 
wenn das Kind trotzdem die Gelbsucht bekommt, so muss sie, bevor 
es 6 Wochen alt ist, auf das Grab gehen, von dort 9 Steine mitbringen 
und dieselben in des Kindes Badewasser thun. Dann ist Alles 
wieder gut. Die Schwangere darf auch keinen Hund oder Katze 
mit den FĂŒssen stossen, deun sonst wird dem Kinde von dem „Haar 
ebensoviel nach innen wie nach aussen wachsen“ (?), was schliesslich 
das Kind tödtet (Jankö). 

Der schwangeren Frau ist es auch untersagt, beim Anbau, 
Schnitt, Dreschen oder Mahlen des Getreides zugegen zu sein, denn 
sonst wird ihr Kind grosses Elend erleiden. An einem Freitage 
darf sie weder spinnen, noch nÀhen, denn sonst wird sie ein todtes 
Kind zur AVelt bringen. 

Bei den Hetfaluser Szeklern darf die Frau wÀhrend ihrer gan- 
zen Schwangerschaft den Kehricht nicht nach der ThĂŒre zu fegen, 
sondern immer nach der entgegengesetzten Richtung, damit „der Tod 
nicht hereinkomme“ (Bartha). 

Bei den SiebenbĂŒrger RumĂ€nen geniesst die Schwangere am 
Mittwoch und Freitag keine Fleischspeisen, am Sonntag dagegen 
keine HĂŒlsenfrĂŒchte, um nicht ein blödes, schwachsinniges und bos- 
haftes Kind zu bekommen. Damit sie leicht gebÀre, trÀgt sie am 
nackten Unterleib ein SĂ€ckchen, in welches sie Friedhofserde und 
Basilienkraut eingenÀht hat. 

Bei den Erdelyer Sachsen darf die Frau an einem Sonn- 
abend nicht spinnen, denn sonst wird ihr Kind frĂŒhzeitig eine Glatze 
bekommen, darf ĂŒber die ThĂŒrschwnlle nicht kauend treten, denn 
sonst wird es oft von Zahnschmerzen geplagt sein, und darf in ihrer 
SchĂŒrze keine HĂŒlseufrĂŒckte tragen, denn sonst wird es eine un- 
heilbare Hautkraukheit haben. 

Bei den Deutschen darf die Frau wÀhrend der Schwangerschaft 
nicht fröhlich sein, darf sich nicht schön kleiden, und darf sich nicht 
mit ihrem schwangeren Zustande brĂŒsten, denn sonst wird sie Un- 
glĂŒck bei der Entbindung haben. 


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WĂ€hrend der GraviditĂ€t hĂŒten sich die Frauen vor Stössen, 
besonders vor Gestossenwerden von Katzen und Ferkeln, und dem 
Auiiegen irgend eines Gegenstandes auf den Bauch, denn sonst wird 
das Bild desselben unbedingt am Kinde sichtbar sein. 

Die Schwangere darf auch kein Salz in ihrer SchĂŒrze tragen, 
denn sonst wird ihr Kind einen Ausschlag haben. Des Abends darf 
sie das Haus nicht verlassen. 

Schwangere Frauen mĂŒssen beim Ueberschreiten der Schwelle 
sowohl im Kommen als im Gehen vorangelasseu werden. 

In manchen Gegenden sieht mau schwangere Frauen kaum auf 
den Strassen, theils um dem „Beschrienwerden“ auszuweichen, theils 
aber, weil sie es fĂŒr eine Schande halten, schwanger zu sein (Hunyader 
Comitat). 

Der Coitus ist in Kalotaszeg in der zweiten HĂ€lfte der 
Schwangerschaft verboten. 

14. DiÀt der Schwangeren. 

Von den diÀtetischen Mitteln, Speisen und GetrÀuken, welche 
besonders gegen Erbrechen und Sodbrennen verwendet werden, sind 
folgende in Gebrauch: 

Branntwein, Borovicska (Wachholderbranutwein), Pflaumen- 
schnaps, Cognac, Ingwer-, Kampher- und KĂŒmmelbranntwein, ge- 
wĂŒrzte Weinsuppe, in Wein gekochter Zimmt und gedörrte Pflau- 
men, Majoran-, KrĂ€uter-, PfeffermĂŒnz-, Wermuththee, warme Milch, 
saure Milch, Molken, Essig, Citronen wasser, KrautblÀtter, kalter 
schwarzer Kaffee, eventuell mit Rum, kaltes Wasser, Sodawasser, 
Brodrinde, oder auf nĂŒchternen Magen ein ganzer Brodranft, KĂŒchen- 
salz, Kreide, von der Wand abgeweichter Kalk, Weihwasser (Krassö- 
Szörenyer Comitat), Holzkohle (Borsoder Comitat), Alaun, weisser 
Balsam (Gömörer Comitat), Hoffmannstropfen, Aloe, Thon (Heveser 
Comitat), NĂŒsse, Mandeln, Citrone, WaldĂ€pfel, BratĂ€pfel, unreifes 
Obst, saure Gurken, Kraut, Mohn, KĂŒrbiskerue u. s. w. 

In CsanÀd lÀsst die Schwangere ihren Urin in die hohle Hand 
laufen und riecht an demselben. Bei den Rutheneu „beschwört“ mau 
Bowohl die Frau, als den Branntwein, von welchem sie trinkt. 

Aeusserlich wendet man — besonders in der Magengegend — 
warmes Salz an. 

Man kocht ferner Wermuth in Essig, um mit einem damit 


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getrÀnkten Tuche UmschlÀge auf den Magen zu machen. Andere 
wieder lassen sich deu Magen schmieren. 

Es giebt auch Frauen, welche gegen das Erbrechen nichts ge- 
brauchen, weil sie meinen, dass das Kind desto lÀngeres Haar haben 
wird, je mehr die Schwangere an Sodbrennen leidet oder je hÀutiger 
sie erbricht (JĂ€sz-Kuuer Comitat). 

Was die Nahrung der schwangeren Frau im Uebrigen anlangt, 
so lautete die Antwort, wie vorauszusehen war, fast durchgÀngig: 
„Sie isst das, was sie hat.' 1 

Es ist indessen natĂŒrlich, dass die schwangeren Frauen, wie 
wir dies ja auch aus der Physiologie der Schwangerschaft wissen, 
fĂŒr gewisse Speisen eine Vorliebe, gegen andere wieder eine Ab- 
ueigung haben. Ein ungarisches Sprichwort sagt: „Ist begierig (be- 
gehrend, voll von WĂŒuscheu, hat GelĂŒste) wie ein schwangeres Weib.“ 

Auffallen muss das viele Branntweintrinken, welches leider in 
ganz Ungarn ausserordentlich verbreitet ist und, wie wir sehen 
werden, besonders im Wochenbett eine grosse Rolle spielt. Auch 
das schwangere Weib trinkt viel Branntwein entweder mit einigen 
Mandeln oder mit Ingwer, KĂŒmmel, Pfeffer oder Kampher, damit 
das Kind eine weisse Gesichtsfarbe haben soll. 

Ein beliebtes GetrÀnk ist Milch, denn mau glaubt, dass es 
auch dem Kinde in der GebĂ€rmutter nach Milch gelĂŒste, da es sich 
davon nĂ€hre. Man trinkt auch KrautbrĂŒhe und Kohlenwasser (Abauj- 
Toruaer Comitat). 

Liebliugsspeisen sind: Knoblauch oder Zwiebeln, HiilseufrĂŒchte, 
Paprika (ungarischer Pfeffer). 

Man glaubt auch, dass die Schwangere ein weisses und dickes 
Kind zur Welt bringt, wenn sie viel Branntwein trinkt und Zwiebeln 
isst (MĂ€rmaroser Comitat). 

Viele Schwangere essen wenig, damit sich das Kind nicht ĂŒbermĂ€ssig 
entwickele, oder nÀhren sich aus demselbeu Grunde ausschliesslich von 
Obst, oder essen nur ungesalzene, magere Speisen. (Unbewusste 
Anwendung der Prochowuick’schen Methode!) 

Auch viel Wasser darf die schwangere Frau nicht trinken, da 
sie sonst zu viel Fruchtwasser haben (Zalaer Comitat) oder ihr 
Kind mit einem Wasserkopf (Hydrocephalus) auf die Welt kommen 
wĂŒrde (Szabadka). 

Bei den Temeser RumÀnen isst das schwangere Weib keinen 
Fisch, damit es kein stummes Kind bekomme, und kein Hasenfleisch, 


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denn sonst wird das Kind nicht schlafen köuneu. (Schlafen der 
Hasen mit „offenen Augen“!) 

Mit viel Salz oder Zwiebeln zubereitete Speisen darf die 
Schwangere nicht essen, da das Kind sonst voller GeschwĂŒre sein 
wĂŒrde (Esztergomer Comitat). 

Weissen Fluss wĂ€hrend der Schwangerschaft hĂ€lt man fĂŒr 
den Schweiss des Kindes (Maros-Tordaer Comitat). 

15. Kleidung. 

Die Bekleidung der schwangeren Frau unterscheidet sich iu 
der Regel nicht von der Alltagstracht. 

Den Kopf hĂ€lt man fĂŒr gewöhnlich warm. 

Viele vermeiden — sehr richtig — das Tragen zu eng an- 
liegender Kleider, wÀhrend man anderwÀrts im Gegentheil darauf 
sieht, dass die Kleider eng anliegen, ja man ist sogar unklug genug, 
sich den Bauch zu umwickeln, damit das Kind nicht zu sehr wachse. 
Bei den MĂ€rmaroser Ruthenen binden sich die Frauen den Bauch 
so stark „wie der Drahtbiuder das zerbrochene GefĂ€ss“, dass sie 
kaum zu athmen im Stande sind. 

Namentlich werden gefallene MĂ€dchen mit Vorliebe von ihren 
Freundinnen in der zweiten HĂ€lfte der Schwangerschaft in ein grob- 
gewebtes enges Hemd gesteckt, das, straff angespannt, hinten fest 
zugenÀht wird. Dieses Hemd darf dann die Schwangere bis zu 
ihrer Entbindung nicht ablegeu. Die eigentliche Ursache dieses 
Brauches ist wahrscheinlich nicht nur in der beabsichtigten Ver- 
bergung der UmstÀnde, sondern auch in erster Reihe in der Vor- 
schubleistung von Fehl- und FrĂŒhgeburten zu suchen. 

Bei den Torontaler RumÀnen umgiirten sich die schwangeren 
Frauen des Morgens und des Abends den Bauch tĂŒchtig mit einem 
drei Meter laugen, starken, selbstverfertigten GĂŒrtel. Ihre Kleidung 
besteht im Uebrigen aus einem „Unterhemd“ und zwei SchĂŒrzen. 

Im Krassd-Szörenyer Comitat zieht die schwangere Frau ihr 
Hemd verkehrt auf den Leib. 

Die Slowakinnen binden wĂ€hrend der Schwangerschaft die TĂŒcher 
um, welche sie anlÀsslich ihrer Trauung trugen. 

Im Feherer Comitate hĂ€lt man es fĂŒr eine SĂŒnde, wenn eine 
verheirathete Frau uhue Haube herumgeht oder liegt. 


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16. Hygiene der BrĂŒste. 

Die BrĂŒste bereitet man fĂŒr ihre spĂ€tere Bestimmung in einigen 
Gegenden schon wÀhrend der Schwangerschaft vor, ja im Gömörer 
Comitat ist es dem jungen Ehemanne sogar schon in der Hochzeits- 
nacht untersagt, die Brust seines Weibes auzufassen, da dieselbe 
sonst nach der Geburt wund werden wĂŒrde. (S zelte ly.) 

Der grösste Theil der Àrmeren Volksklasse thut indessen gar 
nichts fĂŒr die Pflege der BrĂŒste, sondern in den mir vorliegenden 
Berichten lese ich vielmehr von Schmutz und Unrath, welcher die 
Warzen krustenartig bedeckt, was durch die Wasserscheu, von der 
noch die Rede sein wird, zur GenĂŒge erklĂ€rt wird. Andererseits trachtet 
man dort, wo das Volk schon aufgeklĂ€rter ist, die BrĂŒste bereits 
wÀhrend der Schwangerschaft zum Stillen vorzubereiten. Zu diesem 
Zwecke werden die Warzen einfach mit lauem oder kaltem Wasser, 
Seifenwasser (die Bulgaren thun dies wöchentlich), Branntwein, Rum, 
starkem Wein, Franzbranntwein gewaschen oder mit Talg, Oel, 
Vaselin, Glycerin, Schafbutter, ranzigem Fett, Milchrahm, Butter, 
menschlichen oder thierischen Excrementen (Szolnok-Dobokaer Co- 
mitat) eingerieben, oder die Frau reibt die Warzen mit ihrem Speichel 
ein (SzilÀgyer und BÀcser Comitat), oder macht darauf UrinumschlÀge 
(Szolnok-Dobokaer Comitat). 

Die oberungarischen Magyaren und Slowaken binden die BrĂŒste 
wĂ€hrend der Schwangerschaft meistens in die Höhe oder drĂŒcken 
sie hinunter. 

Wo die Warzen nicht genĂŒgend prominiren, lĂ€sst man entwe- 
der durch den Mann (Borsöder, Gömörer, Nögrader Comitat) oder 
durch grössere Kinder (Csiker Comitat) an denselben Saugversuche 
vornehmen, oder man reibt sie mit den Fingern, oder presst einen 
Fingerhut oder eine Nussschale darauf (Fester Comitat). 

Uebrigens ist man darauf bedacht, dass die BrĂŒste keinen Druck 
erleiden (das wollĂŒstige DrĂŒcken derselben ist wĂ€hrend der Schwan- 
gerschaft verboten), dass man mit denselben nicht irgendwo anstösst, 
dass man sie nicht erkÀltet und dass sie kein MÀnnerauge erblicke! 

Wenn die BrĂŒste wĂ€hrend der Schwangerschaft schmerzen, be- 
deckt man sie mit essiggetrÀnkter gelber Erde, oder streicht sie mit 
einem Schleifstein, welcher zu Weihnachten auf dem Tische gelegen 
hat (Muraköz). 

Die RumĂ€nen massiren die BrĂŒste, damit sie genug Milch haben, 
und trinken Branntwein, damit dieselben tĂŒchtig wachsen. 


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Auch an aberglÀubischen GebrÀuchen fehlt es in dieser Be- 
ziehung nicht. So pflegt die Schwangere solche Wöchnerinnen auf- 
zusuchen, deren Kinder gestorben sind, oder zu solchen Frauen zu 
gehen, die ihre Kinder entwöhnen, damit „die Milch der Betreffen- 
den auf sie ĂŒbergehe“. 

Die Serbinnen trachten, ihre Milch vor dem „Beschrienwerden“ 
sowie vor dem Donner (bösen Geistern) zu behĂŒten. 

Im Feherer Comitat herrscht der Glaube, dass, wenn die Milch 
der schwangeren Frau spontan zu Hiessen anfĂ€ngt, dies dafĂŒr sprĂ€che, 
dass die Frucht abgestorben ist. 

17. Vorhersagune des Geschlechts. 

Interessant ist auch die Frage, aus welchen Anzeichen auf das 
Geschlecht des zukĂŒnftigen Kindes geschlossen wird. 

Es sind dies hauptsĂ€chlich drei UmstĂ€nde, denen fast ĂŒberall 
grosse Bedeutung beigelegt wird. 

Erstens glaubt man, dass die Frau mit einem Knaben schwanger 
sei, wenn ihr Bauch mehr hervorstehe, „spitzer sei“, „die Last mehr 
vom im Bauche liege“, wĂ€hrend sie ein MĂ€dchen zu erwarten hat, 
wenn ihr Bauch breiter, flacher sei, das GesÀss dagegen mehr pro- 
minire, die Frau „steissiger 4 sei. 

Zweitens heisst es, dass die Frfh einen Knaben gebĂ€ren wĂŒrde, 
wenn ihr Gesicht rein ist, dass sie dagegen ein MĂ€dcheu zur Welt 
bringe, wenn ihr Gesicht mit Leberflecken und Sommersprossen be- 
deckt ist. 

Der dritte Umstand, dem man prognostische Bedeutung zu- 
schreibt, ist die Lage des Kindes oder besser die Seite, auf der die 
Frau die Kindesbewegungen fĂŒhlt. Wenfi das Kind auf der rech- 
ten Seite liegt, oder wenn die Frau die Kindesbeweguugeu auf der 
rechten Seite verspĂŒrt, so bekommt sie einen Knaben, wenn auf der 
linken, ein MĂ€dchen. (Hippokrates’sche Anschauung!) Viele be- 
haupten freilich das gerade Gegen theil. 

Auch nach der FĂ€rbung des Warzenhofes richtet mau sich in 
einigen Gegenden. Ein dunkel gefĂ€rbter Warzenhof spricht fĂŒr 
einen Knaben, ein hellerer fĂŒr ein MĂ€dcheu. 

Das Allgemeinbefinden der Frau pflegt bei einem Knaben schlech- 
ter zu sein, als bei einem MÀdchen, wÀhrend die Frau im ersteren 
Fall weniger GelĂŒste hat und ihre GemĂŒthsstimmung eine ruhigere 
ist. Schwache Kindesbewegungen sprechen fĂŒr ein „faules MĂ€dchen“. 


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Aus Zahnschmerzen wird auf einen Knaben geschlossen (Nyi- 
traer Comitat), wÀhrend die Frau ein MÀdchen gebÀren wird, wenn 
ihre Beine geschwollen sind (Nögrader Comitat). Ein MÀdchen 
wird auch dann erwartet, wenn die Schwangere viel erbricht, eben- 
so wenn sie dunkle Ringe um den Augen hat, oder „wenn sie beim 
Gartengraben viel herumspringt“. (?) 

Wenn die Frau beim Beischlaf laut gelacht hat, so wird sie 
ein MÀdchen gebÀren. Wenn aber nicht, so wird sie einem Knaben 
das Leben schenken, denn „Ernst ist des Mannes Zier“. 

FĂŒr wichtig hĂ€lt man vielen Ortes noch das eingebildete „Ueber- 
tragen“ der Frucht. Wenn die Frau spĂ€ter als zu dem erwarteten 
Termin niederkommt, so glaubt man sicher zu sein, dass sie einen 
Knaben zur Welt bringen wird. Ein ungarisches Sprichwort be- 
zieht dies nur auf einen dummen Knaben. „Ein dummer Junge 
wird auch im Mutterleib erst spĂ€t reif.“ 

Wenn die Schwangere SĂŒssigkeiteu gern hat, so bekommt sie 
einen Knaben, und wenn sie Vorliebe fĂŒr saure Speisen zeigt, ein 
MĂ€dchen. Manche meinen, dass sie einen Knaben bekommen, wenn 
es sie nach Saurem oder nach Fisch gelĂŒstet, ja an einem Orte 
glaubt man, dass, wenn die Frau keinen Brechreiz und dabei Appetit 
auf saure Speisen hat, ihr eine Zwillingsgeburt bevorstehe (Abauj- 
Tomaer Comitat). 

Bei den oberungarischen Slowaken begiebt sich die Schwangere 
in die Spinnstube, nimmt dort eine Spindel in den Mund und geht 
damit auf die Strasse. Wenn sie da zuerst einen Mann sieht, so 
hat sie eineu Knaben zu erwarten, uud umgekehrt. In einem Hause, 
auf dem des Morgens der Todteuvogel seine Stimme ertönen lÀsst, 
wird bald ein MĂ€dchen das Licht der Welt erblicken. Wenn die 
Frau einen hinuntergefallenen Gegenstand mit der rechten Hand 
aufhebt, so wird sie einen Knaben gebÀren, w r Àhrend, wenn sie ihn 
mit der linken Hand aufhebt, das Kind ein MĂ€dchen sein wird 
(IstvÀnffy). 

Im Hajduer und Csiker Comitat lÀsst man die Frau sich auf den 
Boden setzen; wenn sie dann beim Aufstehen sich auf die rechte 
Hand stĂŒtzt, bekommt sie einen Knaben, wenn auf die linke, ein 
MĂ€dchen. 

Wenn bei den Palöczen die Frau wissen will, ob sie einen 
Knaben oder ein MĂ€dchen bekommen wird, so schneidet sie in der 
zweiten HĂ€lfte ihrer Schwangerschaft von dem Ringfinger ihrer linken 


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Hand ein StĂŒckchen Nagel ab und thut es auf glĂŒhende Kohlen. 
Verbrennt es knisternd, so schenkt sie einem MĂ€dchen, im anderen 
Palle aber einem Knaben das Leben (IstvÀnffy). 

Wenn die Frau eine Stecknadel findet, bekommt sie einen 
Knaben, wenn eine NÀhnadel, ein MÀdchen. TrÀumt mau von 
einer Schwangeren, sie sei gestorben, so bekommt sie einen Knaben 
(Debreczen, Dees). 

Bietet man, wie dies in der Regel geschieht, der besuchenden 
Schwangeren Brod an, und sie schneidet sich davon einen Ranft ab, 
so hat sie einen Knaben zu erwarten (Bekeser Comitat). 

Wenn die SokÀczin wÀhrend ihrer Schwangerschaft in ihrem 
rechten Schenkel Schmerzen verspĂŒrt, so wird sie von einem Knaben 
entbunden werden. Will sie bestimmt wissen, ob sie einen Knaben 
oder ein MÀdchen gebÀren wird, so taucht sie in den ersten neun 
Wochen ihrer Schwangerschaft einmal gegen Mitternacht ein silbernes 
GeldstĂŒck in Weihwasser und legt es auf die grosse Zehe ihres rechten 
Pusses. Wenn dann das GeldstĂŒck beim Heben des Fusses nach 
rechts hinunterfÀllt, so wird sie einen Knaben gebÀren, wenn nach 
links, ein MĂ€dchen, (v. Wlislocki.) 

Im Heveser Comitat fragt man die Schwangere, was ihrer Hand 
fehlt. Zeigt sie darauf ihren HandrĂŒcken, so wird sie mit einem 
Knaben niederkommen, wohingegen sie ein MÀdchen gebÀren wird, 
wenn sie den Handteller zeigt. Auch im BĂ€cser Comitat hat das 
hĂ€ufigere Betrachten des HandrĂŒckens wĂ€hrend der Schwangerschaft 
dieselbe prognostische Bedeutung. 

Schneit es im Winter öfter des Tags, als des Nachts, so wird 
es in dem betreffenden Jahre mehr Knabengeburten geben. Im 
entgegengesetzten Falle werden mehr MĂ€dchengeburten stattfinden. 

Bei Frauen, die schon einmal geboren haben, schliesst man auf 
das Geschlecht des Kindes daraus, wie die Leibesfrucht wÀhrend 
der ersten Schwangerschaft lag und welchen Geschlechts das dann 
geborene Kind war. 

War „Papa“ das erste Wort des vorigen Kindes, so wird das 
nĂ€chstfolgende ein Kuabe sein, wenn „Mama“ — ein MĂ€dchen. 

Auch aus einer Hautfalte (Zwickel) in der Analfurche schliesst 
man auf ein mÀnnliches Geschlecht des nÀchstfolgenden Kindes. 

Wenn man zu Neujahr als ersten Besuch den eines Mannes be- 
kommt, so steht ein Knabe zu erwarten, im entgegengesetzten Falle 
ein MĂ€dchen. 


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Viele Frauen gehen ĂŒbrigens zu den KartenschlĂ€gerinnen, da- 
mit diese ihnen das Geschlecht des Kindes Vorhersagen. 

Sitzt die Frau viel auf dem ßackkorb, so steht ihr ein MĂ€d- 
chen bevor (Bekeser Comitat), ebenso wenn sie leugnet, in anderen 
UmstÀnden zu sein (Soproner Comitat). 

Bei den BunyewÀczen glaubt man, dass die schwangere Frau ein 
MĂ€dchen bekommen wird, wenn ihr linkes Auge kleiner ist. 

In CsanÀd (Pester Comitat) durchsticht die Schwangere mit 
ihrem Finger ein Spinngewebe. Wenn die Spinne das entstandene 
Loch wieder zuspinnt, so kann die Frau auf einen Knaben rechnen, 
wenn das Loch jedoch offen bleibt, so wird sie von einem MĂ€dchen 
entbunden werden. 

Dem Loche (sit venia verbo!) legt man also einen prognosti- 
schen Werth bei. Die schon erwÀhnte Wichtigkeit des Findens 
einer NÀhnadel (entgegen dem einer Stecknadel) gehört auch in diese 
Kategorie. 

Wenn die Frau in ihr Kleid oder in ihre SchĂŒrze ein Loch 
brennt und dasselbe lÀnglich ist, so bekommt sie einen Knaben. 
Ist es kreisförmig, so bringt sie ein MÀdchen zur Welt (Bököser 
Comitat). 


IS. WillkĂŒrliche Knabeucrzeusung, 

Interessant genug sind auch die hauptsÀchlich wÀhrend des Bei- 
schlafs angewandten Verfahren und GebrÀuche, mit welchen die 
Zeugung eines Knaben bezweckt wird. 

Bei den oberungarischen Slowaken wÀlzt man zu diesem Zweck 
vor der Brautnacht einen Knaben im Ehebett herum und nÀht in 
das Brautkleid eine MĂŒtze ein. NĂ€ht man in dasselbe eine Haube, 
so wird das erste Kind ein MÀdchen sein (IstvÀnffy). 

Wenn man bei den SokÀczen einen Knaben haben möchte, 
so verrichtet der Mann den ersten Coitus in Tschizmen (Stiefeln), 
oder die Braut windet einen Aehrenkranz und schaut durch diesen 
unbemerkt zu ihrem BrÀutigam hin, oder sie hÀngt am Hochzeits- 
tage ihr Brautkleid vor dem Anziehen an einen Nagel. Legt sie 
es zuvor auf das Bett, so wird sie mehr MĂ€dchen als Knaben be- 
kommen (v. Wlislocki). 

Wenn das Ehepaar wÀhrend des Coitus gegen das Kopfende 
des Bettes liegt, so wird es einen Knaben zeugen, wenn nach dem 
Fussende, ein MÀdchen (Göcsej). 

Temesviry, Volksbr&ache. 3 


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Allgemein verbreitet ist die Ansicht, dass, wenn der Mann 
„feuriger“ ist, respective beim Coitus „grösseren Genuss empfindet“ 
oder „gutgelaunt ist“, oder membrum in vaginam bene immittit, das 
so gezeugte Kind ein Knabe sein wird. Der Talmud sagt gerade 
das Gegentheil. Nach ihm ist bei Zeugung eines Knaben die Frau 
der feurigere Theil. 

Wie wir oben gesehen haben, ist jener uralte (hippokratische) 
Glaube, dass die Knaben in der rechten Seite des Bauches, die 
MĂ€dchen aber in der linken Seite gezeugt werden, auch jetzt noch all- 
gemein verbreitet. Es sind diesem Glauben auch mannigfaltige Ge- 
brÀuche entsprungen. Nur wird bald die rechte Seite als die knaben- 
spendende betrachtet, .bald die linke Seite. 

In manchen Gegenden legt sich die Frau, die sich einen Knaben 
wĂŒnscht, nach dem Coitus auf die linke, in anderen Gegenden auf 
die rechte Seite. Auch der Coitus selbst geschieht von links — oder 
aber von rechts, respective die Frau liegt wÀhrend des Coitus auf 
der betreffenden Seite. 

Der Mann steigt nach dem Coitus links vom Bett hinunter, 
oder steigt zu dem Coitus rechts ins Bett und dann links, oder 
wenigstens zuerst mit dem linken Bein hinunter, oder steigt — 
umgekehrt — zur linken Hand der Frau ins Bett. 

Daraus ersehen wir, wie sich der Volksglaube in den ver- 
schiedenen Gegenden widerspricht. Interessant ist es, dass sowohl 
bei Bestimmung des Geschlechts der Frucht nach ihrer Lage, als 
auch hier beim Verhalten der Eheleute wÀhrend des Beischlafs die 
beiden einander widersprechenden Ansichten sich numerisch ziem- 
lich gleichsteheu. 

Auch noch andere sonderbare GebrÀuche giebt es. So muss 
der Mann wĂ€hrend des Beischlafes eine MĂŒtze auf dem Kopfe haben 
(BĂ€cser Comitat, Szekely-Udvarlielyer Comitat), oder die Frau muss 
wÀhrend der Schwangerschaft die Unterhose und den Hut ihres 
Mannes unter ihr Kissen legen, oder das Uuterhosenband ihres 
Mannes sich um den Leib binden (Temeser Comitat). WĂ€hrend 
des Beischlafs zĂŒnde sich der Mann eine Pfeife an (Maros-Tordaer 
Comitat), öder die Frau halte den Mund wÀhrend des Coitus nicht 
offen (BĂ€cser Comitat, Torda-Aranyoser Comitat), ja eventuell halte 
ihr der Mann den Mund zu (Krassö-Szöreuyer Comitat), oder beide 
pressen wÀhrend des Coitus die Lippen fest aufeinander (CsanÀd, 
Fester Comitat), oder die Frau schlafe in der ersten HĂ€lfte der 


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Schwangerschaft, so lange sie DĂ€mlich keine Kindestewegungen fĂŒhlt, 
stets auf der rechten Seite ein (Pester Comitat). 

WÀhrend der Schwangerschaft muss man bestÀndig an Knaben 
denkeu, von Knaben sprechen und Knaben ansehen. Auch pfeife 
der Mann viel wÀhrend der Schwangerschaft seiner Frau (Buda). 
Nach Einigen muss die Frau nach dem Beischlaf schnell aus dem 
Bett steigen, denn ein trÀges Weib bekommt ein MÀdchen oder 
Zwillinge. Andere sagen wieder, dass eine Zwillingsgeburt darauf 
zurĂŒckzufĂŒhren sei, dass die Mutter nach dem Coitus aus Faulheit 
auf dem RĂŒcken liegen blieb. 

Wenn mau sich, was allem Anschein nach — mirabile dictu 
— ebenfalls Vorkommen soll, ein MĂ€dchen wĂŒnscht, so muss sich 
die Frau nach dem Coitus kurze Zeit im Bett aufsetzen. 

Im Hajduer Comitat nimmt eine Frau, die sich einen Knaben 
wĂŒnscht, etwas von den Lochien oder Blutgerinuseln einer solchen 
Primipara ein, die einen Knaben zur Welt brachte. 

.JĂŒdinnen halten das bei der Circumcision abgeschuitteue PrĂ€- 
putium fĂŒr einen knabenbringenden Talisman. 

Bei den Erdelyer Zigeunern muss die Hebamme, wenn sie 
die Schwelle ĂŒberschreitet, einen Sprung thun und lachen, damit ein 
Knabe geboren werde. 

WĂ€hrend der Schwangerschaft darf die Frau 4'/j Monate nicht 
in den Spiegel sehen (Bekeser Comitat). Im BĂ€cser Comitat muss 
die Schwangere stets auf Kissen sitzen. 

Auch den Speisen wird ein gewisser Einfluss zugeschrieben. Das 
Essen von Kreide, der Genuss vielen Salzes, bei den Slowaken vieles 
Branntweintrinken, bei den Wallachen das Essen von gesalzenem 
Brode oder das Kaueu von gebranntem Kaffee machen die Frauen 
zur Zeugung von Knaben inclinirt, sowie ĂŒberhaupt ausschliessliche 
FleischdiĂ€t, gute GetrĂ€nke und Vermeidung schwerer Arbeit fĂŒr 
zweckdienlich gehalten w r erden, weil die Knaben „zur Entwickelung 
mehr Kraft brauchen J (RumÀnen des Temeser Comitates). 

Symbolische Bedeutung hat der Glaube, dass die Schwangere 
von einem Knaben entbunden werden wird, wenn sie viel Nudeln 
und Nockerln“ isst (Krassö-Szörenyer Comitat). 

Einer Schwangeren muss, damit sie einen Knaben bekomme, 
vom Brod stets ein Ranft angeboten werden. 

Nach Einigen fÀllt auch dem Kalender eine gewisse Rolle zu. 

3 * 


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Ln der Muraköz herrscht der Volksglaube, dass, wenn der 
Beischlaf am Montag, Dienstag, Donnerstag oder Freitag von Erfolg 
begleitet ist, das Kind mÀnnlichen Geschlechtes sein wird. Mit der 
Statistik steht dieser Glaube insofern nicht in Widerspruch, als er 
fĂŒr die Zeugung von Knaben vier und fĂŒr die von MĂ€dchen nur 
drei Tage der Woche annimmt. Wie bekannt, ĂŒberwiegen that- 
sÀchlich die Knabengeburten die der MÀdchen, wenn auch nicht in 
dem VerhÀltnisse wie 4 : 3. 

Bei den Slowaken hÀlt man die geraden Monate zur Zeugung 
von Knaben fĂŒr ganz besonders geeignet. 

Wenn die Frau das neugeborene Kind au einem Montage zur 
„Einsegnung - * trĂ€gt, so wird das nĂ€chstfolgende Kind ein Knabe 
sein (Ruthenen). 

Nach Einigen lÀsst sich auch bei der Geburt das Geschlecht 
des nÀchstfolgenden Kindes beeinflussen. Wenn sich z. B. die Frau 
unmittelbar nach der Geburt auf die linke Seite legt, so wird das 
nÀchste Kind ein Knabe sein ; dagegen ein MÀdchen, wenn sie sich 
auf die rechte Seite legt (JĂ€sz-Kuner Oomitat). Wenn sie ein MĂ€d- 
chen hatte, so muss der Strohsack umgedreht (Kopf- und Fussende 
vertauscht) werden, damit das nÀchstfolgende Kind ein Knabe werde 
(Gödöllö), oder der alte Badetrog muss durch einen neuen ersetzt 
werden (Komomer Comitat), oder man darf von der Taufe nicht auf 
demselben Wege zurĂŒckkommen, auf welchem mau hingegangen ist. 

Nach der Geburt eines MĂ€dchens muss sofort ein Hahn ge- 
schlachtet werden, damit das nÀchste Kind ein Knabe sei (Cson- 
grÀder Comitat), oder der Mann muss den Mutterkuchen vergraben, 
oder den Nabelschnurrest des kleinen MĂ€dchens einem Hahn zu 
fressen geben (Szekler. JankĂŒ). 

Den Werkzeugen messen besonders die Slowaken grosse Be- 
deutung bei. So legt die Frau, wenn sie einen Knaben haben will, 
einen Bohrer, und, wenn ein MĂ€dchen, ein Handbeil unters Bett. 
Befindet sich eine Axt im Haus, so ist sie zu entfernen, denn sonst 
wird die Frau ein MÀdchen gebÀren (Trencsener Comitat). 

Nach einem anderen Aberglauben muss man, wenn man einen 
Knaben haben will, unters Bett ein solches Werkzeug thun, 
mit welchem der Mann arbeitet, sei dies ein Bohrer, eine Axt oder 
ein Hammer (Nyitraer Comitat). WĂŒnscht sich die Gödöllöerin 
(Pester Comitat) einen Knaben, so trÀgt sie wÀhrend der Schwanger- 
schaft ein geöffnetes Messer in ihrer Tasche. 


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19. Das Versehen der Schwangeren. 

Der, wie wir wissen, zu allen Zeiten und bei jedem Volke anzu- 
treffende Glaube an das „Versehen“, ĂŒber welches die Akten — 
wie dies auch Weisenburg in seiner jĂŒngst erschienenen Arbeit*) 
darlegt — auch heute noch nicht geschlossen sind, besteht auch in 
ganz Ungarn. 

Ich rechne hierher: 1. die Furcht davor, dass, wenrf die Schwan- 
gere einen hÀsslichen Gegenstand, ein hÀssliches Thier u. s. w. er- 
blickt, ihre Leibesfrucht eine Àhnliche Entstellung oder abnorme 
Bildung erfÀhrt, 2. den Aberglauben, dass das Kind, wenn die 
schwangere Frau vor Etwas erschrickt und sich unwillkĂŒrlich nach 
irgend einem Körpertheile greift, an einer entsprechenden Stelle ein 
Muttermal bekommt, und 3. jene fĂŒr schĂ€dlich geltenden psychischen 
Faktoren, welchen Fehl- oder FrĂŒhgeburten zugeschrieben werden. 

Damit sich die schwangere Frau nicht au den Heiligenbildern 
versehe, darf sie vielen Ortes nicht in die Kirche gehen (RumÀnen 
des Temeser Comitates). Ebenso darf sie in vieleu Gegenden keiner 
Kasperl- (Puppen-) Theatervorstellung beiwohnen. Wenn sie eine 
hÀssliche, abstossende Sache oder einen solchen Menschen oder 
Thier gewahr wird, so muss sie stets daran denken, dass sie jetzt 
schwanger ist und wĂŒnschen, dass dem Kinde dadurch, dass sie 
sich eventuell versehen hat, kein Leid geschehen möge. Dabei ist 
es besser, wenn sie das betreffende Objekt lÀnger betrachtet, als 
wenn sie sich von demselben plötzlich wegwendet. FĂŒr zweckdien- 
lich erachtet mau es auch, wenn die Frau in einem solchen Falle 
auf ihre NĂ€gel oder zur Erde oder gen Himmel schaut, oder aber 
wenn sie ihre Augen schliesst oder dieselben mit ihren HĂ€nden 
zudeckt oder abwischt. 

Viel mehr, ja sogar allgemein verbreitet ist die Sitte, dass die 
Frau, wenn sie solches sieht, den einen oder ausgesprochen den 
rechten oder aber den linken Daumen, eventuell alle beide an das 
Bindeband oder an den Kragen ihres Kleides legt, oder aber dass 
sie die Daumen beider HĂ€nde gegen die Handteller presst. In 
keinem Falle darf sie sich jedoch ins Gesicht fahren. 

Der Sinn, der all diesen Verfahren zu Grunde liegt, ist offen- 
bar die Furcht davor, dass bei einem derartigen Versehen, wenn die 

‱) Wo Isen bĂŒrg, Gerhard von. Das Verseilen der Frauen in Vergangen- 
heit und Gegenwart. Leipzig 1899. 


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Frau in ihrer Ueberraschung oder in ihrem Schreck nach ihrem Ge- 
sicht oder irgend einem anderen Körpertheile greift, sich auch beim 
Kinde an ebenderselben Stelle ein haariges oder feuerrothes oder 
sonst irgendwie beschaffenes Muttermal bildet, oder dass, sowie sie 
sich nach dem Bauch, beziehungsweise mittelbar nach der Frucht 
greift, dieselbe zu einer Missgeburt wĂŒrde oder mit irgend einer Ent- 
wickelungsanomalie zur Welt kÀme. 

So ist auch die Sitte zu erklÀren, dass die Frau an vielen Orten 
ihre Hand nicht an das Kleiderbaud, sondern auf das GesÀss legt, 
einerseits vielleicht deshalb, weil sich letzteres nicht in der Nachbar- 
schaft der Frucht befindet, andererseits jedoch deshalb, damit, wenn 
das Kind infolge des hÀsslichen Anblickes ein Muttermal bekÀme, 
dasselbe sich auf seinem GesÀss, also au verdeckter Stelle, nicht 
aber auf dem Gesicht oder sonst einer in die Augen fallenden 
Gegend zeige. 

Noch eiu Brauch ist beim Volke besonders gegen den soge- 
nannten „bösen Blick“, aber auch gegen das „Versehen“ verbreitet. 
Dies ist das Anspucken des betreffenden oder ĂŒberhaupt eines jeden 
abstossenden Wesens oder Gegenstandes oder, wie wir spÀter sehen 
werden, auch der Wöchnerin und des neugeborenen Kindes, damit 
denselben der betreffende Zuschauer oder Besucher nicht schade. 
Das Anspucken geschieht gewöhnlich dreimal nacheinander, und zwar 
wird es meisteus nur durch entsprechende Mundbewegungen mar- 
kirt, ohne dass man die betreffende Person oder den Gegenstand 
wirklich mit seinem Speichel anspuckt. 

Wenn sich die Frau im Zimmer versah, so muss sie sofort ins 
Freie gehen. Versah sie sich dagegen im Freien, so muss sie un- 
verzĂŒglich in ein nahegelegenes Haus einkehreu. Wenn die Frau 
vor ihrem Manne erschrocken ist, so spucke dieser in ein Glas 
Wasser und wasche damit ihre Stirne ab, oder aber er reisse von 
seiner Hose eiu StĂŒck ab, zĂŒnde es an und rĂ€uchere damit seine 
Frau (SĂŒdungarn). 

Wenn die Frau vor irgend einem GegenstÀnde erschrak, so 
reisse sie, falls dies möglich ist, ein StĂŒck davon ab und rĂ€uchere 
damit ihren Körper. Erschrak sie so sehr, dass ihr davon schlecht 
wurde, so benetze ihr Mann mit ihrem Urin im Geheimen den 
Strang der Kirchenglocke (Kalotaszeg). 

Wie oben erwÀhnt, hat nach dem Volksglauben das Versehen 
nur daun schÀdliche Folgen, wenn die Frau nicht daran denkt, dass 


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sie sich in anderen UmstÀnden befindet. Deshalb muss sie dabei 
in einigen Gegenden ausrufen: „Nicht ich allein habe es gesehen“, 
„zu Zweit haben wir es gesehen“, „oh, dass ich mich nur nicht 
daran vergaffe“ oder „Gott bewahre mich vor einem solchen Wunder“, 
oder sie muss dreimal ausspuckeu und dabei Aehnliches wie „es 
komme ĂŒber dich!“ oder „ohne Schaden u. s. w.“ vbr sich hinsagen. 

Wenn es der Frau in den der Geburt des Kindes folgenden sechs 
Wochen einfÀllt, dass sie sich wÀhrend ihrer Schwangerschaft irgend- 
woran versehen hat, so genĂŒgt diese RĂŒckerinnerung zur Aufhebung 
der schÀdlichen Wirkung. 

Der schwangeren Frau ist es verboten, Tliiere, besonders Affen, 
Hunde, Katzen u. s. w. zu betrachten, zu schlagen oder mit dem 
Fusse zu stossen, denn man glaubt, dass, wenn sie einen Hund 
schlÀgt oder ihm mit dem Fusse einen Tritt versetzt, ihr Kind 
ebenso behaart wie der Hund sein wird, und dass, wenn sie eine 
Katze schlÀgt oder mit dem Fusse stösst, das Kind hinterlistig, 
heimtĂŒckisch wie letztere sein wird, sowie dass sie durch einen solchen 
Fusstritt leicht abortirt, was ĂŒbrigens als ziemlich logisch zu be- 
zeichnen ist, da bekanntlich derartige plötzliche ungestĂŒme Körper- 
bewegungen thatsÀchlich einen Abort hervorrufen können. Freilich 
auch daun, wenn sie nicht gegen eiu hĂ€ssliches Thier ausgefĂŒhrt wurden. 

Die Szeklerin darf kein Ferkel betrachten, denn sonst kommt 
ihr Kind mit einem Kropf auf die Welt (Jankö). 

Bei den Slowaken trÀgt die Frau, um sich vor einer Missgeburt 
zu schĂŒtzen, wĂ€hrend ihrer Schwangerschaft unter ihrer Achselhöhle 
stets drei Zehen (Selinittchen) Knoblauch. 

Im Pozsonyer Comitat binden sich die Frauen einen mit Speichel 
beschmierten Faden um den Bauch. 

Eine Leiche darf das schwangere Weib nicht schauen, denn 
sonst wird es ein blasses, bleiches Kind gebÀren. Auch in eine 
Gruft darf es nicht hineinsehen, denn sonst wird es ein gelbes Kind 
bekommen. 

Bei den RumÀnen sagt man, dass, wenn ein Kind mit einem 
Muttermale geboren wird, die Mutter desselben wÀhrend der Schwanger- 
schaft einen dem Male Àhnlichen Gegenstand, z. B. eine Weintraube, 
Brombeeren u. s. w. gestohlen hat. 

Die Schwangeren dĂŒrfen auch nicht mit Obst oder Blumen be- 
worfen werden, denn sonst bekommen die Kinder diesen Gegen- 
stÀnden Àhnliche Muttermale. 


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In einigen Gegenden zieht die Frau wÀhrend der Schwanger- 
schaft ihr Hemd oder Kleid stets verkehrt an. 

Bekannt ist auch, dass es Volksbrauch ist, nach einem Schreck 
Wasser zu lassen. Dasselbe geschieht vielen Ortes, auch wenn man 
sich an Etwas versehen hat. 

Die slowakischen Frauen streicheln sich mit der Hand dreimal 
das Gesicht und klopfen sich dreimal auf das GesÀss. 

In ein Glas Wasser geworfene glĂŒhende Kohlen spielen des- 
gleichen eine grosse Rolle. Taucht vou drei in das Wasser geworfenen 
glĂŒhenden Kohlen eine im Glase unter, so ist eine stattgehabte „Be- 
hexung“ sichergestellt und man wĂ€scht mit diesem Wasser das Ge- 
sicht der Frau und giebt ihr davon zu trinken. 

Gegen Aborte, FrĂŒhgeburten und Todtgeburten sollen 
zumeist sanftes Reiben, Massiren, das Auf binden des Bauches, das 
Vermeiden zu vieler Bewegung, das Unterlassen von Heben schwe- 
rer Lasten, sowie des Indiehöhehebens der HÀnde, hÀufiges Baden 
oder das Gegentheil (d. i. vollstĂ€ndige BĂ€derunterlassung) schĂŒtzen. 
Zu vieles Coitiren ist auch schÀdlich. Einzig steht der Glaube der 
Bewohner von KĂŒnszentmĂ€rton da, dass vieles Arbeiten gegen Abort 
schĂŒtze, weil „nur die trĂ€ge Frau ihr Kind vor der Zeit zur Welt 
bringe“. 

Wie schon erwÀhnt, darf eine schwangere Frau, um kein 
todtes Kind zu gebÀren, an keiuem BegrÀbniss theilnehmen, auf 
keinen Frosch treten und kein solches Thier tödteu, sowie, um sich 
keiner FrĂŒhgeburt auszusetzen, keinen Hanf entwurzeln. 

FĂŒr ein gutes Mittel gegen Abortus wird Honig oder Honig- 
branntwein angesehen. 

Bei den Slowaken des Trencsener Comitates empfiehlt man als 
sehr wirksames Mittel gegen FrĂŒhgeburt, u. s. w r . vom Weher ent- 
liehene Leinwandreste, die um die FĂŒsse gebunden getragen werden. 

Die Slowaken des TorontĂ€ler Comitates halten KĂŒmmelzucker 
und das RĂ€uchern mit Schlangenhaut fĂŒr antiabortive Mittel. Im 
Pozsonyer Comitat rÀuchern sich die Frauen ihre Scliamtheile mit 
RitterspornblĂŒthe. 

Im KomÀromer Comitat baden sich die ungarischen Frauen in 
den letzten Monaten ihrer Schwangerschaft tÀglich 3 bis 4 Mal in 
einem Bad aus Quittenbaumzweigen, damit sie nicht vor der Zeit 
gebĂ€ren. In KomĂ€rom begegnet mau ĂŒbrigens auch noch dem aber- 
glÀubischen Gebrauche, wÀhreud der Schwangerschaft eine neue in 


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Essig getauchte SchĂŒrze zu tragen. Im Tolnaer Comitat bindet sich 
die Schwangere einen Faden dreimal um den Leib herum. Die 
RumÀninnen des Szolnok-Dobokaer Comitates verwenden zu diesem 
Zwecke das Unterhosenband (,,Gatya“-Band) ihrer MĂ€nner. 

Viele antworteten natĂŒrlich auch auf diese Frage malitiös, dass 
die Frauen zur Vermeidung von Aborten gar nichts thun, sondern 
dass sie im Gegentheil (!) tanzen, sich schmieren lassen u. s. w., 
um zu abortiren. 

Allgemein verbreitet ist der Aberglaube, dass ein spontaner 
Abort oder eine FrĂŒhgeburt, sowie ĂŒberhaupt eine Erkrankung der 
schwangeren Frau besonders darauf zurĂŒckzufĂŒhren ist,' dass es die- 
selbe nach irgend einer Speise oder nach irgend einem GetrÀnk 
verlangte, ohne dass es ihr möglich war, ihr GelĂŒste zu befriedigen. 
Darum besteht die Sitte, der Schwangeren stets von allen Speisen und 
GetrÀnken anzubieteu, die sie sieht, so wie auch sie verpflichtet ist, 
von Allem zu essen und zu trinken. 

Auch in Szabadka muss man einer Schwangeren jeden ihrer 
WĂŒnsche erfĂŒllen, denn sonst wĂŒrde das Kind mit dem der Mutter 
verweigerten Gegenstand im Munde auf die Welt kommen (VĂ€li). 

. Die WĂŒnsche und GelĂŒste der Schwangeren werden so sehr 
respektirt, dass man vielen Ortes eine schwangere Frau, wenn sie 
Esswerk stiehlt, dafĂŒr gar nicht bestraft. Es wird erzĂ€hlt, dass es 
einer schwangeren Frau auf dem Markte nach dem entblössten 
Arm eines Metzgergehilfen „gelĂŒstete“ und dass dieser sich dann 
freiwillig aus RĂŒcksicht auf den erwĂ€hnten Aberglauben von der 
schwangeren Frau in den Arm heissen liess. Se non ÂŁ vero .... 

Wenn die Frucht der schwangeren Frau schon abgestorben war, 
gab man der letzteren in frĂŒheren Zeiten (1727) in Wein gekochte 
Rainfarn stengel und -BlĂ€tter, sowie MuskatblĂŒthe ein (Veres). 


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V. Geburt 


30. Scliutzeöttin der Geburt. 

Als Göttin der Geburt betrachtete man bei den alten Magyaren 
die bereits erwĂ€hnte „Nagyboldogasszony“, deren Wirkungskreis sich 
ganz mit demjenigen deckt, der bei den Römern der Juno Lucina 
und bei den Griechen der Eileithyia zufiel. Die „Nagyboldogasszony“ 
haucht dem Kinde Leben ein und steht der GebÀrenden bei der 
Entbindung bei. Sie ist bei jeder Geburt unsichtbar zugegen und 
schĂŒtzt die GebĂ€rende vor den „bösen Geistern“. Ihr untergeben 
sind die ebenfaUs schon erwĂ€hnte „Boldogasszony“ und zwei Engel, 
von denen der eine die Mutter, der andere das Kind behĂŒtet. Die 
, ^Boldogasszony“ (die unbefleckte Tochter der „Nagyboldogasszony“), 
von der spÀter noch die Rede sein wird und an deren Stelle, wie 
wir gesehen haben, seit Verbreitung des Christenthums die Jungfrau 
Maria getreten ist, gilt dagegen fĂŒr die Schutzgöttin des Wochen- 
bettes. Mit Beendigung des Geburtsaktes ist nÀmlich auch die 
Mission der „Nagyboldogasszony“ zu Ende (KĂ€lmĂ€ny). Noch jetzt 
glaubt das Volk im „Alföld“ (die niederungarische Tiefebene) an 
das segensreiche Wirken der „Nagyboldogasszony“ sowie der „Boldo- 
gasszony“. 


2L Vorbereitungen fĂŒr die Geburt. 

Bei Eintritt der ersten Geburtswehen pflegt man die Frau in 
manchen Gegenden zu massiren, mit Weihwasser zu besprengen und 
mit verschiedenen, meist schon in Bereitschaft gehaltenen Mitteln 
zu rÀuchern, oder das Bett zu segnen, damit die Entbindung gut 
verlaufe. 

Bei den Ruthenen baden sich die Frauen in einem SpĂŒ- 
lichtschaff und schmieren sich ihre Geschlechtstheile mit frischer 
Butter ein. 

In einigen Gegenden (bei den Erdelyer RumÀnen) hÀlt man 


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die Geburt geheim, weil man glaubt, dieselbe gehe schwerer von 
Statten, wenn Jemand davon Kenntniss hat. Darum verstecken 
sich die Frauen in den Stall, gebÀren dort auf der nackten Erde, 
tragen das Kind nach Hause und rufen erst dann die Hebamme, 
AnderwÀrts verhÀngt man wenigstens die Fenster, so dass das 
Zimmer ganz dunkel ist. In Russland ist das Verheimlichen der 
Geburt allgemein verbreitet, weil man auch dort meint, dass die 
Geburt desto schwerer von Statten gehe, je mehr Leute von ihr 
Kenntniss haben. 

In manchen Gegenden Ungarns (z. B. in KĂŒn-Szt.-Marton) ruft 
man dagegen die Nachbarsfraueu zusammen, damit möglichst viel 
Personen da sind, welche die GebÀrende aueifern, ihr Muth zu- 
sprechen u. s. w. 

An dem Fenster wird gewöhnlich eine Kerze angezĂŒndet, die 
bis zur Geburt des Kindes brennen muss. 

Bei den Szeklern schlÀgt der Manu bei Eintritt der ersten Ge- 
burtswehen in die Wand des Backofens oder des Schornsteins einen 
Nagel ein, wickelt darum einige Haare von der linken SchlÀfegegend 
seiner Frau und sagt: 

„ Blindes Auge (— SchlĂ€fe) werde lebendig! 

Gott hat die Erde erschaffen, 

Himmel, Wasser hat er erschaffen; 

Er gab uns das Jesukindlein, 

Seinen hochheiligen Sohn; 

Der hochheilige Geist, 

Auch der sei hier bei uns! 1 “ (v. Wlisloeki.) 

Bei den Erdclyer Sachsen zieht der Manu bei Beginn der Ge- 
burt die Deichsel aus dem Wagen. 

WĂ€hrend der Geburt wird meistens — sogar im Sommer — 
ordentlich eingeheizt und weder das Fenster noch die ThĂŒre geöffnet. 
Je langsamer die Geburt fortschreitet, um so tĂŒchtiger heizt man ein. 

23. Stell untr wÀhrend des GebÀrens. 

Die Geburt selbst geht, wo sie nicht von einer geschulten Heb- 
amme geleitet wird, oder selbst wenn eine solche anwesend ist, ihre 
Vorschriften und Weisungen jedoch keine Beachtung finden, sozu- 
sagen nirgends lege artis im Bett vor sich. 

Die von der GebÀrenden eingenommene Lage betreffend, können 
die GebrÀuche in vier Hauptgruppen eingetheilt werden: 

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t) Das Entbinden im Stehen, 2) auf den Knieen, 3) im Sitzen 
und 4) im Liegen. Alle diese Verfahren haben wieder zahlreiche 
Abarten. 

Schon hier möchte ich die fast allgemein verbreitete Sitte er- 
wÀhnen, dass die Frauen wenigstens so lange ausser Bett bleiben, 
bis die Ausstossung des Kindes nicht ihren Anfang nimmt. In 
vielen Gegenden laufen die Frauen im Zimmer kreuz und quer 
herum und versetzen, so oft sie bei der ThĂŒr aulangen, derselben 
einen Stoss. ja, damit die Bewegung des Körpers eine heftigere sei, 
berĂŒhren sie die ThĂŒrklinke mit ihren FĂŒssen (Pester Comitat), oder 
springen z. B. ĂŒber einen Besen (Udvarhelyer Comitat) u. s. w. 

Mit dem Fortschreiten der Geburt, beziehungsweise in einem 
spÀteren Stadium der Ausstossungsperiode, nehmen sie dann eine 
der folgenden Lagen ein. 

I. Das Entbinden im Stehen. Das Entbinden im Stehen 
(Ungarn, RumÀnen und Slowaken), in freier Stellung oder gegeu die 
Wand gelehnt, geschieht zumeist in der Weise, dass sich die Frau 
an eiueu an der ThĂŒrpfoste oder am Zimmerbalkeu befestigten Strick 
anklammert (Duua-Szerdahely). oder dass der GebÀrenden zwei 
Weiber unter die Arme greifen. Bei den MĂ€rmaroser Rutheneu 
herrscht die haarstrÀubende Sitte, die GebÀrende, besonders wenn 
die Geburt zu langsam fortschreitet, bei den Armen an einem an 
einem Balken befestigten Strick in die Höhe zu ziehen, sie aufzu- 
hĂ€ngen, so dass ihre FĂŒsse den Boden nicht berĂŒhren. Diese Sitte 
resp. Unsitte ist meines Wissens sonst nirgends in Europa beobachtet 
worden, und von Ploss und Engelmann wird sie als ein nur bei 
einigen wilden amerikanischen VolksstÀmmen (z. B. bei den Apache- 
Indianern) anzutreffendes Verfahren erwÀhnt. 

II. D as Entbinden im Knieen. Hierbei kniet oder hockt 
die Frau in der einen Ecke oder in der Mitte der Stube auf dem 
nackten oder mit Stroh bedeckten Fussboden nieder und hÀlt sich 
mit beiden HĂ€nden an einem umgedrehten Backtrog oder au einem 
Stuhle oder an zwei StĂŒhlen oder an einem Webstuhle fest, wĂ€hrend 
ihre Angehörigen sie von beiden Seiten unterstĂŒtzen. Diese Lage ist 
fast ausschliesslich bei den Erdelyer RumÀnen anzutreffen. 

Die Serbinnen des BĂ€cser Comitates legen sich mit allen Vieren 
auf den Boden hin. (Knieellenbogenlage?) 

Bisweilen werden der auf der Erde kauernden GebÀrenden von 


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drei oder vier Weibern die Arme so ausgestreckt, wie man sie 
„Christus am Kreuze ausstreckte u . 

Die Hebamme sitzt oder kniet vor der GebÀrenden oder er- 
wartet das Kind hinter ihr sitzend oder knieend. 

111. Das Entbinden im Sitzen. Am meisten,. sozusagen in 
ganz Ungarn, und zwar fast ausschliesslich bei den Magyaren ist das 
Entbinden im Sitzen verbreitet. 

Dieses ist das im Pester, .TĂ€szer, BĂ€cser, Heveser, Tolnaer, 
Györer. KomÀromer, Pozsonyer Comitat, sowie in noch einigen 
hauptsÀchlich von Ungarn bewohnten Comitaten allgemein verbreitete 
Verfahren. Das Entbinden im Sitzen geht meistentheils in der 
Weise vor sich, dass sich die Frau auf zwei möglichst niedrige 
StĂŒhle setzt, so dass ihre Schenkel auf je einem von zwei unter 
einem Winkel nebeneinander gestellten StĂŒhlen ruhen, wobei die 
Vulva frei ist, oder dass sie auf einem umgekehrten Stuhl oder auf 
einem oder zwei Schemeln sitzt. Ihre FĂŒsse lĂ€sst die GebĂ€rende 
nicht am Boden, sondern auf zwei umgedrehten BackschĂŒsseln oder 
auf einem oder zwei Körben ruhen. 

Alle diese ModalitÀten sind als Ueberreste des Jahrhunderte hin- 
durch im Gebrauch gewesenen GebÀrstuhles anzusehen. 

Die GebÀrende hÀlt sich mit ihren HÀnden am Bett, am Stuhle, 
an der Ofenbank u. s. w. fest. 

In manchen Gegenden setzt sich die Frau in den Schooss ihres 
Mannes, so dass ihre Schenkel auf den seiuigen ruhen (Györer, 
KomÀromer Comitat). 

Bei dem Entbinden im Sitzen nimmt die Hebamme fast immer 
vor der GebÀrenden Platz, und zwar entweder auf einem Stuhl oder 
auf einem Schemel oder aber knieend, und leitet die Geburt nur 
selten von hinten (Abauj-Tornaer Comitat). Der Damm wird in 
allen diesen Stellungen entweder gar nicht oder nur in unzureichen- 
der Weise geschĂŒtzt. 

Es wird uuter die GebÀrende hÀutig irgend ein grösseres Ge- 
fÀss, z. B. ein kleiner Badetrog zum Auffangen des Fruchtwassers, 
des Blutes, der Placenta u. s. w. untergeschoben. 

Eventuell umspannt eine — hinter ihr stehende oder sitzende 
— Frau die auf zwei StĂŒhlen sitzende GebĂ€rende und stemmt ihre 
Kniee oder FĂŒsse gegen deren RĂŒcken, was angeblich die Geburt 
erleichtert. 


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IV. Das Entbinden im Liegen geschieht entweder auf 
dem Fussboden, und zwar auf der nackten Erde, oder auf einer 
schmutzigen Kotze (Decke) oder auf Fetzen (Lumpen), oder aber 
4uf eigens zu diesem Zwecke in die eine Ecke der Stube ge- 
streutem Stroh oder Heu, ĂŒber welches man eventuell eine schmutzige 
Decke breitet. 

An einigen Orten (bei den Slowaken) muss das Stroh parallel 
mit den Stubenbalken liegen. Es ginge so, sagt mau, die Geburt leichter 
von statten. Das Querlegen des Strohes scheint im Volksglauben 
zu einer Querlage zu dispomreu. 

Wenn die Entbindung im Bett vor sich geht, so nimmt man 
aus demselben vorher den Strohsack und das Kissen heraus und 
legt die GebĂ€rende einfach auf SchĂŒttenstroh oder breitet darĂŒber 
auch einen Sackfetzen oder eine Kotze, jedoch nie ein reines Bett- 
tuch oder andere reine weisse WĂ€sche aus. Im besten Falle thut 
mau dies erst nach der Geburt. Vielen Ortes legt mau der GebÀren- 
den die Unterhose des Mannes, welcher, so wie dessen ĂŒbrigen 
KleidungsstĂŒcken, auch sonst eine ĂŒber GebĂŒhr grosse Rolle zufĂ€llt, 
unter den RĂŒcken. Als Decke gebraucht mau meisteutheils eine Kotze. 

Es zeigt schon von Fortschritt, wenn ein Leinentuch auf das Stroh 
ausgebreitet wird. Aber auch dort ersetzt man den Strohsack durch 
gewöhnliches Stroh. 

An einigen Orten fĂŒrchtet man sich völlig — theilweise frei- 
lich aus SparsamkeitsrĂŒcksichten, um das Bett nicht zu verunreini- 
gen — vor dem Entbinden im Bett, so dass die Frauen oft nur so 
lange zu Bette bleiben, bis die Ausstossung des Kindes beginnt, 
und es dann schleunigst verlassen, um auf der Erde zu entbinden. 
Nach der Geburt legen sie sich daun wieder ins Bett zurĂŒck. 

Die Lage der GebÀrendeu wÀhrend des Entbindens ist oft in einer 
und derselben Gegend bei den verschiedenen NationalitÀten eine ver- 
schiedene. So gebÀren im ToroutÀler Comitate die deutschen Frauen 
im Bett, die Ungarinnen auf dem Stuhl, die Serbinnen auf der Erde. 

Die Frauen mosaischen Glaubens entbinden in ganz Ungarn 
im Bett. 

Uebrigens ist das Entbinden im Bett auch in Ungarn der all- 
gemein angenommene Brauch bei der intelligenteren und besser 
situirten Klasse aller NationalitÀten und Oonfessionen. Die oben 
geschilderten verschiedenen GebrÀuche beziehen sich fast ohne Aus- 
nahme auf die Àrmere Volksklasse. > 


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47 . — 


Die erwÀhnten Verfahren werden auch bei ein und derselben 
NationalitÀt mit verschiedenen Varianten angewandt. So entbinden 
z. B. die Slowakinnen stehend oder auf zwei StĂŒhlen sitzend oder 
kauernd. In einigen Comitaten trifft man alle vier Verfahren an. 

Die Zigeunerinnen, RumÀninnen, Serbinnen und Bulgarinnen 
entbinden alle auf der Erde. 

Es herrscht ĂŒbrigens ĂŒberall der Glaube, dass das Entbinden 
im Bett am ungĂŒnstigsten ist, weil es am lĂ€ngsten dauert. Deshalb 
pflegen auch solche Frauen — ich habe da immer nur die Ă€rmere 
Volksklasse vor Augen — , die sonst im Bett entbinden, wenn sich 
die Geburt zu sehr in die LĂ€nge zieht und schmerzhaft ist, aus dem 
Bett zu steigen, um auf einem Stuhle oder auf der Erde zu ent- 
binden. 

Seitdem Walcher bei engem Becken das Entbinden in schwe- 
bender Lage insofern fĂŒr vortheilhafter befunden hat, als sich da- 
bei der Graddurchmesser des Beckens vergrössert, ist die Frage der 
Ausfindigmachung der fĂŒr die GebĂ€rende gĂŒnstigsten Lage bekannt- 
lich wieder actuell geworden. 

Bei den Bulgaren legt man die GebÀrende in eine Ecke 
unter das Mutter Gottes-Bild mit dem Kopfe nach der ThĂŒre zu; 
in der entgegengesetzten Lage mĂŒsste das Kind todt zur Welt 
kommen (Czirfusz). 

In Kalotaszeg verwendet mau zum Geburtslager zwei bis drei 
nebeneinander gestellte WandbÀnke. 

In der niederungarischen Tiefebene (Alföld) entbindet die Frau 
auf in die Mitte der Stube geschĂŒttetem Stroh und geht erst nach 
der Entbindung in ihr eigentliches, in der einen Stubenecke auf- 
geschlagenes Wochenbett, in das sogenannte Zeltbett oder „Boldog- 
asszony-Bett“. 

Nach den meisten Berichten kostet es den Aerzten und geschul- 
ten Hebammen einen heissen, harten Kampf, die Frauen zu be- 
wegen, im Bett zu entbinden. Selbst wo es hier und da gelingt, 
die „Jungen“ mit dem „neuen Verfahren“ zu befreunden, halten 
doch die „Alten“ immer noch zĂ€h am Entbinden im Stehen, Knieen, 
Sitzen oder auf der Erde fest, indem sie — wie ich schon erwĂ€hnte 
— meinen, dass dabei das Kind leichter und schneller zur Welt 
komme. Dem Entbinden auf der Erde reden ĂŒbrigens nicht selten 
auch die Hebammen selbst das Wort, um nicht viel zu waschen zu 


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haben. An vielen Orten wird nÀmlich in der Àrmeren Volksklasse 
von der Hebamme trotz ministeriellen Verbotes auch das Waschen 
der SchmutzwÀsche gefordert. 

*33. Kleidung der GebÀrenden. 

Die Kleidung der GebÀrenden betreffend, habe ich sozusagen 
durchgÀngig die Antwort bekommen, dass die Frauen in ihren lum- 
pigsten, schmutzigsten Kleidern entbinden. In diesem Punkte sind 
sich alle NationalitÀten gleich. Ungarn, Deutsche, RumÀnen, Ser- 
ben, Slowaken u. s. w. von der armen Volksklasse sehen alle nur 
darauf, dass weder das Bett oder Bettzeug, noch die Kleider oder 
WĂ€sche der Frau verunreinigt werden, ja es wird sogar berichtet, 
dass die eventuell vor der Entbindung getragene reine WĂ€sche bei 
den ersten Wehen durch schmutzige ersetzt wird. 

Die meisten Frauen entbinden im Hemd und Unterrock oder 
in einer weiten Taille und Unterrock, oder nur im Hemd oder in 
einem „Pendel“ genannten Unterhemd; die StrĂŒmpfe werden zumeist 
anbehalten. Einige, besonders die stehend Entbindenden, bleiben 
ganz angezogen und hĂ€ngen ĂŒber ihre gewöhnliche Tracht auch noch 
ein grosses Tuch um. 

Andere (die RumÀninnen des Hunyader Comitates) entbinden 
dagegen auch in ganz nacktem Zustande. 

Auch in Bezug auf die Kleidung der GebÀrenden haben die 
diplomirteu Hebammen einen schweren Stand. Gegen das Anziehen 
reiner WÀsche wehren sich Erstere nÀmlich auf das Erbittertste. 
Denn es herrscht auch der Glaube, dass sich die bei der Geburt 
schmutzig gewordene WĂ€sche nicht auswascheu lasse, und deshalb 
gebraucht man auch im besten Fall — wie bereits erwĂ€hnt — 
keine WeisswÀsche, sondern fast durchweg nur farbige, bunte WÀsche, 
Kleider u. s. w. 

Die RumÀninnen des HÀromszeker Comitates ziehen acht Tage 
lang (bis zum ersten Bad) kein frisches Hemd an. 

In Abauj-Torna zieht man den Rock tĂŒchtig zusammen, damit 
auf diese Weise die Geburt leichter von statten gehe. 

Vielen Ortes wickelt man der GebÀrenden ein kleines Tuch 
um den Hals (gegen Kropfbildung). 


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24. Behandlung der Geburt. 

Behufs Beschleunigung der Geburt einerseits, sowie Linderung 
der Schmerzen andererseits wendet das Volk die verschiedensten Ver- 
fahren und Ceremonien an. 

Dieselben können, abgesehen von den Gebeten, von welchen sich 
die au die Mutter Gottes, besonders aber die an den heiligen An- 
tonius von Padua gerichteten grosser Beliebtheit erfreuen, in der 
Hauptsache in fĂŒnf Gruppen eingetheilt werden, nĂ€mlich in: 

1) active Bewegungen der GebÀrenden, 

2) passive mechanische Einwirkungen, 

3) DĂŒustungeu und RĂ€ucherungen, 

4) GetrÀnke und Medicamente und 

5) sonstige Verfahren. 

I. Zu der ersten Gruppe gehört: das oben erwÀhnte Herum- 
spazieren, welches eine beinahe allgemein verbreitete Sitte ist, an 
vielen Orten sogar, wenn schon die Ausstossung des Kindes be- 
gonnen hat. Nicht selteu geht man dabei so weit, dass die Ge- 
bĂ€rende, wenn sie sich vor ErmĂŒdung und Erschlaffung schon nicht 
mehr auf den FĂŒssen zu halten vermag, von zwei Frauen unter den 
Arm genommen und so im Zimmer kreuz und quer herumgeschleift 
wird, da „sich nur auf solche Weise die Knochen öffnen“. Ferner 
ist das ebenfalls schon angefĂŒhrte Stossen der ThĂŒre und ThĂŒr- 
klinke mit den FĂŒssen, welches eine Sonderheit der RumĂ€ninnen 
des HĂ€romszeker Comitats ist, das Vousichstossen eines Hundes, 
einer Katze u. s. w. mit dem Fusse, das dreimalige Herumgehen 
um den Tisch und dreimaliges KĂŒssen seiner Ecken (Szabolcser Co- 
mitat), das mehrmalige Heruuterspringen von einem Stuhl, einem 
Tische oder einer Wandbank, starkes Blasen in ein leeres Glas (so- 
genanntes „Kraftgeben“) u. s. w. zu erwĂ€hnen. 

Wenn dies Alles nichts nĂŒtzt, so wird hei den RumĂ€nen die 
GebÀrende auf eine Schaufel gesetzt und unter dem Gemurmel von 
Zauberworten „in die Kammer geworfen“ (Csiker Comitat). 

In der Muraköz lÀsst man die Frau auf allen Vieren herum- 
kriechen, zieht sie hin und her „wie einen BĂ€ren“ und legt sie auch 
auf den Bauch. 

Zur Beschleunigung der Entbindung prĂŒgelt an vielen Orten 
die GebÀrende ihren Mann; unterlÀsst sie dies, so geht, heisst es, 
die Geburt nur langsam vorwÀrts. 

Temesv&ry, Volkebriiuche. 4 


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II. Die passiven mechanischen Einwirkungen bestehen 
besonders darin, dass der Mann seine Frau in die Höhe hebt und 
sie dreimal ordentlich zusammenrĂŒttelt, „wie einen vollen Sack“ 
(namentlich bei den Serben und Ungarn), oder sie auf seinen RĂŒcken 
nimmt, mit ihr so herumgeht und sie dabei ein paar Mal tĂŒchtig 
abschĂŒttelt (bei den Ungarn im Feherer, Zalaer, Bekeser und Szat- 
mĂŒrer Comitat). Eventuell ist die Hebamme oder eine zur HĂŒlfe- 
leistung herangezogene Nachbarsfrau verpflichtet, diese AbschĂŒtte- 
lungen zu besorgen. Ein anderes Verfahren besteht dariu, dass sich 
die Frau auf die Erde oder ins Bett legt und ihr Mann dreimal so 
ĂŒber sie hinwegtritt, dass er mit seinen FĂŒssen vorsichtig ihren Bauch 
berĂŒhrt (Ungarn des Pester, JĂ€szer, Heveser Comitates), oder dass 
man ihren ganzen Körper oder nur ihren RĂŒcken reibt und schmiert, 
was ĂŒbrigens allgemein Gebrauch ist, oder nur ihren Bauch, „da- 
mit das Kind weiter hinuntergehe“. Vorher schmiert man den Bauch 
oft mit Butter ein. Manchmal geht man bei den Schmierungen so 
stark ins Zeug, dass beinahe die Haut herunterkommt. Man glaubt 
nÀmlich, dass man durch die Massiruugen dem Kiude helfe, sich 
mit dem Kopfe nach unten zu wenden. 

An manchen Orten drĂŒckt Jemand seine Kniee gegen das 
Kreuzbein der GebÀrenden. AnderwÀrts steckt man Letztere in 
einen Mehlsack und wÀlzt sie darin herum (JÀszer, Biharer Comi- 
tat), oder man schaukelt sie in einem Leinentuch (HĂŒromszeker 
Comitat), oder in einem Trog und schĂŒttelt sie krĂ€ftig ab 
(Gj’örer, NögrĂ€der Comitat), oder mau bindet ihr ein Tuch um 
den Leib und schĂŒttelt sie so ab (Udvarhelyer Comitat), oder man 
presst ihr den Bauch tĂŒchtig mit einem Handtuch zusammen (Abaujer 
Comitat) u. s. w. 

Es giebt auch Gegenden, wo man die Frauen bei dem Herau- 
nahen der „schweren Stunde“ noch herumfahren lĂ€sst in der Absicht, 
durch dieses RĂŒtteln die Geburt zu erleichtern. 

III. Die DĂŒnstungen und RĂ€ucherungen, welche man im 
Falle von Erfolglosigkeit auch dreimal wiederholt, geschehen mit: 
heissem Wasser, Dillsamen, Pfefferkraut, KĂŒmmel, Zwiebelschalen- 
aufguss, Verbrennung eines ganzen Zwiebelkranzes, Kleie, Heu, 
Weihrauch (Pester Comitat), Wachhold erbeeren (Alsö-Fejerer Co- 
mitat), weissem Zucker, sĂŒsser Milch (Trencsener Comitat), Kamillen- 
thee, Aloe, Asa foetida (Bekeser Comitat), Essig, Safran, Kamillen 
(Zalaer Comitat), wilder MohrrĂŒbe oder wildem Hanfsamen (Mura- 


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köz), Hafer, Federn (Nyitraer Slowaken), auf warme Ziegeln ge- 
gossenem Branntwein (SzatmÀrer Comitat). Auch wird Pferdemist 
abgebrĂŒht und zu DĂŒnstungen und Kataplasmen verwendet (Bekeser 
Comitat). Am verbreitetsten ist das RĂ€uchern mit Zwiebelschalen 
und KĂŒmmel. 

Bei den Erdelyer Sachsen rÀuchert man die Frau, um die 
Geburt zu beschleunigen, mit den Federn einer schwarzen Henne 
und mit Schweinsborsten. 

Im Heveser Comitat setzt man die Frau ĂŒber gekochte Bohnen- 
stengel oder streut ein Gemisch von KĂŒmmel, Zwiebelschalen und 
weissem Zucker auf glĂŒhende Kohlen. 

Die Erzeugung dieser DĂ€mpfe geschieht meistens durch direktes 
Kochen und Sieden des betreffenden Mittels, zuweilen jedoch nur 
durch Giessen desselben auf heisse Ziegel oder glĂŒhende Kohlen, 
eventuell im Nachttopf, ĂŒber welche GegenstĂ€nde sich die GebĂ€rende 
mit gespreizten Beinen stellt. 

Manchen Ortes stellt man die GebĂ€rende einfach ĂŒber die 
Flamme von auf einen Teller gegossenem und angezĂŒndetem Wein- 
geist (FĂ€legyhĂ€zer und Uuger Comitat), oder ĂŒber glĂŒhende Kohlen, 
durch welche Verfahren schon viele BrandunglĂŒcke entstanden sind, 
oder man legt einen Stein, ein StĂŒck Eisen ins Feuer, löscht dann das- 
selbe in einem Eimer mit heissem Wasser oder Essig und dĂŒnstet 
sich damit. 

Hierher zu rechnen sind auch noch die warmen BĂ€der, welche 
jedoch schon mehr von der intelligenteren Volksklasse gebraucht 
werden. 

IV. Verschiedene GetrÀnke und sonstige Medicamente. 
Man trinkt Wein — eventuell mit Ingwer, Zimmt und GewĂŒrznelken 
— oder Rum, meistens jedoch Branntwein, entweder aufgekocht oder 
mit Ingwer, Safran, KĂŒmmel, Zuckermelonenschale oder mit Schaf- 
garbe (Achillea) (JĂ€szer und BĂ€cser Comitat) gewĂŒrzt, ja sogar 
Branntwein mit Schiesspulver (JĂ€szer Comitat, Ugocsaer Comitat) 
oder Branntwein, in welchen man von Silbergeld heruntergekratzten 
Schmutz gerĂŒhrt hat (Slowaken des TorontĂ€ler Comitates). Oft trin- 
ken die Frauen so lange, bis sie berauscht sind. Ausserdem trinkt 
man KĂŒmmelwasser, aufgekochte gezuckerte oder einfach laue Milch, 
Kamillenthee oder Pfingstrosen in Rothweiu, Rauten- und Rosen- 
blĂŒthenthee (Hunyader Comitat), oder aus Verbascum (Szabadka), aus 
Kuckuckskraut, blauem Rittersporn, Bitterwurz (Krassö-Szörenyer 

4 * 


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Comitat), Mohnblumen und anderen KrÀutern zubereiteten Thee, deu 
Absud von weissen Lilien, sowie Safran (Bekeser Comitat), kaltes 
Wasser. Auch Zwiebeln giebt mau der Frau zu essen (Abaujer Co- 
mitat). Es werden hier also dieselben Mittel verwendet, die wir 
als in der Volksmediciu benutzte Fruchtabtreibungsmittel kennen 
gelernt haben. Das Secale coruutum ist jetzt schon ohne Àrztliche 
Verordnung weniger zugÀnglich. 

Die Erdelyer RumÀnen thun Flinteukugeln ins Wasser und 
lassen die Fraueu von diesem abtrinken. 

In frĂŒheren Zeiten war abgeschabtes Gold von den ob ihres 
feinen Gehaltes berĂŒhmten ungarischen GeldstĂŒcken ein beliebtes 
Mittel zur Erleichterung der Geburt. 

V. Von den verschiedenen sonstigen Verfahren ist vor 
allen Dingen zu erwÀhnen, dass man wÀhrend der Geburt, sogar auch 
im Sommer, das Zimmer ordentlich heizt und die GebÀrende event. 
noch mit warmen Ziegeln und Töpfen bedeckt, was ĂŒbrigens be- 
kanntlich ein ziemlich rationelles Verfahren ist. 

Das Wehklagen oder Schreien hĂ€lt man desgleichen fĂŒr ein 
der Geburt förderliches Mittel. 

Gegen krampfartige Wehen gebraucht man heisse Wasser-, 
warme Branntwein- oder KamillentheeumschlÀge (Csallököz), oder 
einfach gewÀrmte Lappen oder Teller oder gerÀucherten Hanf (Hon- 
ter Comitat), oder gewÀrmtes oder gekochtes Garn, Kleie, Hafer, 
Schellkraut (Esztergomer Comitat) und andere gewÀrmte KrÀuter oder 
warm gedĂŒnstetes Hasenfell (NögrĂ€der Comitat), gewĂ€rmtes Salz 
(Bekeser Comitat). 

Deu Bauch schmiert man mit Zwiebelsaft ein Abaujer Comi- 
tat), bindet um deu Leib ein Unterhoseuband und zerrt die Frau 
an demselben herum, oder bindet um den Leib solch abgebrĂŒhtes 
Garn, welches von eiuem MĂ€dchen als Erstlingsarbeit gewebt wurde 
(Heveser Comitat), oder man bindet der GebÀrenden das Unterhoseu- 
baud des Mannes (Unger Comitat) oder in heissem Wasser durch- 
feuchtetes gewöhnliches Garn um den Leib (VÀcz). Im Bekeser 
Comitat hÀlt die GebÀrende ihren Lieblingstopf in der Hand. 

Bei lange dauernder Geburt spannt mau einen Strick aus und 
lÀsst die Frau darunter dreimal hinwegkriechen, da mau meint, dass 
die Entbindung deshalb so schwer von statten geht, weil sich die 
Nabelschnur um den Hals des Kindes gewickelt hat, was indessen 
nur so geschehen konnte, dass die Frau wÀhrend ihrer Schwanger- 


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■schaft unter einem Strick hinweggegangen ist. Wie viel mal sie 
dies gethan habe, so viel mal habe sich die Nabelschnur um den 
Hals des Kindes geschlungen. Wenn nun die Frau wÀhrend der 
Geburt von Neuem unter einem Strick wegkriecht, so dreht sich die 
Nabelschnur wieder auf (Pester Comitat). 

Bei den Serben tritt die Frau ĂŒber die Oeffnung des Back- 
ofens hinweg und trinkt aus den Stiefeln ihres Mannes Wasser, oder 
aber speciell solches Wasser, in dem sich vorher ein MĂ€dchen das 
Haar gewaschen hat (BĂ€cser Comitat). 

Vielen Ortes thun die Frauen ein wenig Mutterkorn in ein Glas 
Wasser und trinken dies (Toluaer, Ugocsaer, Pester Comitat). 

Bei den Szeklern stellt sich die Frau auf die Unterhose des 
Mannes (Jankö). 

AnderwÀrts lehnt man an das Bett der GebÀrenden eine alte 
Leiter und hÀngt eine Unterhose des Mannes rittlings darauf (Buda), 
oder die Frau trinkt dreimal aus dem eingedrĂŒckten Hute ihres 
Mannes (RumÀnen des BÀcser Comitates) oder aus dessen Hand- 
teller (HĂ€romszeker Comitat), oder tritt dreimal ĂŒber einen „Suba“ 
(ungarischer Bauernpelz) hinweg (Bekeser Comitat). 

Die Mutter oder Schwiegermutter der GebÀrenden legt ihr Kopf- 
tuch auf den Bauch der GebÀrenden und macht dreimal ein Kreuz 
darauf (KolozsvÀr, Szaboleser Comitat), oder man bindet der Ge- 
bÀrenden ihr Hochzeitstuch um den Leib und zieht ihr die Hochzeits- 
handschuhe an (Hunyader Comitat). 

Die ThĂŒren und Schubladen macht man auf, um „dem neu- 
geborenen Kinde einen Weg zu bahnen“. Die Schlösser mĂŒssen 
sÀmmtlich geöffnet sein, ebenso die OhrgehÀnge, da sich so auch 
„die GebĂ€rmutter leichter öffnet“. Diese Sitte ist auch bei den 
Juden allgemein verbreitet. Dieser Brauch dĂŒrfte UtilitĂ€tsgrĂŒnden 
seinen ITrspruug verdanken, indem im Wochenbett der Ehemann 
die Stelle der Hausfrau zu vertreten hat, und da er die SchlĂŒssel 
in der Regel nicht genau kennt, wird ihm sein GeschÀft durch das 
Offenlassen der ThĂŒren erleichtert. 

Bei den Ruthenen löst man der Frau das Haar und nimmt 
ifir sowohl das OhrgehÀnge, als auch ihre Ringe herunter. Ander- 
wÀrts löst mau bei Eintritt der Geburtswehen alle Knoten am Kleide 
der Frau auf. 

Die Zigeunerin kĂŒsst bestĂ€ndig die Erde und betet. 


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im Heveser Comitat tritt der Mann, um die Geburt zu be- 
schleunigen, mit seinem rechten Fusse dreimal ĂŒber die GebĂ€rende 
hinweg und rÀuchert dann deren Schamtheile mit seinem Unterhosen - 
band oder aber mit seinen und seiner Frau Scham- und Achsel- 
höhlenhaaren, oder coitirt, wenn dies Alles nichts hilft, wÀhrend der 
Entbindung! De gustibus . . . 

Im JĂ€szer Comitat steckt man bei einer schweren Geburt eine 
brennende Kerze in den Nabel der Frau. 

Im CsongrÀder Comitat legt mau der GebÀrenden den Kirchen- 
schlĂŒssel unter den Kopf. 

In der Muraköz muss die Frau vor der Geburt einen auf die 
Erde gestellten Krug umstossen, um leichter entbinden zu können, 
wÀhrend man ihr wÀhrend der Geburt den Bauch mit Schlangen- 
haut reibt, damit sie so leicht entbinde, als sich die Schlange leicht 
hÀutet. Daselbst muss auch die Hebamme, wenn sie zum ersten 
Male das Zimmer betritt, die GebÀrende mit ihrem Kopftuche und 
ihrem Rosenkranz dreimal schlagen, damit die Geburt normal und 
schnell von statten gehe und das Wochenbett ein fieberfreies sei. 

Bei den Erdelyer RumÀuen bindet sich die GebÀrende eine 
Schlaugenhaut oder die Unterhose ihres Mannes um den Leib, nach- 
dem sie auf ihrer Brust und ihrem Bauch ein Ei einige Mal auf- 
und abrolleu liess. 

Bei den Slowaken des NögrÀder Comitates giebt der Mann 
seiner kreissenden Frau aus seinem Munde zu trinken, bindet ihr 
sein Unterhosenband um den Leib, uriuirt in die Stiefeln und lÀsst 
die Frau von dem Urin trinken! Auch bei den MĂ€rmaroser Ruthe- 
neu glaubt man, dass die Frau ihr Kind nicht eher zur Welt bringen 
könne, bis sie von ihrem Mann „nicht noch einmal Wasser erhĂ€lt". 
Das erste Mal erhielt sie nĂ€mlich beim Coitus Wasser (Sperma fĂŒr 
Wasser!). Daher der Brauch, dass der Mann seine Frau wÀhrend des 
Kreisseus (dreimal) aus seinem Munde trÀnkt. 

In Gömör kommen sÀmmtlicke Frauen des Dorfes in die Wochen- 
stube, um zu beten, wofĂŒr man ihnen daun Branntwein und Brod 
schenkt. 

In Miirmaros „löscht mau Kohlen'*, wovon bei den gegen bösen 
Blick angewandten Verfahren noch die Rede sein wird, wÀscht mit 
dem Kohleuwasser sĂ€mmtliche Möbel, ThĂŒren, Fenster ab und giesst 
den Rest desselben auf das Kleid der GebÀrenden. 

Wenn im Bekeser Comitat die Geburt lange dauert, so tritt der 


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Mann dreimal nackt ĂŒber die Frau hinweg und giebt ihr darauf aus 
seinem Munde zu trinken. Im Hajduer Comitat legt sich der Mann 
auf die Erde, und die Frau steigt einigemal ĂŒber ihn hinweg. 

Der Kalotaszeger Bauer lÀutet, wenn seine Frau schwer ent- 
bindet, an der Kirchenglocke. 

Im Maros-Tordaer Comitat fĂŒllt mau vier Eierschalen mit Wasser 
und giebt dieses der GebĂ€renden zu trinken, damit „der Mutter- 
mund so gross werde, wie die vier Eier es sind“. 

Charakteristisch beschreibt eine Hebamme aus dem Arader 
Comitat die dort bei den ungarischen Bauern wÀhrend einer schwe- 
ren Entbindung herrschenden GebrÀuche: 

„Wenn die Geburt lange dauert, so ko mm en fĂŒnf oder sechs 
Frauen zusammen, vou welchen eine jede etwas Anderes zu rathen 
weiss. Der Mann packt die Frau an und schĂŒttelt sie dreimal tĂŒch- 
tig durch, denn dadurch „kommt das Kind weiter herunter“. Dann 
giebt er ihr aus seiuer linken hohlen Hand dreimal zu trinken, die 
Frau wieder stösst die ThĂŒre dreimal heftig mit ihrer linken Ferse. 
Hierauf wÀscht der Mann seine Frau, trocknet sie mit der Kehr- 
seite seiner Unterhose ab und bindet ihr das Unterhosenband drei- 
mal um den Leib. Wenn dies Alles nichts hilft, so rÀuchert man 
die Frau mit einem Gemisch von neunerlei verschiedenen KrÀutern 
und Zwiebeln und deckt sie so warm zu, dass sie beinahe erstickt. 
Hilft auch dies nicht, so lÀsst man die Frau beten und legt ihr 
einen Rosenkranz auf die Brust. Inzwischen reibt man weisse Mal- 
venwurzel und giebt ihr diese, Zimmt und Safran in Milch gekocht 
ein. Unter ihren RĂŒcken tliut man warme Kleie (in einem SĂ€ck- 
chen), und wenn die Zeit der Kindesausstossung naht, unterbindet 
mau ihr die Schenkel, damit das Blut in die Höhe steige, nicht aber 
in die ExtremitÀten sinke. Nach der Geburt des Kindes lÀsst mau 
die Frau in ein Glas hiueinblasen, oder man stellt sie ĂŒber warmes 
Wasser, damit die Nachgeburt schnell ausgestosseu werde. Darauf 
wischt man mit derselben das Gesicht der Frau dreimal ab und 
lĂ€sst letztere in sie dreimal tĂŒchtig hineinbeissen Nach der Geburt 
trinkt die Frau viel Branntwein, in welchem Ingwer, Kampher, KĂŒm- 
mel und Safran aufgelöst wurden. Nach einer Massage des Bauches 
deckt man die Frau gut zu, damit sie schwitze, und umgiebt ihren 
Bauch mit Petersilien-, Wermuth-, Kamillen-, Schierlings- und 
KlettenblÀttern u. s. w. Sofort nach der Entbindung isst die Wöch- 
nerin ein StĂŒck Brod mit Speck und verschiedenes Andere. Zur 


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Kindtaufe weisst die Frau schon selbst die Ofenbank, streicht 
andere GegenstÀnde an, bereitet das Vesperbrod (Jause) vor, ver- 
richtet also mit einem Worte schon Alles selbst.“ 

Auch bei den Slowaken lÀsst man die GebÀrende sich nicht 
ins Bett legen, sondern lÀsst sie bestÀndig herumlaufen, heizt gut 
ein und rÀuchert sie mit in einen kleinen Topf gethanen Zwiebel- 
schalen, oder giebt ihr Milch mit Ingwer zu trinken, damit die Wehen 
stÀrker und hÀufiger kommen mögen. Zieht sich die Geburt lange hin, 
so schĂŒttelt man die Kreissende tĂŒchtig durch oder legt sie auf einen 
Strohsack, dessen Zipfel zwei Frauen halten, und zerrt sie dreimal 
hin und her, damit „das Kind frei werde“. Man glaubt der Ge- 
bÀrenden Erleichterung zu verschaffen, wenn man ihr den Bauch 
und die Kreuzgegend tĂŒchtig „schmiert“. 

WĂ€hrend der Geburt klammern und lehnen sich die Frauen 
natĂŒrlich an Alles an, was sich in ihrer NĂ€he befindet, und zwar um- 
schlingen sie, je nach der Lage, in welcher sie gebÀren, den Hals 
ihres Manues, der Hebamme oder der Nachbarsfrau oder eines an- 
deren zu diesem Zwecke anweseuden Weibes, oder sie halten sich 
au der Bettseite oder, wenn das Bett an der Wand steht, an einem 
zu diesem Behufe in dasselbe gelegten Brett, dem sogenannten Bett- 
brett, oder an einem Stuhle oder an einem Tische fest, oder sie 
legen einen Besen ins Bett, oder binden einen Wickel an das Eude 
des Bettes und klammern sich an diese GegenstÀnde an. Wenn die 
Frau sitzend entbindet, so legt sie fĂŒr gewöhnlich ihre beiden HĂ€nde 
auf ihre Schenkel und lehnt sich gegen die Brust einer sie von 
hinten umarmenden Person an. 

In Abauj-Toma lehnen sich die .Russinnen mit dem RĂŒcken 
gegen die ThĂŒre, wĂ€hrend Jemand dieselbe von aussen öffnet und 
so die Frau vor sich schiebt, welche sich gegen die ThĂŒr anstemmen 
muss. (Schwedische Gymnastik !) Mau meint, dass das Kind auf diese 
Weise ermĂŒdet uud daher schneller zur Welt kommt. 

Die MĂ€rmaroser Rutheniu wird, wie wir gesehen haben, an 
einem ihr unter den Armen um den Leib gebundenen und am 
Stubenbalken befestigten Strick in die Höbe gezogeu, so dass ihre 
FĂŒsse die Erde nicht berĂŒhren. 

Schliesslich verdient noch ein freilich Àusserst seltener Brauch 
ErwÀhnung, der meines Wissens sonst auch nur bei einigen wilden 
StÀmmen anzutreffen ist, uud der darin besteht, dass der Ehemann 


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zur Beschleunigung der Geburt einen Schuss ĂŒber dem Kopfe seiner 
kreissenden EhehÀlfte abfeuert. 

Wenn eine Kreissende phantasirt. so befestigt man zu ihrem 
Kopf- und Fussende je zwei Esslöffel in Kreuzform (Oberungarische 
Slowaken. IstvÀnffy). 

In FelegyhÀza herrscht die Sitte, einer ErstgebÀrenden in den 
untersten Saum ihres Rockes Salz und Speck zu binden. Beides 
dient dann als „Liebesspeise“. Wenn nĂ€mlich mit diesem Salze 
ein MĂ€dchen das Essen eines jungen Mannes salzt oder mit diesem 
Speck das Brod desselben bestreicht, so wird sich der Betreffende 
in sie verlieben. 

Zur Sicherung eines leichten und glĂŒcklichen Geburtsverlaufes 
herrschen vielen Ortes schon »wÀhrend der Schwangerschaft die 
verschiedensten GebrÀuche. 

Des Betens und Wallfahrens haben wir schon gedacht. 

Man hĂ€lt es fĂŒr gut, wenn die Schwangere ein StĂŒckchen von 
einem Baume bei sich trÀgt, in den der Blitz eiugeschlagen hat. 
So wird sie keine zu schmerzhafte Entbindung haben und wird ein 
krÀftiges, gesundes Kind zur Welt bringen (Kalotaszeg. Jankd). 

Eine schwangere Frau darf im Zimmer kein Messer schleifen, 
denn sonst wird sie schwer entbinden. 

Frau von AVlislocki erwÀhnt, dass die schwangeren Frauen 
in den Donaugegenden zur Sicherung einer schnellen und sicheren 
Geburt Amuletten, im BĂ€cser Comitat an einer rothen Schnur das 
Bild des heiligen Antonius, in Vörösmart ein priapusförmiges StĂŒck- 
chen Holz tragen. AnderwÀrts hÀngt man auf die Innenseite des 
Stiefelschaftes einen Entenfuss, „damit der Teufel die Frau nicht 
drĂŒcke“. In der Szabadkaer und Szegediner Gegend hĂ€ngt die 
Schwangere ein aus Eselshaut verfertigtes, Weihrauch enthaltendes 
SĂ€ckchen um, auf welchem mit rothem Garn das Bild einer Schlange 
gestickt ist, oder man knetet in ein dĂŒnnes LehmtĂ€felchen zwei 
Knochen, welche von einer im Kindbett verstorbenen Frau her- 
rĂŒhren. Auf diesem TĂ€felchen befindet sich auch ein Loch, durch 
das die Frau einige ihrer Haare zieht, dann bindet sie diese 
am TÀfelchen fest und vergrÀbt das Ganze unter ihr Bett in die 
Erde oder unter den Fussboden , damit sie leicht entbinde 
und das Kind gesund sei und lange lebe. In derselben Ge- 
gend trÀgt man auch aus Àhnlichem Material verfertigte Amulette, 
welche die Vulva darstellen, wÀhrend jenseits der Donau kleine, aus 


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Nussbaumholz verfertigte Kreuze als Amulette getragen werden, in 
deren Mitte ein StĂŒckchen von dem Kleide eines ungetauft verstor- 
benen Kindes untergebracht ist. 

Eltern, deren frĂŒhere Kinder zeitig gestorben sind, vergraben 
bei neuerlicher Schwangerschaft ein dem beschriebenen Àhnliches 
Kreuz unter die ThĂŒrschwelle oder unter den Backofen. Vorher 
bindet man indessen noch ein paar Haare vom Vater und von der 
Mutter dazu. Dieses Kreuz wird erst nach der Taufe des Kindes 
wieder ausgegraben und hierauf verbrannt. Brennt es mit heller 
Flamme, so wird das Kind gesund sein, ist die Flamme trĂŒbe, so 
wird letzteres bestÀndig mit Krankheit zu kÀmpfen haben. Die 
Asche des Kreuzes schmiert mau, mit Wasser vermengt, dem Kinde 
auf die Stirn. Es ist dies gut gegen Behexung (v. Wlislocki). 

Am St. Johannistage darf ein MĂ€dchen nicht ohne Kopftuch 
in der Sonne stehen, da es sonst schwer gebÀren wird (Oberungarn). 

Vielen Ortes fastet die Frau wÀhrend der Zeit ihrer Schwanger- 
schaft jeden Dienstag und Sonnabend, setzt sich jeden Sonnabend 
beim VesperlÀuten auf die Schwelle des Hauses, und zwar so, dass 
das eine Bein sich ausserhalb, das andere innerhalb der Schwelle 
befinde. 

Verirrt sich ein fremdes Huhn auf den Hof der Schwangeren, 
so wird sie leicht entbinden. 

Von sonstigen wÀhrend der Geburt angewendeten VolksbrÀu- 
chen möchte ich noch folgende erwÀhnen: 

Die ThĂŒre, auf welche der Pfarrer an den Heiligen Drei Königen 
bei Einsegnung des Hauses die Buchstaben G. M. B. geschrieben 
hatte, wird bei einer schweren Entbindung in die NĂ€he der Kreissen- 
den gebracht. Auch daun geht dio Geburt leichter von statten, 
wenn die Frau irgend ein GelĂŒbde thut. 

Bei den Szeklern legt man in das Bett der GebÀrenden ein 
KleidungsstĂŒck des Mannes, welches man vorher auf einem Siebe 
hin- und hergewendet hat, und sagt dabei dreimal: 

„Löchrig ist dieses Sieb; 

Wie das Wasser in dem Bach, 

Fliesse deiner Mutter Wasser; 

Und deiner Mutter (Leibes-) Frucht 
Folge bald ihm nach.“ (v. Wlislocki.) 


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Wem) im Fogaraser Comitat die Schwangere von einer Geburt 
Kunde erhĂ€lt, so schickt sie der betreffenden GebĂ€renden eine SchĂŒrze, 
welche diese auf ihren Bauch legen muss, weil sie sonst nicht 
fÀhig wÀre, ihr Kind zur Welt zu bringen. 

Bei den Slowaken des Trencsener Comitates fasst der Mann 
seine Frau bei Eintritt der ersten Geburtswehen um den Leib und 
fĂŒhrt sie „mit starker Hand“ dreimal vom Tisch bis zur ThĂŒre und 
zurĂŒck. Wenn die GebĂ€rende spĂ€ter das Bett aufsucht, streichelt 
ihr der Mann dreimal sauft den Bauch. Es herrscht der Glaube, 
dass sodann die Geburt rasch, nach drei W eheu beendet sein werde. 
Uebrigens sind auch die Slowaken schon bei der Hochzeit auf eine 
glĂŒcklich ablaufende Geburt in der Weise bedacht, dass der BrĂ€uti- 
gam vor der KirchenthĂŒre unbemerkt einen Finger hinter seinen 
Hosenriemen legt und denselben dreimal von seinem Körper weg- 
zieht (lĂŒftet). So wird seine Frau das Kind glĂŒcklich und leicht 
(mit drei Wehen) zur Welt bringen. 

Die Slowakinneu trinken bei einer schweren Entbindung auch 
Himbeerwurzelaufguss, oder essen Safran in Milch und Wein. Daun 
setzen sie sich auf zwei StĂŒhle, binden Hanfgarn um ihren Leib 
und legen zu diesem Zwecke herausgegebene fromme Schriften, wie 
„Nebe-Zilmkuw“ oder „Wsucne Modlitby“ u. s. w., auf ihre Brust 
oder auf ihre linke Seite. 

Das Gebet „Nebe-ZĂ€mkuw“ ist eigentlich die slowakische Ueber- 
setzung der „7 Himmelsriegel“ oder „Himmelsschlösser“, ungarisch 
„Het mennyei zĂ€r“. Der Druck und die Verbreitung desselben 
wurde in neuerer Zeit verboten, weshalb es mir erst nach vielen 
BemĂŒhungen gelungen ist, je ein ungarisches, deutsches und slo- 
wakisches Exemplar zu erwerben. Der vollstÀndige Titel des 
deutschen Gebetes ist: „Die heiligen sieben Himmels -Riegel, 

welche ein frommer Einsiedler von seinem heiligen Schutzengel 
bekommen“. Das Ganze ist acht Seiten stark und besteht aus 
mehreren Theilen. In der Einleitung wird der Frau empfohlen, 
das Gebet, welches besonders gegen böse Geister schĂŒtzt, wĂ€hrend 
der Geburtswehen auf ihre Brust oder auf ihren Kopf zu legen, 
denn auf diese AVeise habe sie keine grossen Schmerzen und bringe 
das Kind leicht zur Welt. Unter den „sieben Himmels-Riegeln“ 
siud die sieben Worte zu verstehen, die Christus vor seinem Tode 
am Kreuz gesagt hat. Von diesen ist im Gebete auch die Rede, 
ohne jedoch dass sie selbst darin namentlich angefĂŒhrt wĂŒrden. 


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Meistens sind den „sieben Himmels-Riegeln“ auch noch andere 
Gebete, wie „Unserer liehen Frau Traum“ u. s. w. beigefugt. Auf 
das Titelblatt mancher Ausgabe sind sieben Schlösser abgebildßt. — 

Diese Gebete werden im Geheimen noch jetzt viel verwendet 
und zwar von den bigotten Katholiken verschiedener NationalitÀten. 

Von anderen GebrÀuchen sind noch folgende zu erwÀhnen: Der 
Ehemann lÀsst wÀhrend der ganzen Schwangerschaft seiner Frau 
eine zerlegte Axt unter dem Bette derselben liegen und schlÀgt vor 
der Geburt einen grossen Nagel in das Fenstergesims und bindet 
daran eine aus Ziegen- oder Eselshaut verfertigte Schnur. Im 
Uebrigen muss der Ehemann sowohl im Interesse seiner Frau als in 
dem des zu erwartenden Kindes wÀhrend der ganzen Schwanger- 
schaft einen gottesfĂŒrchtigen Lebenswandel fĂŒhren. 

An den meisten Orten muss der Mann der Geburt bewohnen. 
Ebenso haben bei derselben fĂŒr gewöhnlich auch die Grosseltern des 
Kindes zugegen zu sein. 

In einigen anderen Gegenden wieder darf sich der Mann wÀh- 
rend der Entbindung seiner Frau nicht im Zimmer aufhalteu 
(Ungarn des Hunyader Comitats. Kolumban). 

Auch in Kalotaszeg dĂŒrfen in der Geburtsstube nur weibliche 
Personen anwesend sein (JankĂŒ). 

Bei den RumÀnen schickt man zur Zeit einer Geburt alle le- 
digen MĂ€dchen aus dem Hause (MĂ€rmaroser Coinitat). 

Bei den Erdelyer RumÀnen schlÀgt der Mann zu Beginn der 
Geburt in einen Balken des Dachfirst zwei Beile ĂŒbers Kreuz, 
zĂŒndet einige vom Popen geweihte Kerzen an und stellt sie vor die 
Oeffnung des Backofens. Vor dem Bilde des Familienheiligen (Jo- 
hannes der TĂ€ufer, heiliger Peter oder heiliger Nicolaus) brennt man 
eine Kerze an und besprengt das Zimmer und das Bett mit Weih- 
wasser. 

Bei den Juden des Szabolcser Comitates schneidet man, wenn 
sich die Geburt lange hinzieht, aus dem Fensterbrett sowie aus der 
Schwelle je einen Span heraus und legt beide der Frau unter den 
Kopf. Auch werden bei den orthodoxen frommen Juden Gebete 
verrichtet („Tilem gesagt“), der TempelschlĂŒssel unter das Kissen 
gelegt und das Band der heiligen Schrift (Thora) um den Leib der 
GebĂ€renden gebunden. In frĂŒheren Zeiten war es eine Streitfrage, 
ob die Thora selbst in das GebĂ€rzimmer gebracht werden dĂŒrfe; 
sie wurde durch die jĂŒdischen Gelehrten endgiltig so gelöst, dass 


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die Thora in das GebĂ€rzimmer selbst nicht gebracht werden dĂŒrfe 
(wegen Unreinlichkeit!), ins anstossende Zimmer jedoch. 

25. Geburtsanomalien. 

Betreffs der nicht normal verlaufenden Geburten will ich noch 
im Allgemeinen bemerken, dass man an vielen Orten, zumal bei deu 
RumÀnen, Serben, Ruthenen, Slowaken, nur im allerÀussersten Noth- 
falle, fĂŒr gewöhnlich erst so spĂ€t nach einem Arzt schickt, dass der- 
selbe die GebÀrende zumeist schon nicht mehr zu retten vermag. 

Bei den Ruthenen und RumÀnen des Ugocsaer Comitates sucht 
mau den Vorfall eines Armes (bei Querlage) zu verheimlichen, denn 
es herrscht die Ansicht, dass die Frau, wenn Viele sagen, dass der 
Arm des Kindes vorgefalleu ist, nicht fÀhig sein wird, ihre Frucht 
zu gebÀren. Um die Sache geheim zu halten, wird daher die Frau 
auf den Dachboden des Stalles hiuaufgeschleppt, wobei es mehr als 
einmal vorgekommen ist, dass sie von der Leiter herunterfiel und 
schwere Verletzungen davon trug. AnderwÀrts wird die Frau, wenn 
das Kind quer liegt, in die Stubenecke gedrĂŒckt und dort ihr Bauch 
und ihre Seitentheile gedrĂŒckt und gerieben, um eine richtige Lage 
zu erzeugen. 

Wenig Fruchtwasser oder zu frĂŒhes Abgehen desselben wird 
gewöhnlich fĂŒr ein ungĂŒnstiges Zeichen gehalten: „Trockene Geburt, 
schwere Geburt“. 

Nabelschnurumschlingungen und Nabelschuurknoten werden, wie 
wir gesehen haben, fast ĂŒberall fĂŒr ominös angesehen, und zwar 
nicht nur fĂŒr das Kind, sondern auch fĂŒr die Mutter. 

ErwÀhnen möchte ich noch, dass nach dem Szegeder Volks- 
glauben unmoralische Personen (Dirnen, Puellae aus den Wirths- 
hÀusern und Csardas) leichter entbinden, was damit erklÀrt wird, 
dass bei der Geburt Jesu eine solche „Person“ ihre reine, weisse 
SchĂŒrze der Heiligen Jungfrau zur Bedeckung des Kindleins hingab, 
wofĂŒr ihre „Colleginnen“ seit damals sich des besonderen Schutzes 
der Heiligen Jungfrau erfreuen. 

26. Behandlung der Naehgeburtsperiodc. 

Ueberall, wo es an einer fachkundigen Leitung fehlt, gilt als 
souverÀnes Mittel zur Ausstossung der Placenta das Blasen, Sichan- 
strengen der GebÀrenden, was durch das Hineinblasen in ein leeres 
Glas, in eine leere Flasche, in ein Rohr oder in die Hohlhand ge- 


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achieht, und zwar wird gewöhnlich so stark geblasen, dass die Ge- 
bÀrende davon ganz blau im Gesicht wird. Dieses Verfahren ist 
in allen Gegenden und bei allen NationalitÀten Ungarns verbreitet. 

Ausser diesem giebt es noch zahlreiche Verfahren, welche zum 
grossen Theile mit dem oben angefĂŒhrten, zur Beschleunigung der 
Geburt angewandten ĂŒbereinstimmeu. 

Auf den Bauch legt man: warme Lappen oder ein in heisses 
Wasser getauchtes getrocknetes Hasenfell (Duna-Szerdahely, Gödöllö) 
oder einen Haufen Werg oder warmes Salz, warmen Hafer (Heveser 
Comitat), abgebrĂŒhten Rindennist, vom Dache des Hauses herunter- 
geklaubtes und im Wasser aufgekochtes Moos (Heveser Comitat) oder 
geröstetes Brod (Zalaer Comitat). 

Ausserdem trinken die Frauen Branntwein (HĂŒromszeker Co- 
mitat), eventuell mit frischer Butter (MĂ€rmaroser Comitat), Safran, 
Salz und BrĂŒhe von abgekochtem Flachssamen oder Rossgras- (Planta 
scoparia-) Samen (Soproner Comitat). 

Bekannt ist das alte Verfahren des Nabelschnurziehens, welchem 
man bedauerlicherweise auch jetzt noch hÀufig genug begegnet. 

StĂ€rkeres SchĂŒtteln des Körpers ist auch in dieser Geburtsperiode 
besonders bei den RumÀninnen ein gebrÀuchliches Verfahren. 

Allgemeiner Verbreitung erfreuen sich noch die einfach mit 
heissem Wasserdampfe vorgeuommenen DĂŒnstungen. Eventuell 
macht man auch einen Stein heiss, legt denselben in einen Topf 
(meistens Nachttopf) mit heissem Wasser und setzt die GebÀrende 
darĂŒber, oder man rĂ€uchert sie mit dem Dunste von in einem grossen 
Topfe gekochten Kartoffeln (Gödöllö) oder mit KĂŒmmel (Szolnok- 
Dobokaer Comitat) oder einem Zwiebelkranz. Man giesst ferner der 
Frau heisses Wasser auf den Bauch (Tolnaer Comitat), oder setzt 
sie in ein warmes Sitzbad oder ĂŒber abgebrĂŒhtes Strickgarn, lĂ€sst 
sie ĂŒber KrĂ€utern dĂŒnsten, oder rĂ€uchert sie ĂŒber glĂŒhenden Kohlen 
u. s. w. 

Der Bauch der Frau wird mit einem Besenstiel oder einem 
Nudelholz (TorontĂ€ler und SzatmĂ€rer Comitat) gedrĂŒckt oder eiuge- 
wickelt (Nyitraer Comitat). Man reizt die GebÀrende zum Niesen, 
lĂ€sst sie husten oder die ThĂŒre mit dem Fusse stossen, oder giebt 
ihr einen Besen in die Hand, damit sie ihn fest zur Erde drĂŒcke 
(CsanÀder Comitat), oder streut ihr Salz auf die Kniee, welches sie 
dann auf lecken muss (Pester Comitat). Im MĂ€rmaroser Comitate 
schĂŒttet man Schiesspulver in die Scheide. 


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AnderwÀrts kocht man einen alten Hut und bedeckt mit diesem 
die Schamtheile (Esztergomer Comitat), weicht das Ende der Nabel- 
schnur in Essig ein (Gömörer Comitat), giebt der Frau Sauerteig- 
wasser zu trinken (Trencsener Comitat) u. s. w. 

Bei den Erdelyer Sachsen rÀuchert mau die Frau mit Hasen- 
fell oder schmiert ihr den Bauch mit Oel ein, wobei man zu sagen 
hat: 

„BĂ€rmutter du bist leer, 

BĂ€rmutter geli’ von her (liier), 

Geh’ in den schwarzen Berg, 

Geh’ in den weissen Berg, 

Geh’ in den kalten Berg, 

Geh’ in den heissen Berg, 

BĂ€rautter, geh’ von her!“ 

ln einigen von Sachsen bewohnten Gegenden (Nagy-KĂŒkĂŒllöer 
‱Comitat) legt man die Wöchnerin auch auf die Erde, macht auf 
ihrem RĂŒcken mit einem Messer ein Kreuz, wobei man den erwĂ€hn- 
ten Vers hersagt, und sticht das Messer dreimal in die Erde und zwar 
vor der ThĂŒrschwelle, vor dem Thore und auf einem Kreuzweg. 
Beim ZurĂŒckkommen hat man zu sagen: „Donner und Blitz sollen 
Euch WĂŒrmer im Wald trocknen, dörren und mahlen. Im Namen 
Gottes u. s. w.“ Man glaubt nĂ€mlich, dass es WĂŒrmer sind, welche 
die Nachgeburt in der GebĂ€rmutter zurĂŒckhalten. In einigen Ge- 
genden legt mau der Frau schon vor der Entbindung einen Haus- 
wurz- (Sempervivum-) Stengel ins Bett, damit die GebÀrmutter nicht 
von den WĂŒrmern zu leiden habe. 

Schliesslich ist zu bemerken, dass das „Schmieren“ und das 
DrĂŒcken der GebĂ€rmutter („Brechen der GebĂ€rmutter“) auch wĂ€h- 
rend der Placentarperiode — wenn auch bei weitem nicht so hĂ€ufig 
wie in den beiden ersten Stadien der Geburt — angewandt wird. Den 
eingelaufenen Antworten lĂ€sst sich nicht ĂŒberall entnehmen, ob es 
sich in den betreffenden FĂ€llen um eine lege artis ausgefĂŒhrte Ex- 
pression der Nachgeburt handelt oder nicht. 

Die Retention der Nachgeburt hĂ€lt man ĂŒbrigens nicht fĂŒr 
besonders gefĂ€hrlich. Wenn die angefĂŒhrten Hausmittel nicht helfen, 
lÀsst man die Nachgeburt sogar Tage laug in der GebÀrmutter 
■stecken und schickt deswegen niemals um einen Arzt. Dies wurde 
ĂŒbrigens auch in den vor hundert Jahren erschienenen ungarischen 
HebammenbĂŒchern so gelehrt. 


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27. Nachgeburt und Eihiiute. 

Man misst vielen Ortes der Nachgeburt selbst eine grosse 
Bedeutung bei und pflegt sie zu vergraben oder zu verbrennen. 

Wenn in Kalotaszeg die Frau keine Kinder mehr haben will, 
so verbrennt sie einen Theil der Nachgeburt und mengt die Asche 
in den Trank ihres Mannes. WĂŒnscht sie sich dagegen einen Kna- 
ben, so legt sie die Nachgeburt eines von einem Knaben entbunde- 
nen Weibes unter ihr Bett; will sie ein MĂ€dchen, so thut sie ein 
Gleiches mit der Nachgeburt eines von einem MĂ€dchen entbundenen 
Weibes. 

Man schreibt der Nachgeburt auch eine befruchtende Wirkung 
zu und vergrĂ€bt sie deshalb in den DĂŒngerhaufen, auf den auch 
das erste Badewasser ausgeschĂŒttet wird. SpĂ€ter wird das Ganze 
auf den Fruchtacker getragen, um dessen Fruchtbarkeit zu steigern. 

Im Soproner Comitat vergrÀbt man die Nachgeburt der Erst- 
gebÀrenden am Ufer des Baches, damit das Kind am Leben und 
die Mutter gesund bleibe und die nÀchste Geburt einen normalen, 
glĂŒcklichen Verlauf nehme. 

Die Ruthenen vergraben die Nachgeburt einige Tage lang nicht 
und ziehen der Wöchnerin wÀhrend dieser Zeit auch keine frische 
WĂ€sche auf den Leih, weil sie glauben, dass die Frau so viel Jahre 
kein Kind haben wird, als sie Tage damit warten (Ugocsaer Comitat). 

WĂŒnscht man hei der nĂ€chsten Geburt einen Knaben, so wird 
die Nachgeburt unter einen Birnbaum vergraben, soll es ein MĂ€d- 
chen sein, dann unter einen Apfelbaum (Esztergomer Comitat). 

Betreffs der EihÀute möchte ich hier erwÀhnen, dass man es 
fast in ganz Europa fĂŒr ein glĂŒckliches Vorzeichen hĂ€lt, wenu 
der Kopf des Kindes mit den EihÀuten geboren wird, ln 
Ungarn sagt man von solchen Kindern, sie sind „in der HĂŒlle 
geboren“ oder „im Hemd geboren“. In Deutschland nennt mau 
dies „GlĂŒckshaube“, „GlĂŒckshemd“, „Westerhaube“, „Westerhemd- 
lein“, in Modena „la camicia della Madonna“, in England „caul“, 
(Kutte), bei den Serben „koschillitza“ (Hemdchen) und das damit 
geborene Kind „Vidovit“. Mehrere asiatische VolksstĂ€mme haben 
dafĂŒr die Bezeichnung „Helm“. 

In Ungarn sagt man von einem glĂŒcklichen Menschen, „er ist 
in der Eihaut geboren“. In Szeged sagt mau: „Wer in der HĂŒlle 
geboren, den trifft keine Kugel“. Auch in anderen Gegenden SĂŒd- 


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Ungarns sagt man: „Welches Kind im Hemde geboren wurde, das 
sieht den Tod (?) und wird von keiner Kugel getroffen : es wird 
immer glĂŒcklich sein 1 * (Bellosics). Im SzilĂ€gyer Comitat ist die 
gegenteilige Meinung verbreitet; dort heisst es: „Wer in der HĂŒlle 
geboren, der stirbt am Stricke“ (BalĂ€zs). 

In Kalotaszeg werden die EihÀute aufbewahrt, und wenn das 
Kind schon so gross ist, dass es nach GegenstÀnden greift, pul- 
verisirt man sie und streut mit einem Theile des Pulvers dem 
Kinde die HĂ€nde ein, damit demselben jede Arbeit gelinge. Wenn 
es dann schon zu gehen anfÀngt, streut man ihm einen weiteren 
Theil des Pulvers auf die Sohlen, damit das Kind ĂŒberall, wohin es 
das Schicksal treibt, glĂŒcklich sei. Wenn es schliesslich zu sprechen 
beginnt, streut man ihm den Rest des Pulvers auf die Zunge, damit 
es immer klug rede. 

In Szabadka giebt man dem Kinde die zu Pulver zerstossenen, 
getrockneten EihÀute deshalb zu essen, damit es gegen die ver- 
schiedensten Krankheiten gefeit sei ( V Ali). 

Nicht unerwÀhnt will ich ferner den bei den SokÀczen ver- 
breiteten Volksglauben lassen, dass die Flamme einer Talgkerze, 
welche mit dem Blute eines bei einer Zwillingsgeburt verstorbenen 
Weibes verfertigt wurde, den die Kerze Gebrauchenden unsichtbar 
mache (Lieblings-Leuchtmittel der Diebe). 


Temesv&ry, Volksbrftuche. 


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VI. Das Woehenbett. 

28. Wochenzimmer und Wochenbett. 

Nach der Geburt legen sich die Frauen fast ĂŒberall, auch 
dort, wo die Geburt ausserhalb des Bettes vor sich gegangen war, 
in das Bett, das sogenannte Wochenbett, Kindbett. 

Eine Ausnahme bilden die RumÀninnen, die sich drei volle 
Tage auf der Erde auf einem schmierigen Fetzen, in demselhen 
Schmutz, Blut, Koth und Wasser herumwÀlzen, in dem sie wÀhrend 
und nach der Entbindung lagen, ja, es muss sogar die Nachgeburt 
wÀhrend dieser Zeit neben der Wöchnerin gelassen werden. Erst am 
vierten Tage stehen die Frauen von diesem wenig beneidenswerthen 
Lager auf, und auch die Nachgeburt darf erst dann weggeworfeu 
werden. 

Die Szekler nennen die Wöchnerin „bennĂŒlö asszony“ (Darin- 
sitzende, stubensitzende Frau) und das Wochenbett „bennĂŒles“ (Darin- 
sitzen). Auch die Erdelyer Sachsen heissen es das „Einsitzen“. 
Die CsĂ€ngös sprechen von einer „in den sechs Wochen liegenden 
Frau“, ad normam „Sechswöchnerin“. 

Die Magyaren, namentlich die Bewohner der niederungarischen 
Tiefebene („Grossungam“), nennen das Wochenbett auch „Bett der 
Boldogasszony“ (Bett unserer lieben Frau), von der, als der ur- 
magyarischen Schutzgöttin des Wochenbettes, schon oben die Rede 
war. Heute wird die heilige Jungfrau als Schutzgöttin des Wochen- 
bettes verehrt. 

KÀlmÀny giebt vom Bett der Boldogasszony folgende Be- 
schreibung: 

„Wenn das Kind geboren ist, macht man sofort das Bett der 
Boldogasszony. In ihm dĂŒrfen keine GetrĂ€nke, kein Tabak oder 
andere derlei Dinge sein. Man legt in dasselbe frisches Stroh und 


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breitet ein Leinentuch darĂŒber. Ein Gelsennetz wird angenagelt. In das 
Bett der Boldogasszony thut man Knoblauch, Kuckuckskraut (Thymus), 
Brod und Salz, auch ein Messer, damit die Hexe nicht hingehe. 
Jeden Tag weiht mau es mit dem Wasser der „Drei Könige“ und 
empfiehlt es der Gnade der Boldogasszony. Dem Bett der Boldo- 
gasszony darf sich Niemand nÀhern, denn wenn die Wöchnerin von 
Jemandem mit bösem Blick angesehen wird, so muss sie, wenn die 
betreffende Person gar noch zur Erde schaut, sterben. Blickt die 
betreffende Person nach oben, so ist die Wöchnerin noch zu heilen. 
Wenn die Frau im Bett der Boldogasszony liegt, muss Jemand in 
der Stube bleiben. Wenn man nichts Anderes bei ihr lassen kann, 
ist auch die Katze gut, denn sonst wird sie so behext, dass sie zu 
Grunde geht. Das Bett der Boldogasszony dauert nur bis zum 
Kirchengang. WÀhrend die Angehörigen anlÀsslich dieses Actes 
fort sind, wird das Bett der Boldogasszony auseinander genommen, 
das Stroh verbrannt und die Betttheile an einen Ort gelegt, wo Nie- 
mand zu ihnen gelangt“ (Szöreg). 

Als ErgĂ€nzung muss ich noch hinzufĂŒgen, dass das Bett der 
Boldogasszony gewöhnlich von der Hebamme zurecht gemacht wird, 
dass das Befestigen des Gelsennetzes noch manchen Ortes mittels 
Messer oder Gabel geschieht, dass man ein Messer der Frau unter 
den Kopf legt, welches sie, wenn sie vom Bett hinuntersteigt, stets vor 
sich in die Erde stechen muss, damit „die Bösen“ sie in Ruhe 
lassen. In das Gelseunetz bindet man Brod und Salz und wirft auch 
ein rothes Tuch darĂŒber. Um den Hals der Frau bindet man einen 
Rosenkranz, wĂ€hrend auf ihre Brust die oben geschilderten „Sieben 
Himmelsriegel“ und neben ihren Kopf ein Gebetbuch gelegt wird. 

Die Szökler kenuen das „Gelsennetzbett“ oder „Zelt“ nicht; 
in Szabadka wird es nur von den Serben und BunyevÀczen ver- 
wendet, von den Ungarn jedoch nicht. ErwÀhnenswerth ist, dass 
schon die Römer das zeltartige Wochenbett kannten. 

In der Szegeder Gegend nennen die Serben das Wochenbett 
„Materni krevet“ (Bett der Mutter). Die Deutschen (in Ungarn) haben 
dafĂŒr die Bezeichnungen Kindbett, Wochenbett oder Kindlbett. 

Wenn bei den Szegeder Ungarn bei der Entbindung eine Heb- 
amme assistirte, so fragt dieselbe die Frau nach dem Geburtsact: 
„Wohin gehst du?“ worauf sie die Antwort erhĂ€lt: „In das Bett 
der , Boldogasszony“!“ „Gott stehe dir bei,“ versetzt darauf die 
‱ Hebamme. Erst nachdem dies dreimal wiederholt wurde, legt sich 

5 * 


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die Frau in das Bett der Boldogasszony, in welchem sie dann sammt 
ihrem Kinde so lange bleibt, bis sie zur „Einsegnung“ in die Kirche 
geht, wovon noch spÀter die Rede sein wird. 

*29. Schutz gegen „böse Geister 44 , den „bösen Blick* 4 
und das „Beschreien 44 . 

Eine grosse, ja mau kann sagen die grösste Rolle spielt in der 
Volksmedicin der „böse Blick“, das „Beschreien“, „Verhexen“, „An- 
gethanwerdeu“ als Ă€tiologische Momente, und das „Abbeteu“, „Be- 
schwören“ und verschiedene damit zusammenhĂ€ngende Ceremonien 
als therapeutische Verfahren. Namentlich im Wochenbett und bei 
der Pflege der Neugeborenen dreht sich dem Volksglauben nach 
das Um und Auf aller Krankheiten, aller psychischer und somati- 
scher Störungen um diese aberglÀubischen Ansichten. 

Da hierbei die „Wochenbettshygiene“ mit der „Pflege der Neu- 
geborenen“ so ziemlich zusammentrifft und die Volkstherapie in 
beiden Kapiteln dieselbe ist, möchte ich, um Wiederholungen zu ver- 
meiden, hier diese Volksprophylaxe und -therapie fĂŒr die Wöchnerin 
und das neugeborene Kind in einem besprechen. 

Wie erwĂ€hnt, glaubt das Volk — ohne Unterschied der Natio- 
nalitĂ€t und Confessiou — , sowohl die Wöchnerin, als auch ihr Kind 
besonders vor dem schÀdlichen Einfluss von bösen Geistern, Hexen, 
Kobolden (Nagy-KĂŒkĂŒllöer Comitat), Zauberern, Leuten mit bösem 
Blick u. s. w. schĂŒtzen zu mĂŒssen. Vielen Ortes gelten auch die 
alten Hebammen fĂŒr Hexen. 

Als Schutzmittel gebraucht mau namentlich die Symbole des 
Christenthums (Weihwasser, Weihrauch, ein Kreuz u. s. w.), oder 
solche GegenstÀnde, von welchen man glaubt, dass die Hexen sie 
nicht leiden können oder dass sie ihnen (den Hexen) Schaden zu- 
fĂŒgen, wie einerseits Knoblauch, Salz, andererseits Besen und scharfe 
Werkzeuge. Gegen Flintenkugeln sind Teufel und Hexen bekannt- 
lich gefeit. 

Da dieses Kapitel nicht von medicinischem, sondern nur von 
allgemein ethnographischem Interesse ist, möchte ich von dem ge- 
sammelten ungeheuren Datenmaterial nur einen möglichst gedrÀngten 
Auszug geben. 

Gewöhnlich wird schon das Wohnhaus selbst gegen böse 
Geister beschĂŒtzt. Man besprengt die ThĂŒre mit Weihwasser, 


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oder nagelt ein rothes Tuch auf die ThĂŒre oder die Schwelle, eventuell 
in Kreuzform, oder macht mit Knoblauch oder mit geweihter Kreide 
ein Kreuz auf die ThĂŒre, das Fenster und die Klinke. 

Auch das Zimmer selbst und besonders das Bett schĂŒtzt man 
mit solchen Mitteln. Die vier Zimmerecken werden geweiht, ebenso 
das Bett, das Zelt, die Frau selbst u. s. w. 

Diese verschiedenen Verfahren dienen ebenso zum Schutze der 
Wöchnerin als zu dem ihres Kindes. 

Bei den Juden hÀngt man gegen die bösen Geister an den 
vier WĂ€nden des Zimmers (den vier Himmelsrichtungen entsprechend) 
die sogenannten „Kindbetttaferln“ auf (siehe nebenstehende Figur), 

deren Inhalt — aus dem HebrĂ€i- 
schen ĂŒbersetzt — folgender- 
massen lautet: 

1. Schutz dem Neugeborenen. 
Viel GlĂŒck! 

2. Im Namen des Gottes Israels, 
welcher gross und mÀchtig 
auf Erden ist. 

3. Der Satan werde vernichtet. 

4. Abraham und Sarah. 

5. Adam und Eva. 

6. AllmÀchtiger. 

7. Isaak und Rebekka. 

8. Jakob und Lea. 

9. (121. Psalm): Ich hebe meine 
Augen auf zu den Bergen, 
von welchen mir HĂŒlfe kommt. 
Meine HĂŒlfe kommt von dem 
Herrn, der Himmel und Erde 
gemacht hat. Er wird deinen 

Fuss nicht wanken lassen ; dein HĂŒter schlĂ€ft nicht! Siehe, der 
HĂŒter Israels nicht schlĂ€ft, noch schlummert er! Der Herr be- 
hĂŒtet dich, der Herr ist der Beschirmer deiner rechten Hand! 
Dass dich des Tages die Sonne nicht steche, noch der Mond 
des Nachts! Der Herr wird dich vor allem Uebel behĂŒten und 
deine Seele vor allem Bösen bewahren. Der AllmÀchtige wird 
deinen Ausgang und Eingang bewachen von nun an bis in alle 
Ewigkeit! 



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10. Er ist allmÀchtig, gross und gewaltig, denn er gebietet seinen 

Engeln. 

11. und 12. Eine Hexe soll nicht leben, 

Nicht leben soll eine Hexe, 

Es lebe keine Hexe. 

Die Umschrift der Tafeln lautet: 

„Du bist meine Obhut; du bewahrst mich vor Schreck; verleihe 
mir Frohsinn. SchĂŒtze mich wie deinen Augapfel; beschirme mich 
unter dem Schatten deiner Fittiche. Der Engel, welcher mich vor 
allem Uebel bewahrt hat, segne die Kleinen. Mögen dieselben nach 
mir und nach unseren VĂ€tern, nach Abraham und Isaak genannt 
werden uud mögen sie sich vermehren wie die Fische. Siehe, das 
Bett Salomons umstehen 60 von den Helden Israels. Alle siud 
kampfeskundig und greifen zum Schwert gegen die nÀchtliche 
Furcht“ — 

In manchen Gegenden Ungarns, wie z. B. im Szabolcser Co- 
mitat, kommen 10 kleine Judenkinder wÀhrend des ganzen Wochen- 
bettes jeden Abend zur (jĂŒdischen) Wöchnerin, umstehen das Bett 
oder die Wiege des Kindes und sagen im Chor das Abendgebet 
her („Krisme leinen“). Sie werden dafĂŒr mit NĂŒssen, Backwerk, 
Obst u. s. w. beschenkt. 

Die Juden halten ĂŒbrigens speciell die der Circumcision vor- 
angehende (also 7.) Nacht fĂŒr gefĂ€hrlich; sie verbringen deshalb 
diese „Wachnacht“ in fröhlichem Beisammensein bei Essen und 
Trinken in nÀchster NÀhe der Wöchnerin. Namentlich die Hexe 
Liiith (= nĂ€chtlich) ist es, vor der sie das Kind schĂŒtzen zu mĂŒssen 
glauben. 

Bei den AndersglÀubigen stellt man zum Schutz gegen die 
Hexen zumeist einen Besen in die ThĂŒre, mit dem Stiele nach 
unten, mit dem Kopfe nach oben, eventuell an die ThĂŒrklinke ge- 
lehnt, oder man legt den Besen ĂŒbers Kreuz in die ThĂŒröffnung. 
An einigen Orten verwendet man zu diesem Zwecke nur Rossgras- 
besen, ebenfalls immer mit dem Kopfe nach oben gekehrt; eventuell 
steckt mau auch Knoblauch oder ein Messer, eine Gabel, eine BĂŒrste 
hinein oder streut Salz darauf u. s. w. In den ThĂŒrpfosteu oder in 
das Fenster oder in beide wird ein Messer oder eine Gabel einge- 
stochen, wĂ€hrend das SchlĂŒsselloch zugestopft wird. Vor die KĂŒchen- 
thĂŒre stellt man einen Farbetopf (Heveser Comitat). Die ThĂŒre 
bindet man des Nachts mit UnterhosenbÀndern zu. 


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Wenn die Frau aus dem Bett steigt, so sticht sie neben das- 
selbe ein Messer in die Erde, und wenn sie aus dem Zimmer geht, 
so sticht sie es in die ThĂŒrschwelle. 

Im HÀromszeker Comitat geht die Wöchnerin sechs Wochen 
lang nur in beschlagenen Stiefeln herum. 

Im Bökeser Comitat darf die Frau weder im Dunkeln, noch 
ohne Haube schlafen. Auch darf sie sich nicht im Spiegel besehen, 
denn sonst wĂŒrde sie „der Teufel rĂŒcklings zupfen“. 

Wenn des Abends Jemand zum Fenster der Wöchnerin herein- 
spricht, oder an das Fenster klopft, so darf man ihm nicht ant- 
worten (Abaujer, BĂ€cser, Baranyaer Comitat), denn sonst kommt 
die Hexe und „verdirbt“ das Kind. 

Die Wöchnerin wÀscht sich tÀglich mit Harn oder Kohlenwasser. 

Das oben erwĂ€hnte „Bett unserer lieben Frau“ wird auch, wie 
wir gesehen haben, Wochenbett, Zeltbett genannt und zwar deshalb, 
weil das Bett mit HĂŒlfe eines Leinentuches oder eines „Gelsennetzes“ 
in ein Zelt umgewaudelt wird. Dieses Leiuentuch wird in der Regel 
am Balken oder au den Stangen, den sogenannten Zeltstangen, be- 
festigt und damit das Wochenbett umgeben, damit so die Wöch- 
nerin und ihr Kind vor den bösen Geistern und dem Behexen ge- 
schĂŒtzt seien. 

Bei den Palöczen nennt mau die Geburt und das Kindbett 
„Zeltfest“, welches sieben Tage, nĂ€mlich bis zur Einsegnung, dauert. 

Das Boldogasszony-Bett geht meistens, sammt dem Gelsennetz 
(Zeltleinentuch), von der Mutter auf die Tochter ĂŒber und wandert, 
wie schon erwÀhnt, nach jedem Wochenbett bis zur nÀchsten Ge- 
legenheit wieder auf den Boden. Nach einer MĂ€dchengeburt muss 
der Manu das Zelt auseinandernehmen, damit das nÀchste Kind 
ein Knabe sei. 

Das Leinentuch befestigt man vor dem Bett mit vier NĂ€geln oder 
aber mit Messern oder Gabeln. In einen, zwei oder alle vier Zipfel 
des Leinentuches oder Netzes nÀht man etwas Salz, Ingwer und ein 
StĂŒckchen Knoblauch oder Brod ein. 

In das Bett der Wöchnerin, namentlich unter das Kissen oder 
ihr zu FĂŒssen legen die Reformirten mit Vorliebe: ein Messer 
(Taschenmesser), eine Scheere, Hefe, Knoblauch, Zwiebel ; die Katho- 
liken: Weihwasser (in einem Glase), geweihte Wachskerzen, einen 
Spiegel, Blumen, einen Rosenkranz, GebetbĂŒcher, Weihrauch, oder 
auch ein Messer, eine Scheere, Knoblauch, Zwiebel, Hefe u. s. w. ; 


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die Juden: GebetbĂŒcher, ein Messer, Knoblauch. Es ist jedenfalls 
interessant, wie sich die Massregeln gegen die „bösen Geister“ bei 
den verschiedenen Confessionen gleichen. 

Auch legen die Wöchnerinnen mit Vorliebe irgend ein Klei- 
dungsstĂŒck ihres Mannes in ihr Bett, wie die Unterhose, Weste, 
Hose, StrĂŒmpfe oder seinen Rock; Andere wieder einen Kamm, ein 
Rollholz, ein Handbeil, Silbergeld, Löschkohle, spitzige, stechende 
GegenstÀnde, wie NÀgel, Nadeln, eine Sichel u. s. w. 

Im Somogyer Comitat wird das Bett mit am Tage der Heiligen 
drei Könige geweihtem Wasser besprengt und Knoblauch, ausge- 
glĂŒhte Kohle, ein Messer, Birkenholz, ein Rosenkranz, ein Buch 
und die Unterhose des Mannes unter das Kopfkissen gelegt. 

An einigen Orten thut man auch Hefe auf das Kissen und 
Paprika (ungarischen Pfeffer), sowie Pfeffer unter den Kopf der 
Wöchnerin u. s. w. 

Das Bett selbst darf nicht in der Richtung der Balken aufge- 
stellt werden. Auch darf die Frau nicht mit den FĂŒssen nach der 
ThĂŒre zu liegen, da sie sonst im Wochenbett stirbt. (Eine Leiche wird 
nĂ€mlich stets mit den FĂŒssen nach aussen aus dem Zimmer ge- 
tragen ) Wenigstens drei bis vier Tage darf die Frau ihr Gesicht 
nicht der ThĂŒre zu wenden, damit ihr kein in das Zimmer Ein- 
tretender durch seinen „bösen Blick“ schade. 

Das neugeborene Kind, welches, wie wir spÀter sehen werden, 
in der ersten Zeit fast ĂŒberall zur Mutter gelegt wird, glaubt man 
besonders davor bewahren zu mĂŒssen, dass es die bösen Geister 
und Hexen austauschen und dafĂŒr einen sogenannten Wechselbalg 
bringen. In erster Reihe wÀhnt man die noch nicht getauften 
Kinder dieser Gefahr ausgesetzt, weswegen man um den SĂ€ugling 
hauptsÀchlich bis zur Taufe besorgt ist. Die Hexen kommen mit 
Vorliebe zum Rauchfang herein. Das Kind wird vor ihnen dadurch 
geschĂŒtzt, dass man es nie allein lĂ€sst und seinen Wickel an die 
SchĂŒrze der Mutter bindet u. s. w. 

Bei den RumÀnen (TorontÀler Comitat) ist am dritten Abende 
nach der Geburt die sogenannte „Urszitora“ (?) die fĂŒr eine even- 
tuelle Austausehung des Kindes gefÀhrlichste Zeit, wo man weder 
die Wöchnerin noch ihr Kind allein lassen darf, und wo bei letzte- 
rem gewöhnlich die Hebamme die ganze Nacht wacht. Oberhalb 
des Kopfes des neugeborenen Kindes legt man an jenem Abend 
drei Pogatscherln (eine Art Kuchen), Salz, Fett, einen Kreuzer, 


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einen Kamm, einen Spiegel, eine Kerze, ein Messer, einen Teller 
auf das Kissen. Am nĂ€chstfolgenden Morgen mĂŒssen dann diese 
GegenstÀnde, wenn der SÀugling ein Knabe ist, unter drei Knaben, 
und wenn er ein MĂ€dchen ist, unter drei MĂ€dchen vertheilt werden. 

Im BĂ€cser Comitat sind die drei der Geburt folgenden NĂ€chte, 
die sogenannte „Babina“ (Kinderwache), die gefĂ€hrlichsten ; diese wer- 
den deshalb im Hause der Wöchnerin mit Belustigungen und Tanz, 
bei Speise und Trank, zugebracht, wobei auch MĂ€dchen und JĂŒnglinge 
redlich mitthun. Wie zutrÀglich diese Unterhaltungen den Wöch- 
nerinnen so kurz nach der Entbindung sind, lÀsst sich leicht denken. 
WĂ€hrend dieser drei Tage darf ĂŒbrigens das Kind nicht aus dem 
Zimmer getragen und auch nicht in die NĂ€he eines Rauchfanges 
gelegt werden. 

In mehreren Gegenden (Csiker Comitat, Hetfaluer CsÀngös) 
reisst die die Wöchnerin besuchende Frau ein kleines StĂŒck Zeug 
von ihrem Kleide herunter und wirft es aufs Bett, damit sie dem 
Kinde nicht seinen Schlaf wegtrage. Im Huuyader Comitat nennt 
man deshalb diesen Kleiderfetzen „Àlom“ (Schlaf) und sagt: „Wer in 
ein Haus geht, in welchem ein kleines Kind ist, lÀsst dort einen 
„Schlaf“ (ein kleines StĂŒckchen vom Kleid), damit dem Kinde 
sein Schlaf nicht fortgetragen werde,“ 

Es ist ĂŒbrigens auch verboten, sich wĂ€hrend der ersten sechs 
Wochen auf das Bett der Wöchnerin zu setzen, da man sich furch- 
tet, dass davon die betreffende Person (auch wenn es ein Mann ist!) 
auf Kosten der Wöchnerin Milch bekommt. 

Ebenso ist es dem Fremden verboten, sich auf die Wiege zu 
setzen oder von derselben etwas herunterzunehmen, weil man damit 
dem Kinde seinen Schlaf raubt und dasselbe viel weinen wird. In 
den Rauchfang steckt man einen als Puppe angezogenen Holzklotz, 
damit ihn die Hexe in der Meinung, es sei das Kind selbst, mit 
sich nehme und austausche. 

Das Kind darf auch bis zur Taufe nicht aus dem Zimmer ge- 
tragen werden! 

Das Badewasser des Kindes darf nur nach Sonnenuntergang 
ausgegossen werden. Ebenso dĂŒrfen weder die WĂ€sche der Frau, 
noch die des Kindes, oder die Windeln des Nachts im Freien ge- 
lassen werden. 

Wenn die Mutter das Zimmer zu verlassen gezwungen ist, legt 
sie einen Besen, ein Messer oder eine Scheere auf das Kind, wÀh- 


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rend sie selbst ein Messer zu sieh steckt. Die Lampe muss die 
ganze Nacht brennen. Das Kind badet man nie vor dem Ofen. 

In Kalotaszeg wird das Badewasser zur HĂ€lfte auf einen Kreuz- 
weg und zur HĂ€lfte unter einen Weidenbaum gegossen, denn man 
glaubt, dass bei den Kreuzwegen um Mitternacht die bösen Geister 
hausen, „welche das Schicksal des guten Menschen mit Weiden- 
ruthen behexen“ (Jankö). 

Die Griechisch-Orientalischen sind um das ungetaufte Kind so 
besorgt, dass sie es ehestens, gewöhnlich noch am Tage der Ge- 
burt taufen lassen. Die Magyaren dĂŒrfen so lange nicht das neuge- 
borene Kind anschauen, als es nicht getauft ist. Bis dahin spricht 
man auch nicht von dem „Kind“, sondern nur von dem „kleinen 
Heiden“. Wenn z. B. ein ungarischer Bauer unmittelbar nach der 
Niederkunft seiner Frau von Jemandem gefragt wird, wie sich sein 
Kind befinde, so antwortet er, dass er noch kein Kind, sondern nur 
einen kleinen Heiden habe. 

Aus jener grossen Wichtigkeit, welche der Taufe beigelegt wird, 
folgt von selbst, dass man die Wöchnerin und den SÀugling nur so 
lange vor den Hexen schĂŒtzt, bis erstere nicht zur „Einseguung“ 
in die Kirche gegangen und das Kind nicht getauft ist. 

Dort, wo das Kind nicht neben der Mutter liegt, besprengt man 
auch sein Bett mit Weihwasser und thut in ersteres eines oder 
mehrere von den folgenden GegenstÀnden: Besen, Beil, Messer, 
Scheere, Sichel, Knoblauch, Gebetbuch, Weihrauch, Taschenspiegel, 
SchlĂŒssel, Paprika, Pfeifer u. s. w., oder man bindet einen Nagel 
auf das Kissen des SĂ€uglings (bei den Juden*) sticht man zwei 
Messer hinein), oder man nÀht Knoblauch in das Ende des Bett- 
tuches, oder legt dem Kinde die WĂ€sche, die Hose, Weste u. s. w. 
seines Vaters unter den Kopf, oder deckt es, besonders des Nachts, 
mit solchen KleidungsstĂŒcken oder mit der SchĂŒrze der Mutter zu, 
oder umbindet es mit dem Halstuche seines Vaters, oder hÀngt ihm 
einen Rosenkranz um den Hals. Der Rosenkranz spielt ĂŒbrigens 
eine grosse Rolle. Entweder legt man ihn auf den Wickel oder 
das Wickelband oder auf das Kissen oder die Decke, oder bin- 
det ihn dem Kinde um. In Baja wird 6 Wochen lang ein Rosen- 
kranz in das Wickelband gelegt. 


*) Die meisten auf die Juden Bezug habenden GebrÀuche kommen fast aus- 
schliesslich nur bei den strengglÀubigen, orthodoxen Juden vor. 


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Wie wir gesehen haben, darf das Kind nicht allein gelassen 
und nicht unter dem Hauptbalken gewiegt werden. Auch darf man 
es nicht hinter den RĂŒcken der Hutter legen, denn davon bekommt 
es Gelbsucht, und darf es nicht scharf anblicken oder loben, denn 
dadurch behext man es. Bei den RumÀnen lÀsst man das Kind 
drei Tage in ein und demselben Hemd liegen. 

Der Glaube au den „bösen Blick“ oder, wie der Ungar sagt, 
„szemveres“ (Geschlagenwerden mit den Augen) und au das von 
diesem herrĂŒhrende „AugenĂŒbel“, d. h. der Aberglaube, dass die 
meisten Kinderkrankheiten „von den Augen kommen“, respective 
dass das Kind, wenn es erkrankt, sicherlich von irgend Jemandes 
„bösem Blick“ behext, „verdorben“, „beschrieen“, „berufen“ wurde, 
ist nicht uur allgemein in Ungarn, sondern wohl in der ganzen Welt 
verbreitet. Die Italiener fĂŒrchten sehr das „mal occhio“, und schon 
die alten Juden sprachen von einem „Ajin Horoh“. Namentlich 
solche Personen, deren Augenbrauen sich treffen oder, wie man sagt, 
„zusammengewachsen" sind, waren und sind in dieser Beziehung 
besonders gefĂŒrchtet. Viele Angeklagte der mittelalterlichen Hexen- 
processe hatten den Scheiterhaufentod diesem Naturspiel zu ver- 
danken. Um sich vor einer solchen Behexung zu schĂŒtzen, wendet 
man ĂŒberall aberglĂ€ubische GebrĂ€uche an. Einen Theil derselben 
habe ich bereits erwÀhnt. 

Unter anderem ist zu erwÀhnen, dass, wenn Jemand das Kind 
ansieht, er dabei sagen muss: „Wie hĂ€sslich!“ „O wie hĂ€sslich!“ 
oder „Dass ich dich nicht behexe“ u. s. w. und es dreimal (ent- 
weder dreimal beim Kommen oder dreimal heim Gehen) anspuckt. 
Niemals darf man das Kind bewundern oder rĂŒhmen. 

Das Spucken ist, wie bereits bemerkt, ein allgemein beliebtes 
Zaubermittel. In Erdely spuckt die Hebamme in ein jedes Bad 
des Kindes. Auch die Mutter spuckt bis zur Einsegnung des Kindes 
immer dorthin, wo sie das Kind hinlegt. Ein Gleiches thut sie 
wĂ€hrend des Stillens oder wenn sie ĂŒber die Schwelle tritt. Wenn 
das Kind schon behext wurde, so schmiert man an vielen Orten mit 
seinem Speichel die ThĂŒrklinke ein und meint, dass auf Denjenigen 
die Behexung ĂŒbergehe, der letztere abtrocknet. Auch schmiert die 
Mutter dem Kinde die Gliedmassen und sagt: „Krankheit heraus 
aus den Beinen, Krankheit heraus aus den Armen, Krankheit heraus 
aus dem Kopfe u. s. w. Laufe von dannen!“ wobei sie nach Schmie- 
rung eines jeden Körpertheiles ausspuckeu muss (Frau v. Wlislocki). 


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Mit der ersten Windel wischt man sowohl das Gesicht der 
Mutter als auch das des Kindes dreimal ab. An vielen Orten wird 
das Kind vor der Taufe Niemandem gezeigt. Nach der Ge- 
burt sagt die Hebamme den draussen befindlichen Verwandten und 
Nachbarsleuten nicht das wirkliche Geschlecht des Kindes, um so 
die „Hexe irrezufĂŒhren“. 

Wenn das Kind Jemanden stark anlacht, so schneidet sich der 
Betreffende ein paar Haare vom Kopfe und ein StĂŒck Zeug aus 
seiner Unterhose und rÀuchert das Kind damit (JÀszer Comitat). 
Des Morgens ptlegt man das Kind gewöhnlich mit Urin (mit dem 
Urin der Mutter) zu wascheu und mit dem unteren Theil des Hemdes 
der Mutter abzutrocknen. 

Im Trencsener Comitat benetzt die Mutter ihr schlafendes Kind 
mit ihrem Urin, iudem sie unter ihre Röcke greift, in die Hand 
Wasser lÀsst und dieses so auf das Gesicht des Kindes streicht. 
Zum Ueberflus8 leckt sie daun noch den Urin vom Gesicht ab!! 
Dieses Verfahren soll vorzĂŒglich sein, damit das Kind nicht ,,au 
den Augen (bösem Blick) zu Grunde gehe“ und stets ein frisches, 
schönes Gesicht bewahre. 

In einem alten ungarischen medicinischen Hausschatz fand ich 
folgenden Passus: „Die Ursache von Wallungen bei Kindern, die auch 
Behexung genannt werden, ist manchmal die Pereffluvia, d. i. der 
mörderische Blick der schÀdlichen Augen. Deshalb trauen sich Manche 
nicht einem Kinde fest in die Augen zu blicken“ (Szent-MihĂ€lyi).*) 

Eventuell rĂ€uchert man das Kind mit „gemeinem Ziest“ 
(Gömörer Comitat), oder man t.hut ihm solchen in sein Bad (Pester, 
Hajduer Comitat). Die BrĂŒhe von gekochtem Ziest (Emmerling, 
Ammer; Stachys) gilt in Ungarn schon seit uralten Zeiten als wirk- 
sames Mittel gegen bösen Blick und Behexung. Die SokÀczen 
gebrauchen gegen bösen Blick die „Sztarcsacz“-Pflanze (?). 

Dem Kinde zieht man ĂŒbrigens an vielen Orten (bei Manchen nur 
bis zur Taufe) sein Kleidchen oder Hemdchen verkehrt an, bin- 
det ihm ein rothes BĂ€ndchen um den Hals oder an die HĂ€nde, 
oder hÀngt ihm alte gebrauchte Violinsaiten, rothe oder blaue Perlen 
um, oder schmiert ihm die Stirn mit Russ oder Speichel ein, 
oder nĂ€ht ihm ein durchlochtes GeldstĂŒck in die Kopfhaube, oder 
bindet ihm ein solches auf den Kopf, die Hand u. s. w. Die 

*) Szent-MihÀlyi MihÀlv, botzonÀdi plebÀnos (Pfarrer von BotzunÀd). HÀzi 
«rvossÀgok. (Hausmittel.) VÀtz 1791. 


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Palöczen (NögrÀder Com.) binden dem Kinde einen Bindfaden aus 
Seide, Zwirn oder Spagat um das Handgelenk, der bis zum Ent- 
wöhnen des Kindes nicht heruntergenommen werden darf. 

Einem Knaben hÀngt man einen mit Eselhengsthaaren, einem 
MĂ€dchen ein mit Eselstutenhaaren gefĂŒlltes SĂ€ckchen um den Hals 
(Zalaer, Soproner, JÀszer Comitat), oder man nÀht dem Kinde 
Eselshaare in die Kopfhaube (Tolnaer Comitat). Im Hajduer Co- 
mitat wird das Kind mit KĂŒmmel oder Spinnengewebe gerĂ€uchert 

Wenn ein Manu zu Besuch kommt, so wirft derselbe seinen 
Hut auf das Kind. 

WĂ€hrend des Ganges zur Taufe darf das Kind Niemandem ge- 
zeigt werden. 

Im BÀcser Comitat steckt mau das Kind fusswÀrts zum Fenster 
hinaus und „löscht Kohlen“. Die Serben dieses Comitates legen 
Geld zu den FĂŒssen des Kindes in das Kissen und schĂŒtten ihm, 
wenn es zur Taufe getragen wird, das Badewasser nach (VĂ€li). 

Wenn das Kind erkrankt, z. B. BauchkrÀmpfe bekommt, un- 
ruhig und infolge von MagenĂŒberladuug unwohl ist, oder viel weint 
u. s. w., so ist es sicher durch bösen Blipk behext worden. Um 
sich darĂŒber Gewissheit zu verschaffen, werden „Kohlen gelöscht“, 
„Kohlen gesĂ€t“ u. s. w., welches allgemein beliebte Verfahren dann 
besteht, dass in ein Glas oder in eineu Topf mit Wasser (oder Urin) 
drei glĂŒhende, „lebende“ Kohlen geworfen werden. Sinkt eine der- 
selben unter, so hat Jemand das Kind mit seinem bösen Blick be- 
hext. AnderwĂ€rts bezieht man ein jedes einzelne der drei StĂŒck 
Kohlen auf je einen von drei Besuchern verschiedenen Geschlechts, 
nÀmlich das eine auf einen Mann, das andere auf eiue Frau, das 
dritte auf ein Kind oder aber direkt auf je eine bestimmte Person, 
die die Wöchnerin besucht hatte, und je nachdem das eine oder 
andere StĂŒck Kohle untersinkt, schliesst man auf das Geschlecht 
derjenigen Person, resp. auf die Person selbst, die das Kind mit 
bösem Blick behext hat. Mit dem Wasser wird dann dem Kinde 
dreimal das Gesicht abgewaschen und ihm davon zu trinken ge- 
geben. Abgewischt wird das Gesicht mit der Kehrseite des Kinder- 
hemdchens oder mit dem unteren Theile des Hemdes der Mutter. 
Vielen Ortes gebraucht man neun oder sieben StĂŒck Kohlen und 
zĂ€hlt von neun resp. sieben zurĂŒck, indem man dabei bestĂ€ndig 
an die verdÀchtigten blauen oder schwarzen Augen denkt. Von 
dem Wasser trinkt man neun- oder siebenmal. 


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An manchen Orten pflegt man in jedes Badewasser, sowohl in 
das der Mutter als auch in das des Kindes, Kohlen zu werfen. 

In Kalotaszeg tropft man von dem Kohlenwasser“ mit der 
Messerspitze drei Tropfen ins Feuer, drei auf die ThĂŒrklinke, drei 
in den Mund des Kindes, drei auf seine Stirn, je drei in seine 
Handteller, und giebt ihm davon drei Schluck zu trinken, wÀhrend 
man den Best auf die ThĂŒrangel giesst (Jankö). 

Auch die Juden gebrauchen neun StĂŒck Kohlen oder ebensoviel 
BrodkrĂŒmchen und zĂ€hlen, wenn sie dieselben ins Wasser werten, 
auf folgende Weise zurĂŒck: „Nicht 9. nicht 8, nicht 7“ u. s. w. 

Die Magyaren giessen das Kohlenwasser entweder hinter die 
ThĂŒre oder auf einen Hund, damit „die Krankheit au diesem haf- 
ten bleibe“. 

Dieses Kohlenwasser wird auch „Augenwasser“ genannt. 

In manchen Gegenden wird von dem Wasser ein bestimmtes 
Quantum (3 — 4 Esslöffel voll) in ein Glas gegossen und dann wie- 
der ĂŒber dem Kopfe des Kindes zurĂŒckgemessen; wenn nun bei 
dem ZurĂŒckgiessen scheinbar mehr Wasser gefunden wird, indem 
von demselben, wie es auch gewöhnlich der Fall ist, nach dem Ab- 
messen mit dem Löffel noch etwas ĂŒbrig bleibt, so ist das „Be- 
schrieensein“ oder „Behextsein“ zweifellos festgestellt. In diesem 
Falle muss das Kind mit dem Wasser gewaschen werden u. s. w. 
(Somogyer, Soproner Com.). 

An manchen Orten bringt man von neun Brunnen Wasser und 
badet darin das Kind, oder man leckt demselben nach Weggang 
des Gastes die Augen aus. Haben sie einen salzigen Geschmack, 
so „ist das Kind behext“. 

Im Krassö-Szörenyer Comitat geht die Frau vor Sonnenaufgang 
lautlos an einen Bach, schöpft aus ihm Wasser und wÀscht damit, nach- 
dem sie drei glĂŒhende Kohlen in das Wasser geworfen hat, das Kind ab. 

Im MĂ€rmaroser Comitat weicht mau neun Schnittchen Knoblauch, 
in die man mit einer Nadel eine Menge kleiner Löcher gestochen 
hat, in Wasser auf und giebt dies der Mutter und dem Kinde zu 
trinken. 

Bei den Slowaken des Nyitraer Comitates wÀscht die Frau, be- 
sonders wenn sie von Jemandem mit zusammentreffenden Augen- 
brauen besucht wurde, sich seihst und ihr Kind mit ihrem eigenen 
Urin, wischt sich und das Kind mit dem unteren Tlieile des Hem- 
des ab und bindet noch ein SĂ€ckchen mit Wolfsfleisch um den 


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Hals. GĂ€hnt das Kind, so unterliegt es keinem Zweifel, dass es 
durch bösen Blick behext wurde. In einem solchen Palle giesst 
man Blei durch einen Besen, oder legt den SĂ€ugling auf die Erde 
und lĂ€sst ĂŒber ihn dreimal einen kleinen Hund springen. 

Bei den Slowaken des Trencsener Comitates pflegt man dem 
Kinde, wenn es von der Gevatterin von der Taufe nach Hause 
gebracht wird, unverzĂŒglich die Augen in einem Schweinefresstrog 
abzuwaschen. 

AnderwÀrts schneidet man deijeniger. Person, von welcher die 
Behexung ausging, einige Haare vom Kopfe und rÀuchert das Kind 
damit, oder thut sie in dessen Badewasser, oder hÀngt einen Theil 
derselben in den ßauchfang (SzatmĂ€rer, Hajduer, Pester Comitat). 

Im SĂ€roser Comitat nimmt die Mutter Wasser in den Mund, 
wĂ€scht damit das Kind und spuckt den Rest ĂŒbers Kreuz in die 
Ecke der Wiege. 

Im Csiker Comitat spuckt mau auf die Erde und schmiert den 
sich so bildenden Schmutz dem Kinde auf die Stirn. 

Im CsanĂ€der Comitat macht man dem Kinde mit SpĂŒlicht ein 
Kreuz auf die Stirn, wÀhrend man im Zalaer Comitat den SÀugling 
in einem SpĂŒlichtschaff wĂ€scht. 

Bei den RumÀnen des Temeser Comitates bringt man nach der 
Geburt den Kopf des Kindes dreimal mit dem Zimmerbalken in 
BerĂŒhrung („man schlĂ€gt seinen Kopf an den Balken“). 

Im Györer Comitat wird der SÀugling in einem Wasser ge- 
badet, in dem ein mit menstruellem Blut beflecktes Hemd einge- 
w'eicht gewesen war. 

Im SzatmÀrer Comitat (Porcsalma) wird gegen bösen Blick ein 
grosses Glas halb mit Wasser gefĂŒllt und darĂŒber ein Sieb ge- 
geben. Darauf lÀsst man das Weisse von einem Ei durch das 
Sieb langsam ins Wasser tropfen. Zeigt dann das sich auf der 
WasseroberflÀche ausbreitende Eiweiss die Form eines Rockes, so 
ging die Behexung des Kindes von einer Frau aus, wÀhrend letzteres 
von einem Manne behext wurde, wenn das Eiweiss die Form einer 
Hose zeigt. Mit dem Wasser wird dann der SĂ€ugling abgewaschen 
(Kiss).- 

Im Szabolcser Comitat trÀgt man das durch bösen Blick be- 
hexte Kind zu Jemandem, welcher ein Zwilling ist, und zwar wenn 
es sich um ein MĂ€dchen handelt, zu einer Frau, und wenn es sich 
um einen Knaben handelt, zu einem Mann, und bittet die betreffende 


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Person, dem Kinde in den Mund zu spucken, oder fÀngt den 
Speichel derselben in einem mit Wasser gefĂŒllten Glase auf und 
giebt das Ganze dem SĂ€ugling zu trinken. 

Im Somogyer Comitat wird das Kind bei den FĂŒssen genommen 
und, erst von unten nach oben und dann umgekehrt, durch sÀmmt- 
liche Sprossen einer Leiter hindurcbgesteckt. Diese Procedur bat 
angeblich schon manchem Kinde das Leben gekostet (CsÀky). 

In Debrecen wird bei einer Behexung durch bösen Blick immer 
die Hebamme beschuldigt, und deshalb holt man sie unverzĂŒglich, 
wenn das Kind unwohl ist, nachdem ihr zuvor „zur Versöhnung“ 
Schinken, Bauchfleisch und Seife geschenkt worden war, denn „bei 
einer solchen Gelegenheit muss man sogar dem Teufel Weihrauch 
spenden“ (Zelizy). Es ist dies vielleicht der einzige Aberglaube, 
aus welchem wenigstens der Hebamme einiger Nutzen erwÀchst. 

In der „SzihigysĂ€g“ bereitet man gegen Behexung „Kohleu- 
wasser“ und sagt dabei: 

„ Blaues Auge, schwarzes Auge, gelbes Auge, 

Tausend haben es gesehen, hundert abgeschnitten, 

Jesus Christus verschaffe ihm Heilung.“ 

Oder man schneidet mit dem Messer ein Kreuz auf den Herd, stellt 
ein mit Wasser gefĂŒlltes Glas darauf und wirft in letzteres drei StĂŒck 
glĂŒhende Kohlen, bekreuzigt sich nach jedem einzelnen StĂŒck, be- 
deckt das Glas mit dem Handteller und sagt nach dem ersten StĂŒck : 
„War es ein schwarzes Auge, welches das Kind behexte, so komme 
es auf ein schwarzes;“ nach dem zweiten StĂŒck: „War es ein blaues 
Auge, so komme es auf eiu blaues;“ nach dem dritten StĂŒck: „War 
es ein gelbes Auge, so komme es auf ein gelbes.“ Wenn wenigstens 
das eine StĂŒck Kohle untersinkt, was darauf hindeutet, dass .das 
Kind thatsÀchlich behext ist, so giebt man diesem von dem Kohlen- 
wasser zu trinken, in welches die Mutter dann zwei Finger taucht 
und dem SĂ€ugling die Stirn, den Bauch, die Handteller, die Sohlen, 
den BĂŒcken mit dem Wasser wĂ€scht. Den Best giesst man in 
Kreuzform auf die ThĂŒrangel. 

Eine andere Kegel ist die : „Thue ein wenig Salz, d. i. so viel 
wie du gerade mit den fĂŒnf Fingerspitzen fasseu kannst (oder so 
viel wie drei Maiskörner), sieben Pfefferkörner, drei Schnittchen 
Knoblauch, neun Bohnenkörner in ein SÀckchen und trage dies stets 
in deiner Tasche oder um deinen Hals gebunden. Es kann dich 
dann Niemand behexen.“ 


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Personen mit zusammengewachsenen Augenbrauen werden des- 
halb fĂŒr besonders gefĂ€hrlich gehalten, weil sie „dem Kinde mit 
ihren Augen die GedÀrme im Leibe umdrehen'*. 

In der SzilĂ€gysĂ€g meint man noch, dass der „böse Geist“ dem 
Menschen auch in der Weise schadet, dass er dessen Fussspur 
an die Mauer des Rauchfanges wirft oder in den Feuerherd grÀbt 
und verflucht. So wie die Spur im Rauchfang trocknet, so trocknet 
auch der Mensch ab, von dem die Spur herrĂŒhrte (BalĂ€zs). 

Im Biharer Comitat verbrennt man in einem Behexungsfalle den 
„Nabellappen“. 

Zum SchlĂŒsse will ich noch eine Auslese von den von Edel- 
mann in den verschiedensten Gegenden Ungarns gesammelten „Heil- 
verfahren“ gegen das Behexen geben. 

Wie schon erwĂ€hnt, wird das Kind mit dem Haar des „Schul- 
digen“ gerĂ€uchert und wird von dem Haar auch in das Badewasser 
gethan. Dieses Badewasser muss noch enthalten Safran, Erde von 
neun GrÀbern, neun HolzspÀne von verschiedenen Grabkreuzen, 
neun StĂŒck Kohle und ebensoviel Gras und Rohr, welches aus dem 
Dach kreuzweise herausgeholt wurde. All dies muss vor Tages- 
anbruch bereitet werden (JĂ€szer Com.). 

AnderwĂ€rts wird es fĂŒr genĂŒgend gehalten, das Kind dreimal 
tÀglich in einem Wasser zu baden, in das von neun GrÀbern ge- 
nommener Erde neun Handvoll gegeben wurden. 

Im Biharer Comitat mĂŒssen mit dem „Kohlenwasser“ die SchlĂ€fe, 
Stirn, Augenlider, Handgelenke und die Herzgegend gewaschen 
werden. 

Ein anderes Verfahren ist folgendes: bei Tagesanbruch muss, 
ohne dabei ein Wort zu sprechen, aus einer Schmiede von dem 
Wasser geholt werden, in das das glĂŒhende Eisen gelegt worden 
war. In diesem Wasser muss das Kind gebadet und dann mit 
dem Hemd des Vaters zugedeckt werden (Heveser Comitat). Eben- 
daselbst wird auch je eine Handvoll Mist genommen von den Mist- 
haufen neun solcher HĂ€user, wo es ein Kind mit dem gleichen Na- 
men giebt, wie das behexte hat. Dieser Mist wird in Wasser 
gekocht und dieses zum Baden verwendet, oder wenigstens werden 
drei Löffel voll davon auf das Kind gegossen. 

ln einem Absud verschiedener KrÀuter wird das Kind gebadet 
und das Wasser gegen Westen ausgeschĂŒttet, indem folgender Spruch 
gesagt wird: „Ein Auge hat es betrachtet, ein Herz hat es behext, 

Timei y kr y, Volkabr&ncbe. 6 


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heilige Dreifaltigkeit, ein Gott, wende es zurĂŒck.“ Dies wird drei- 
mal wiederholt (Pester Comitat). 

In Szeged wird folgendes Gebet zu drei Gelegenheiten je neun- 
mal hergesagt: „Die heilige Jungfrau ging hinweg mit dem gebene- 
deieten Jesuskind auf dem Arm; drei Juden begegneten ihr auf der 
steinernen BrĂŒcke. Der Eine sprach: oh, unsere Frau, Jungfrau 
Marie, wie schön ist der gebenedeiete Jesus, wie die schöne, glÀn- 
zende Sonne. Der Zweite sprach: oh, unsere Frau, Jungfrau Marie, 
wie schön ist Jesus, wie der Vollmond. Der Dritte sprach: oh, 
u. s. w. wie die Morgenröthe. Und so beschrieen und behexten sie 
Jesus. Marie trug dann Jesus zum Jordan, wusch und badete ihn 
dort und goss von dem Wasser auf rotheu Marmorstein. So möge 
auch auf diesem (z. B. Marie genannten) Kiude keinerlei Behexung 
und Beschreiung bleiben weder im Kopfe, noch auf dem Scheitel, 
weder in den Seiten, noch in den Seitenrippen, noch in irgend 
einem Knörpelchen, Amen!“ 

Im Gömörer Comitat wird, wenn man ein Kind behext glaubt, 
Epheu gekocht; ist das Kind lebensfĂ€hig, so quillt die Pflanze grĂŒn 
auf und man badet dann das Kind in diesem Wasser, wenn nicht, 
so wird die Pflanze gelb und alle BemĂŒhungen sind dann vergebens. 

Im Bekeser Comitat wird das Behextsein mit folgendem Spruche 
abgebetet: „Auge sah und schlug es; Herz sah und wĂŒnschte es; 
Mutter gebar und liebte es. Oh, mein Herr Jesus, du sÀhest und 
tröstetest dieses geseguete kleine Kind.“ 

Andere solche Formeln sind: 

„Jesus ging auf einen weiten Weg, traf dort die „Bezauberer“ 
(Behexer) und frug sie: Wohin geht Ihr? Wir gehen die Gesund- 
heit des N. N. zu „verderben“, ihm Herz und Leber wegzunehmen. 
Gehet von dort hinweg in das Innere der schwarzen Erde, ich bin 
dorthin eingeladen, im Namen des Vaters, des Sohnes und des 
heiligen Geistes, Amen!“ Dies muss dreimal wiederholt werden 
(Erdely). 

„Jesus Christus ging auf den Weg der Wahrheit, traf die Be- 
schwörung und frug sie: Wohin gehst du, Beschwörung? Diese 
antwortet: Ich gehe in das Dorf N., um dem MĂ€dchen (oder Kna- 
ben) N. die Farbe welk, das Haar struppig zu machen u. s. w.“ 
WĂ€hrend dem Hersagen dieses Spruches steht die Abbeterin mit 
einem Glas Wasser neben dem Herd. Dann wirft sie neun StĂŒck 
glĂŒhende Kohlen iu das Wasser, indem sie sagt: „Es ist nicht eins, 


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es ist nicht zwei u. s. w. ; wenn es unter einem Hut hervorkam, so 
bleibe es unter diesem, wenn unter einem Zopf, so bleibe es unter 
diesem, und wenn es unter einer Haube hervorkam, so bleibe es 
unter dieser.“ Dann wird das Gesicht des „behexten“ Kindes mit 
dem Kohlenwasser gewaschen und zum Schluss noch folgendes ge- 
sagt: „Auge sah es, Mund verschrie es; unser Herr Christus heilte 
es“ (Somogyer Comitat). 

Ich glaube mich nun schon genug, vielleicht sogar zu viel mit 
diesen Albernheiten beschÀftigt zu haben und möchte auf die Be- 
handlung der Wöchnerin ĂŒbergehen. 

30. DiÀtetik des Wochenbettes. 

Was die WochenbettdiÀt anbetrifft, so ist in ganz Ungarn als 
souverÀnes Mittel der Branntwein anzusehen. 

Dersellte ist den der unteren Volksklasse angehörenden Wöch- 
nerinnen Alles: Speise, Trank, Medicin. 

In der HĂ€lfte der Antworten, -welche ich auf meine Frage l>e- 
zĂŒglich der DiĂ€t der Wöchnerin bekommen habe, wird der Branntwein 
erwÀhnt, und es ist sogar anzunehmen, dass auch in der anderen 
HÀlfte der Antworten vom Branntwein die Rede gewesen wÀre, wenn 
die betreffenden Hebammen den Genuss desselben nicht fĂŒr selbst- 
verstÀndlich gehalten hÀtten. 

Dass das Branntweintrinken auch in Ungarn sein - verbreitet ist, war 
mir bekannt: dass dieses GetrÀnk jedoch in solchem Maasse und in 
einzelnen FĂ€llen in so grossen QuantitĂ€ten consumirt wĂŒrde, hĂ€tte ich 
denn doch nicht geglaubt. Ich will hier gleich die vielleicht etwas 
kĂŒhn erscheinende Behauptung aufstellen, dass die relativ gĂŒnstige 
MortalitĂ€t der Wöchnerinnen vielleicht auf jenen ĂŒbermĂ€ssigen Alcohol- 
genuss zurĂŒckzufiihren ist VerhĂ€ltnissmĂ€ssig gĂŒnstig nenne ich die 
MortalitĂ€t deshalb, weil wir uns, wenn ich die Antworten ĂŒber- 
blicke, die ich bezĂŒglich der Behandlung der Schwangerschaft, der Ge- 
burt und des Wochenbettes erhalten habe, bei dem heutigen Stande 
der Wissenschaft darĂŒber wundern mĂŒssen, dass nicht noch viel mehr 
von jenen Frauen zu Grunde gehen, denen bei der Entbindung keine 
geschulten Hebammen assistirt haben, die also in der oben geschilder- 
ten Weise entbunden wurden. Und ich glaube, dass hierbei das viele 
Alcoholtrinken, welches jetzt bekanntlich auch in der rationellen Be- 
handlungsweise des Wochenbettes die Hauptrolle spielt, von grosser 

6 * 


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Wichtigkeit ist, indem es bei BekÀmpfung der Wochenbetterkrankungen 
einen grossen prophylaktischen Werth hat.*) 

Der Branntwein in den verschiedensten Formen, als Silvorium 
(Pflaumenbranntwein), Borovieska (Wachholderbranntwein), „Törköly“ 
(Treber), Rosolio, Getreideschnaps, gewöhnlicher Spiritus, Honigschnaps, 
ferner gewĂŒrzt mit Pfeffer, KĂŒmmel, Lorbeer, Ingwer u. s. w., wird zu- 
weilen in sein- bedeutenden QuantitÀten genossen, und zwar zumeist gleich 
von der Entbindung angefangen. Es wird von einem tÀglichen Consum 
von 2 — 3 Decilitem, ja sogar eines ganzen Liters berichtet Manche 
Wöchnerinnen sollen so viel Branntwein geniessen, dass sie davon fast 
berauscht werden. Ein Sprichwort sagt auch deshalb: „Hat ’s gut wie 
eine Wöchnerin“ (BĂ€cser Comitat). 

Das Volk erklĂ€rt die gĂŒnstige Wirkung des Branntweingenusses 
damit, dass dann „die Wöchnerin innerlich nicht friert“, dass „sich ihr 
Blut l>esser reinigt“, dass „er (der Branntwein) das schlechte Blut aus 
ihrem Körper treibt“ und „das Bauchgrimmen stillt“, weswegen man 
auch, so oft die Wöchnerin Nachwehen oder irgend welche anderen Be- 
schwerden hat, ihr als einziges Heilmittel immer nur von dem neben 
ihr stehenden Branntwein giebt. 

Ausser letzterem erfreut sich natĂŒrlich auch der Wein allgemeiner 
Beliebtheit. 

Hinsichtlich der DiÀt der Wöchnerimien ist noch zu erwÀhnen, 
dass bei der Wahl der Speisen und GetrÀnke einzig und allein die 
VermögensverhÀltnisse maassgebend sind. Die Wöchnerinnen essen 
schon unmittelbar nach der Geburt Alles, was sie gerade haben und 
was man ihnen bringt, sogar die schwerst verdaulichen Sachen, wie 
fĂŒnf bis sechs hart gesottene Eier oder aus ebenso viel Eiern zubereitete 
RĂŒhreier (Eierspeise), ungesalzene Pogatscherln (eine Art fetten Kuchens), 
„Puliszka“ (Maisbrei mit Schafsmilch geknetet und gebacken), Mais, rohes 
Kraut, Birnen, Pflaumen, grĂŒnen Paprika (roh), Bohnensuppe u. 8. w. 

In einigen Gregenden beobachtet man unmittelbar nach der Ge- 
blĂŒt noch einige Vorsicht, indem dort die Wöchnerinnen nur Milch, 
Einbrennsuppe, Thee u. s. w. zu trinken bekommen. Bei den RumÀnen 
des Csiker Comitates mĂŒssen die Frauen gleich nach der Entbindung 

*) Der ungarische Dichterkönig Arany JĂ€nos ist diesbezĂŒglich anderer 
Meinung, indem er in einer seiner Volksdichtungen: „Az elaö lopĂ€s“ (Der erste 
Diebstahl) von einer Wöchnerin sagt: „Eine Flasche Schnaps muss sie be- 
stÀndig unter ihrem Kopfe liegen haben, Denn dies krÀftigt sie (glaube 

es der Narr!)“ 


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so viel esseu, mit wie viel sie glauben in ihrem Bauche den frĂŒher vom 
Kinde eingenommenen Platz ausfĂŒllen zu können. Daselbst trinken 
auch die Wöchnerinnen Wahrscheinlich ist dies etwas ĂŒbertrieben) mit 
der Hebamme zusammen in zwölf Stunden 5—6 Liter Schnaps aas. 

Ziemlich allgemein ist die Volkssitte, dass der Wöchnerin, so 
lange sie liegt, die Gevatterin und die im Dorfe wohnenden Verwandten 
und Bekannten zu essen und zu trinken bringen, und zwar so viel, 
dass daran das ganze Hausgesinde genug hat In der Regel hÀlt man 
es so, dass die Wöchnerin an dem eisten Tage nach ihrer Niederkunft 
und am Tage vor dem Verlassen des Wochenbettes von der Gevatterin, 
an den ĂŒbrigen Tagen aber von dem anderen Weibervolk abwechselnd 
einen bestÀndig mit frischen Speisen und GetrÀnken vollgepfropften und 
schön geschmĂŒckten Korb zugetragen bekommt. Diese Speisen werden 
im Alföld Gevatterschale, GevatterschĂŒssel, bei den Szeklem „Radina“ 
genannt. 

Im Hajduer Comitat mĂŒssen die Wöchnerinnen die ihnen von der 
Gevatterin gebrachten Speisen in Gegenwart der Letzteren verzehren. 
Die Speisen sind die gewöhnlichen — nur noch fetter, schwerer ver- 
daulich und reichlicher als sonst — und zwar ausser Fleischsuppe: 
papricirtes Fleisch, Bohnen. Kartoffeln, gerÀuchertes Schweinefleisch, 
Speck, gefĂŒlltes Kraut. Strudel. Nockerln, Quark- (Topfen-) kuchen und 
Honigbranntwein. 

In der Muraköz bringt die Gevatterin die ganze Woche hindurch 
das Essen. Am letzten Tage der Woche bringt sie so viel, dass die 
Wöchnerin daran mehrere Tage lang genug hat (Gönczi). 

Bei den Kroaten wird die Wöchnerin an dem der Entbindung fol- 
genden Sonntag von ihren weiblichen Verwandten besucht, von denen 
jede auf dem Kopf einen Teller voll Pogatscherl und in der Hand eine 
Flasche Wein bringt. Am dritten Sonntag bringen diese Verwandten 
ganze Körbe voll von Kuchen und Esswaaren und GetrÀnken. Dieses 
Fest wird „Zibeli“ (Wiegenmahl) genannt, und geht es bei demselben 
gewöhnlich hoch her (Margalits). 

Bei den Matyös bringt die Gevatterin der Wöchnerin Suppe, Rind- 
fleisch, Nudeln oder „Schneeballen' 1 und gefĂŒlltes Huhn, zur Fastenzeit 
Einbrennsuppe und SchÀberlsuppe. Auch bei den Palöczen versorgt die 
Gevatterin wĂ€hrend des sieben Tage dauernden „Zeltfestes“ die Wöch- 
nerin mit Speise und Trank: Wein, Honigbranntwein, „FerentĂ¶â€œ ge- 
nanntem geflochtenen Kuchen u. s. w. (Pinttir). 

Ein sehr beliebtes Nahrungsmittel sind ĂŒberall die RĂŒhreier, die 


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unmittelbar nach der Entbindung in ziemlichen QuantitÀten genossen 
werden. 

Geröstetes zwiebeliges Brod ist als Galactogogum eine beliebte 
Speise. Auch bei den Ungarn des Soproner Comitates sind ausser dem 
Braimtwein in Schmalz gebackene „Schneeballen“ und „ZehnschlĂŒssel- 
kuchen“ (geflochtener Kuchen) etwas UnerlĂ€ssliches. 

Dagegen hĂŒten sich die Wöchnerinnen vor dem Wassertrinken, 
da sie das Wasser fĂŒr schĂ€dlich halten, weil man „davon che Wasser- 
sucht bekommen kann“, wie mir von einer Seite mitgetheilt wurde. 
Aus diesem Grunde gemessen die Wöchnerinnen in den betreffenden 
Gegenden wÀhrend der ernten Tage nur imgesalzene Speisen, welche 
nicht zum Durst reizen. Auch bei den Deutschen des Soproner Co- 
mitates und bei den Kroaten enthÀlt sich die Wöchnerin des Wasser- 
trinkens, doch trinkt, sie dafĂŒr Kamillen-, Flieder- oder russischen Thee 
oder ein Gemisch von diesen Sorten. In einigen Gegenden schreibt 
man auch der Milch einen schÀdlichen Einfluss zu. 

31. Nach wehen. 

Fast in ganz Ungarn herrscht der Aberglaube, dass die Frau, wenn 
sie nach der Entbindung zwei- oder dreimal in die Nachgeburt hinein- 
beisst (eventuell wickelt man diese vorher in einen Fetzen ein), im 
Wochenbett keine Nachwehen haben wird. Im Ungarischen heisst 
nĂ€mlich Kauen: „rĂ€gĂ€s“, und ein Volksausdruck fĂŒr Nachwehen ist: 
„hasrĂ€gĂ€s“ (Bauchgrimmen). Also lĂ€sst sich auch hier, wie oben in 
der Klee-Behandluug gegen SterilitÀt, eine sprachliche Similia similibus- 
Behandlung nachweisen. 

Gegen Nachwehen legen ĂŒbrigens die Bulgaren und Serben auch 
in Branntwein aufgeweichte Brod rinde auf den Nabel, was auch bei 
den im Nordosten Ungarns wohnenden Juden gebrÀuchlich ist 

3*2. HĂ€ngebauch. 

Es ist ein allgemein verbreiteter Brauch der Wöchnerinnen, sich 
gegen einen „grossen Bauch“ oder einen HĂ€ngebauch, von welchem 
das ungebildete Volk glaubt, dass er gleichbedeutend ist mit einer Ver- 
grösserung der GebĂ€rmutter, zu schĂŒtzen. Deshalb sagt man, dass sich 
bei derjenigen Frau, welche nach der Geburt einen grossen Bauch be- 
hĂ€lt, die GebĂ€rmutter nicht ordentlich zurĂŒckgebildet, nicht genug ge- 
blutet resp. sich nicht gehörig „gereinigt“ habe, was der Hebamme zur 
Last gelegt wird, die die Frau sicherlich nicht genĂŒgend „geschmiert“ habe. 


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— 87 — 

verbreiteten, zumeist tĂ€glich ausgefĂŒhrten 
Schmierungen, Reibungen des Bauches, welche wir nach Beendigung 
der Nachgeburtsperiode natĂŒrlich nur gutheissen können, ist auch das 
Umbinden des Bauches besonders beliebt 

Man zwĂ€ngt den Bauch gleich nach der Geburt ein, „bindet ihn 
auf“ (und zwar mit einem Leinentuch oder einem gewöhnlichen Tuch), 
oder wickelt ihn ein. 

In einigen Gegenden, besonders bei den Slowaken und RumÀnen, 
bildet der Bauchwickel ein sehr wichtiges Requisit der Ausstattung des 
zu verheirathenden MÀdchens und ist ungefÀhr 10 cm breit und 4 m 
lang. Die RumĂ€nen nennen ihn „Hanica“. 

So wie die ĂŒbrigen Bauchbinden bindet oder nĂ€ht man auch den 
Wickel entweder einfach ĂŒber dem Bauch zusammen und lĂ€sst ihn 
wÀhrend des ganzen Wochenbettes darauf, oder nimmt ihn tÀglich herunter 
und bindet ihn von Neuem um. An den meisten Orten umbindet 
und umwickelt man den Bauch auch noch lÀngere Zeit nach Verlassen 
des Wochenbettes. 

In manchen Gegenden wird ausschliesslich ein mehrfach zusammen- 
gefaltetes Leinentuch oder Tuch auf den Bauch gelegt Zur Erhöhung 
der Wirkung bindet man zuweilen noch einen Dachziegel oder einen 
schwereren Stein oder ein Brett (BÀcser Comitat) oder ein PlÀtteisen 
darauf. 

Ausserdem werden an vielen Orten mit den verschiedensten Mitteln 
UmschlÀge gemacht, hauptsÀchlich mit Kampher- oder Ingwer-Brannt- 
wein. Auch taucht man in brennenden Kampherbranntwein einen 
Lappen ein und umbindet mit letzterem den gut eingeseiften Bauch, 
oder legt stark gesalzenes Eigelb (Udvarhelyer Comitat), Butter, Alaun 
mit Eierklar (Bökeser Comitat), geriebene Zwiebel und Sauerteig, sowie 
mit Knoblauch und Spiritus, Hollunder- und HagebuttenblÀttem zu- 
sammengerĂŒhrten Sauerteig darauf. 

Andere trinken Malventhee in Rothwein, oder gemessen Safran 
oder KĂŒmmel in Milch gekocht (RumĂ€nen), sowie Kampher in Spiritus 
(Slowaken) u. s. w. 

An vielen Orten enthÀlt sich die Wöchnerin auch deshalb des Wasser- 
trinkens, damit sie keinen aufgeblÀhten Bauch bekomme. 

Die RumĂ€ninnen lassen sich, damit sie frĂŒh aufstehen können und 
keinen grossen Bauch behalten, ihren Bauch vom dritten Tage nach 
der Niederkunft angefangen fĂŒnf bis sechs Tage hindurch tĂ€glich zwei- 
mal mit Fett einschmieren. 




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Ausser den allgemein 


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Die serbischen Flauen legen sich sofort nach der Geburt (auf 
einem Brett) auf den Bauch. 

In CsanÀd (Pester Comitat) schmiert sich die Frau ihren Baach 
mit Schweinefett ein und drĂŒckt ihn so lange und mit solcher Kraft 
gegen die ThĂŒrpfoste. dass sie fast ganz ermattet AnderwĂ€rts darf 
die Frau nur auf der Seite liegen, denn das Liegen auf dem RĂŒcken 
hĂ€lt man fĂŒr schĂ€dlich, weil dabei das Blut „erstarrt“, die Frau also 
nicht gehörig „rein wird“ (JĂŒszer Comitat). 

83. Chloasma uterinum. 

Allgemein verbreitet sind auch solche Sitten und Aberglauben, 
welche auf Beseitigung der sogenannten Ijeberflecken, hauptsÀchlich aus 
dem Gesicht abzielen. Wie wir gesehen haben, ist nach dem Volks- 
glauben das Gesicht nur dann leberfleckig, wenn die Frau ein MĂ€dchen 
unter dem Herzen trÀgt. 

In der Therapie des Chloasma uterinum spielt die Nachgeburt 
die grösste Rolle. Es ist nÀmlich ein in ganz Ungarn l>ei sÀmmtlichen 
NationalitÀten und Confessioneu allgemein verbreiteter Brauch, der 
Wöchnerin behufs Entfernung der Schwangerschafts-Leberflecken das 
Gesicht mit der blutigen Nachgeburt abzuwischen, bezw. abzureiben. 
Diesem seltsamen Verfahren bin auch ich schon in einigen — ĂŒbrigens 
intelligenten — Familien begegnet 

Die Nachgeburt muss noch warm sein. Auch wĂŒrde es nach 
Einigen nicht genĂŒgen, das Gesicht nur einmal damit einzuschmieren, 
sondern dies muss dreimal geschehen. 

An einigen Orten wickelt man die Nachgeburt vorerst in einen 
Leinwandlappen und wischt der Frau so das Gesicht dreimal damit 
ab. Zumeist tliut man dies nur nach der ersten Geburt. Viele be- 
riiliren mit der blutigen Nachgeburt nicht nur dreimal das Gesicht, 
sondern auch alle sonstigen leberfleckigen Stellen ihres Körpers. 

Das blutige Gesicht wird entweder mit dem Badewasser des Kin- 
des oder mit dem nach der Geburt zuerst gelassenen Ham abgewaschen. 
Beide Verfahren, besonders aber das erstere, wendet man auch ohne 
Einschmieren mit der Nachgeburt an. Andere lassen die blutigen 
Flecken drei Tage unabgewischt (Temeser Comitat), und Manche ent- 
fernen sie dann nicht mit einem Handtuch, sondern mit weissem Papier 
(Serben des BÀcser und TorontÀler Comitates) oder mit dem Zeug, in 
welches das Kind unmittelbar nach der Geburt eingewickelt wurde 


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(JÀszer Comitat). Die Erdelyer RumÀnen waschen sich sechs Wochen 
im Badewasser des Kindes. 

Auch Weihw r asser (Abauj-Tomaer Comitat). ebenso wie Milch, 
Milchrahm (NögrÀder Comitat) und von angelaufenen Fenstern herunter- 
getropftes Wasser (Csallököz) wird zu besagtem kosmetischen Zwecke 
verwendet. 

Mit dem blutigen Hemd einer ErstgebÀrenden wischt man sich 
neunmal das Gesicht ab (MĂ€rmaro ser Comitat). Auch trocknet man 
sich an den von einem erstgeborenen Kinde in der ersten Woche ge- 
brauchten Windeln ab (KolozsvÀr). 

Das von der Geburt blutig gewordene Hemd taucht man in das 
Badewasser der Frau, in welches man verschiedenerlei KrÀuter und 
auch Heu thut, und wÀscht damit sowohl das Gesicht der Wöchnerin, 
als auch das des neugeborenen Kindes ordentlich ab (HĂ€romszeker 
Comitat). 

Dort, wo die Hebammen derartigen Verfahren entgegentreten, wer- 
den diese hinter ihrem RĂŒcken von den Angehörigen angewandt, oder 
die Nachgeburt wird, damit sie nicht erkalte, in warmes Wasser ge- 
steckt und erst nach dem Weggange der Hebamme zu den erwÀhnten 
Manipulationen verwendet 

Wenn nach dem Wochenbett die Leberflecken nicht bald verschwin- 
den. so reibt man die betreffenden Körperstellen mit rohem Fleisch ein 
(Heveser Comitat). 

Von Medicamenten werden Boraxwasser, Glycerincreme oder an- 
dere Salben gebraucht wie das „Szerecsika“ genannte sublimathaltige 
serbische Volkscosmetieum. arsenhaltige Salben u. s. w. (BÀcser, Krassö- 
Szörenyer Com.). 

34. Lochien. 

WĂ€hrend der Zeit des Wochenflusses oder, wie das Volk in 
Ungarn noch sagt der „Wochenbett- Reinigung“ hĂ€lt man die Frau fĂŒr 
unrein und die Lochien selbst fĂŒr schĂ€dlich, giftig. Wenn man mit den- 
selben ein Thier einschmiert so stirbt es, und wenn man damit einen 
Baum bestreicht, so geht er ein. Innerlich angewendet beginnen da- 
von sowohl Thiere als auch Menschen zu rasen. Damm warft man 
Alles, was mit den Lochien inficirt ist, in Flusswasser oder verbrennt ea 

Bei den SokĂ€czen galt in frĂŒheren Zeiten nicht nur die Wöch- 
nerin, sondern auch alle Frauen, die mit dem Kinde bei der Geburt 
oder unmittelbar danach in BerĂŒhrung gekommen waren, bis zur Taufe 


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fĂŒr unrein. WĂ€hrend dieser ganzen Zeit war den Betreffenden das 
Kochen, Kneten, Waschen u. s. w. untersagt 

In Kalotaszeg darf die Frau vior Wochen lang das Haus nicht 
verlassen. Wenn sie wÀhrend dieser Zeit aus einem Brunnen Wasser 
schöpft, so versiegt dieser. Wenn sie Thiere futtert, so werden diese 
unfruchtbar. PflĂŒckt sie Obst von einem Baum, so wird dieser nicht 
mehr tragen. Wenn sie ihren Hof auch nur auf eine Minute verlÀsst, 
so wird das Dorf von Hagelschlag heimgesucht werden. 

Wenn die Frau das Haus unbedingt verlassen muss, so hat sie 
zuvor zur Kirche zu laufen und an die ThĂŒre derselben dreimal mit 
der Faust zu schlagen, tmd darf erst dann den betreffenden Gang 
verrichten. Wenn sie dabei einem Manne begegnet, so nimmt man 
diesem an manchen Orten den Hut weg und giebt ihn nur fĂŒr Geld 
zurĂŒck, denn sonst mĂŒsste der Mann krank werden. 

Frau v. Wlislocki erwÀhnt ausserdem die in manchen Gegenden 
herrschende, an die „Couvade -1 (MĂ€nnerkindbett) erinnernde Sitte, dass 
sich der Mann unmittelbar nach der Geburt sofort zu seiner Frau ins 
Bett legt Davon verspricht man sich nĂ€mlich, dass „der Mann die 
Unreinheit des Kindes an sich zieht' 1 , „wodurch es dem Kinde leichter 
wird 11 . Im BÀcser Comitat hat die Flau wÀhrend der ganzen Entbin- 
dung die Stiefeln ihres Mannes an. 

Die Dauer des Wochenbettes hat schon Moses mit RĂŒcksicht auf 
den Wochenfluss, welchen auch er fĂŒr verunreinigend erklĂ€rte, auf eine 
lÀngere Zeit bemessen, und zwar bei einer Knabengeburt auf 33, bei 
einer MĂ€dchengeburt auf 66 Tage. FĂŒr den blutigen Fluss selbst 
rechnete er eine resp. zwei Wochen. Auch jetzt noch sieht man bei 
den orthodoxen Juden die AVöchnerin sechs Wochen fĂŒr unrein an. Erst 
mit einem nach Ablauf dieser Zeit genommenen rituellen Bade hören 
die mit der Unreinlichkeit einhergehenden Verbote (wie z. B. das des 
Coitus) auf. 


35. Blutungen wÀhrend und nach der tieburt. 

Eines der wichtigsten Kapitel der Geburtshilfe bilden bekanntlich 
die Blutungen: die Blutungen wÀhrend der Schwangerschaft, der Ge- 
burt und des Wochenbettes. 

Der Fehlgeburten habe ich schon oben ErwÀhnung gethan. 

Die wÀhrend der Schwangerschaft auftretenden und nicht zu Abortus 
fĂŒhrenden Blutungen werden so erklĂ€rt, dass sich durch dieselben das 


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Blut des Kindes reinigt und daher letzteres frei von GeschwĂŒren sein 
wird. Deshalb thut man auch gewöhnlich gar nichts gegen sie. 

Im Abaujer Comitat hÀlt die Frau die wÀhrend der Schwanger- 
schaft auftretende Blutung geheim, damit man seiner Zeit nicht mit 
Verachtung auf das Kind blicken möge. Es werden nÀmlich Blu- 
tungen wĂ€hrend der Schwangerschaft fĂŒr ein Zeichen von Ehebruch 
der Mutter angesehen. 

Gegen diese Blutungen wird ĂŒbrigens auf Ziegel gegossene Milch 
getrunken oder kalte oder warme UmschlÀge gemacht 

Im Szabolcser und CsanÀder Comitat stecken sich die Frauen 
Stutenmist in die Scheide. 

Hinsichtlich der Beurtheilung des Wesens der wÀhrend und nach 
der Geburt auftretenden Blutungen herrscht bei den Bewohnern ganz 
Ungarns staunenswerther Einklang darin, dass man die Blutungen — 
besonders die nach der Geburt und im Wochenbett — ĂŒberall fĂŒr un- 
bedingt nothwendig erachtet und meint, dass es fĂŒr die Frau nur von 
Vortheil sei, wenn sie recht viel blutet, da sich nur aul diese Weise ihr 
Organismus „mit dem AbgĂ€nge des schlechten Blutes“ gehörig reinige, 
ihre Geschlechtstlieile ordentlich zurĂŒckbilden und sie keinen HĂ€nge- 
bauch bekomme. 

Ein Ar/t wird nur Àusserst selten consultirt, und auch zu den blut- 
stillenden Mitteln wird erst dann gegriffen, wenn die Blutung bereits 
so reichlich ist, dass die Frau davon an KrÀften ganz herabkommt 
In solchen FÀllen wendet man verschiedene Hausmittel, UmschlÀge u. s. w. 
an, wovon noch die Rede sein wird. Bis dahin jedoch sieht man dem 
Blutverlust ruhig zu, selbst wenn derselbe sechs Wochen anhÀlt; und 
wenn er der Frau das Leben kostet, so tröstet man sich einfach damit 
dass „es von Gott so bestimmt war“. 

Wenn hingegen die Wöchnerin nicht viel blutet, so hÀlt mgn dies 
fĂŒr ein schlechtes Zeichen und bietet Alles auf, mir damit sie mehr 
Blut verliere. 

Bei den Ruthenen schiebt man bei Metrorrhagie das Bettbrett bei 
Seite, stellt einen Trog unter das Bett und lÀsst ruhig das Blut hinein- 
rinnen. 

Von den gegen die Blutungen angewandten Verfahren muss 
besonders eines, nÀmlich das an vielen Orten gebrÀuchliche Unter- 
binden der ExtremitĂ€ten in der Gelenkgegend („Unterbinden der Adern“) 
unser Interesse erwecken. Obgleich dasselbe meistens nur an den 
Fingern und Zehen, und zwar oft an jedem einzelnen Finger, resp. an 


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jeder einzelnen Zehe geschieht, kann es doch als ein Surrogat der 
Autotransfusion betrachtet werden. 

In Debreczen unterbindet man nur den rechten Arm und den 
linken Fuss. 

Dieses Unterbinden geschieht mit Zwirn, Seide, ungerĂŒstetem Hanf 
oder geweihtem PalmenkÀtzchenfaden. 

Im Bekeser Comitat werden FĂŒsse und HĂ€nde iibeiN Kreuz ge- 
bunden. 

Unter den gegen Blutungen angewandten inneren Mitteln, welche 
möglichst heiss getrunken werden und zun» grossen Theile Brech- und 
AbfĂŒhrmittel sind, steht an erster Stelle der Al>sud von Rittersporn- 
blĂŒthen, eventuell in Rothwein genossen, ferner von Pfingstrosen (des- 
gleichen meistentheils in Wein), von KĂŒrbiskernen (Krasso-Szörenyer 
Comitat), von gelber Luzerne (die Luzerne wird gegen Blutungen auch 
in den Stiefeln getragen), von LorbeerblÀttern mit Zimmt (Abaujer 
Comitat) oder von anderen Krauten», der Saft von Mohnblumen und 
Wolfsmilchstengeln in Milch getropft, MuskatblĂŒthe. Schlehenwurzel 
(Gömörer Comitat). in Molken gekochter Alaun, Hanfspreu mit Pfeffer 
(Heveser Comitat), in Wasser gekochter Anissamen und Zimmt, resp. 
Zimmttropfen, Malventhee u. s. w. 

Ausserdem trinkt man noch Branntwein mit Eichenrinde, oder 
einen gewĂŒrzten oder mit weissen Lilien bereiteten Schnaps oder Zimmt- 
branntwein oder Rum, Essig, Knoblauchessig (damit wÀscht man auch die 
Frau ab), aufgekochten »daunhaltigen Wein oder »einen starken Roth- 
wein, Bier mit Eigelb, Weinsuppe mit viel Zimmt, Milch mit Zimmt, 
Weinessig mit Eiweiss, Gerberbaumsaft mit weissen» Ingwer ( Erdelyer 
RumÀnen), oder mit StÀrke, mit l-ostigem Eisei» gekochten Rothwein 
(Györer Comitat), Safran in Rothwein oder Milch. Nussöl. Dillsamen, 
die Beeren von wildem Wein in Wein. 

Ferner schluckt man Alaun, isst getrocknete WaldÀpfel (Abaujer 
Comitat). StĂ€rke, gestossene Pfirsichkenie. den gelben BlĂŒthenstaub von 
weissen Lilien (Nyitraer Comitat), weisse Zwiebeln (Csiker Comitat), 
Krebsaugen (TorontĂ€ler Comitat), KĂŒi-bis- und Melonenkeme (Hajduer 
Comitat). Siegellack In Branntwein (HĂ€rornszeker Comitat), ebenso Russ 
aus den» Rauchfang (Heveser Comitat) u. s. w. 

Auf den Unterleib macht man UmschlÀge mit einem in kaltes 
oder heisses Wasser, Kampherspiritus oder Essig getauchten Lappen 
und legt auf ihn auch Hanf, Lein oder in laues Essigwasser getauchtes 
Werg (Cssdlököz), oder abgebrĂŒhtes Rohgari», Pferdemist, in Essig ge- 


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trÀnkte Kleie, gekochte Schafgarbe (Calendula off.) und Petersilie (Maro6- 
Tordaer Com i tat), gekochten KĂŒrbis, warme Teller, Bleiteller, Sand 
oder wilde Brennnessel, wanne Asche, in Spiritus getauchtes geröstetes 
Brod (CsanÀder Comitat). 

Es werden ferner angewandt: Alaun Waschungen, DĂŒnstungen mit 
auf glĂŒhendes Eisen getropfter Milch. Alaun UmschlĂ€ge auf die Ă€usseren 
Geschlechtstlieile. oder UmschlÀge mit in Essig getauchtem Garn oder 
auf einen heissen Ziegelstein gegossenem Essig, Heustreu, Rindennist- 
aufguss (Heveser Comitat), oder Wein mit verschiedenen KrÀutern und 
GrÀsern, z. B. Kuckuckskraut, letzteres auch ohne Wein ins Badewasser 
gegeben, oder FussbÀder in Schlehenwurzelabsud (Gömörer Comitat). 

Bei den MĂ€rmaroser Ruthenen werden alle Arten von Blutungen, 
mögen sie von einer Geburt, einem Abort, Krebs u. s. w. herrĂŒhren, 
mit einem UniversalnĂŒttel, dem Absud von Salvia ofticinalis in Form 
von lauen Scheidenirrigationen, behandelt. 

Nicht genug zu verurtheilen ist die an manchen Orten herrschende 
unverstÀndliche Sitte, die Frau in ein warmes Bad zu setzen, aus 
welchem man sie „meistens halb todt heraushebt“ - . In dies Bad tliut 
man auch RitterspornblĂŒthen oder „Blutkraut -- , Alaun oder Weizenkleie. 

Die RumÀnen des Krassöer Comitates stecken auch in Essig ge- 
trÀnkte Lappen in die Scheide. Im Feilerer Comitat thut man dies 
mit alaunhaltigen Fetzen. 

WĂ€hrend der Blutung darf die WĂ€sche nicht gewechselt werden, 
denn dies verstÀrke die Blutung. 

Schliesslich erwĂ€hne ich der VollstĂ€ndigkeit ballier das „Schmieren““, 
Barfussgehen (Nyitraer Comitat), Beschwören und das Beten, welch 
letzteres das Hauptblutstillungsmittel der Quacksalber-Hebammen ist 
Die RumÀnen des Csiker Comitates waschen die blutige WÀsche aus 
und giessen das blutige Waschwasser auf die UmzÀunung, wobei sie 
„Zauberworte vor sich hinmurmeln““. 

Im BĂ€cser Comitat besprengt man den Bauch mit Weihwasser. 

In Kalotaszeg legt man in Wein gekochten Zimmt auf die Ge- 
schlechtstheile und sagt dabei: „So wie der heilige Geist in die Jung- 
frau Maria ging und rein herauskam, so bleibe auch du. Blut rein und 
mache Halt im Namen des heiligen Geistes. Auch fĂŒr dich ist genug 
Blut aus den Wunden des Erlösers geflossen.“ 

Oder man sagt: „Am Bache sitzen drei FrĂ€ulein. Das eine heisst 
Blut, das andere Wasser, das dritte Feuer. Da kam die Jungfrau 
Maria und sprach: „„Hebet Euch weg von hier und lauft in den Ofen 


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des Teufels."“ Gehe von dannen, Blut, im Namen der heiligen Jungfrau 
Maria, geh' zu den drei FrĂ€ulein, damit sie dich dörren“ (v. Wlislocki). 

36. Ischurie und andere WĂŒchenbettstörnngen. 

Eine unangenehme, wenn auch fĂŒr gewöhnlich nicht bedeutsame 
Erscheinung der ernten Tage des Wochenbettes ist die Harnver- 
haltung und Ischurie. Gegen erstere ist bekanntlich das Katheteri- 
siren unser wichtigstes Verfahren. 

Die ungebildete Volksklasse strÀubt sich indessen gegen dasselbe 
mit HĂ€nden und FĂŒssen. Wie ich den ĂŒber die verschiedenen Gegen- 
den lautenden Berichten entnehme, sind auch die diplomirten Heb- 
ammen nicht im Stande, diese Abneigung zu bekÀmpfen. 

Sowohl gegen Harnverhaltung als auch gegen Ischurie sind die 
verschiedensten innerlichen und Àusserlichen Mittel verbreitet 

An erster Stelle steht der Absud von Petersilie als GetrÀnk und 
der Gebrauch dieser Pflanze in Kataplasmenform. An den meisten 
Orten combinirt man die beiden Verfahren. 

Innerlich gebraucht man noch: Wachholderbeeren, mit Pfeffer und 
Paprika gewĂŒrzten Branntwein, den Absud von Eberwurz (Artemisia), 
Sellerie, Haferstroh, gekochter Königskerze (Verbascum), rother RĂŒbe, 
gelber RĂŒbe, Judenkirsche, Maisschale. Wassermelonenkernen; ferner 
weissen Malventhee, Fliederwurzelthee und verschiedene andere Thee- 
gattungen. 

Die Slowaken des Torontaler Comitates essen klein gestossene 
Glasscherben. 

Sehr beliebt sind auch die DĂŒnstungen, RĂ€ucherungen und DĂ€m- 
pfungen, zu denen man: KĂ€spappel, Malven, heisse Milch, Kartoffel- 
brĂŒhe, Essig, auf heisse Ziegel gegossenes Wasser, auf Maisstrunke ge- 
streute Wachholderbeeren, Flieder, Petersilie gebraucht 

In DĂ€ny (Pester Comitat) kochen die Ungarn die Federn eines Fast- 
nachtshuhnes und giessen sie in einen Topf, auf den sich die Wöchnerin 
fĂŒnf- oder sechsmal setzt, bis sie tĂŒchtig schwitzt 

Desgleichen werden auf den Unterleib bezw. auf die Blasengegend 
heisse WasserumschlÀge und Kataplasmeu mit Petersilie, Sellerie, Ka- 
millenthee, Mais, Marticaria (Zalaer Comitat), HĂŒhnerdarm (Stellaria) 
(Szolnoker Comitat). Schlingkraut (Hajduer Com.) angewandt. 

Im Bekeser Comitat bindet man ein mit einem sonderbaren Na- 
men belegtes Kraut auf die Blasengegend, und zwar mit einem solchen 
Garn, welches das Erstlingswerk eines kleinen MĂ€dchens war. 


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Unmittelbar auf die Àusseren Geschlechtstheile werden auch Um- 
schlĂ€ge mit Petersilie gemacht u. s. w„ oder auf dieselben wanne Asche 
gelegt 

Auch warme BĂ€der — eventuell mit Kleiezusatz — erfreuen sich 
ziemlicher Beliebtheit 

Die Schmierungen wendet man bei den Wöchnerinnen auch gegen 
Ham besch werden an. 

Auch bei den ĂŒbrigen Woehenbetterkrankungen finden wir die 
schon erwÀhnten mannigfachen Verfahren und die gegen die ..Be- 
hexung durch böse Geister 1 angewandten, l>ereits oben geschilderten aber- 
glÀubischen GebrÀuche vor. 

Gegen peritoneale Empfindlichkeit wendet man allgemein — 
und zwar meistens auf sehr rohe Weise — Schmierungen an, welche 
schon in vielen FÀllen von schÀdlichen Folgen (Peritonitis, Metritis, 
Prolapsus uteri u. s. w.) begleitet waren, eventuell sogar tödtlichen Aus- 
gang verursachten. Gegen dieses ., altehrwĂŒrdige Gewohnheitsrecht“ an- 
zukÀmpfen, ist wie mehrere Aerzte schreiben, ein Ding der Unmöglich- 
keit (NögrÀder, Biliarer Comitat). 

Wie schon erwĂ€hnt betrachtet man fast ĂŒberall die Schmierungen 
als eine Conditio sine qua non der richtigen Wochenbettpflege und 
wendet sie tĂ€glich an, damit sich die „Wöchnerin erhole und sich ihr 
Blut besser reinige“. 

Im Barser Comitat legt man der Frau einen Mörser zu den 
FĂŒssen, damit sie „keine aderigen Beine“ (Varices) bekomme. 

37. Das „Milchfieber“. 

Von den beim Volke verbreiteten unzÀhligen irrigen Anschauungen 
ist die des sogenannten „Milchflebers“ eine der am schwersten aus- 
rottbaren. Trotz all unserer BemĂŒhungen gelingt es nicht einmal, die 
intelligentere Klasse davon zu ĂŒberzeugen, dass die mit dem Beginn 
der Milchabsonderung eventuell einhergohenden Fiebererscheinungen mit 
jener nur in temporÀrem, nicht aber in causalem ZusammenhÀnge 
stehen. Man kann sich daher leicht denken, dass die untere, unge- 
bildete Volksklasse noch sehr langer Zeit bedĂŒrfen wird, bis sie die 
wahre Ursache des Kindbettfiebers erkennen lernt 

Aus den eingetroffenen Antworten geht ferner hervor, dass an die 
Existenz eines „Milchfiebers“ nicht nur das ungebildete Volk ohne 
Unterschied der NationalitÀt, sondern auch selbst ein grosser Theil der 


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geschulten Hebammen noch glaubt. Und angenommen, sie selbst 
glaubten nicht daran, so ist es doch ganz natĂŒrlich, dass sie sich, um 
sich nicht dem Verdacht und der Anklage einer Infection auszusetzen, 
keine besondere MĂŒhe geben, die GebĂ€renden aufzuklĂ€ren, sondern die- 
selben im Gegentheil in ihrem irrigen Glauben bestÀrken. 

Auch ein Arzt wird nur in den allerseltensten FĂ€llen gerufen. 
Wie bei der Geburt, so ist auch im Wochenbett Àrztliche Hilfe die 
allerletzte Zuflucht 

Die beim Volke gebrÀuchliche Heilmethode Iresteht theils in der 
gegen Fiebererscheinungen beobachteten allgemeinen, theils in der gegen 
das Anschwellen der BrĂŒste, respective gegen eventuell beginnende 
Mastitis angewandten localen Behandlung. 

Die antipyretische Behandlung besteht meistens in Schwitzen und 
KopfumschlÀgen, da man glaubt, dass der Wöchnerin beim Milchfieber 
die Milch in den Kopf steigt, worauf auch das beim Wochenbettlieber 
eventuell auftretende Irrereden zurĂŒckgefĂŒhrt wird. 

Viele glauben ĂŒbrigens, dass das Milchfieber ein natĂŒrlicher Vor- 
gang ist und dass es daher nicht einmal gut ist, woim die Frau davon 
verschont bleibt. Diese thun auch gar nichts dagegen, sondern sehen 
geduldig zu, bis das Feber spontan aufhört, und wenn es nicht auf- 
hört, nun „so hat es eben der liebe Gott so gewollt und der Arzt hĂ€tte 
so wie so nicht helfen können“. 

Andere wiederum schreiben das Milchfieber dem EinflĂŒsse „böser 
Geister“ zu und glauben, dass Jemand die Wöchnerin mit bösem Blicke 
behext hat, weswegen man auch eine „betende Fau“ rufen und das 
Uebel fortbeten oder Beschwörungsfonnein hersagen lĂ€sst oder „Wasser 
schĂŒttet“ oder „Wachs giesst“. 

Andere glauben, das Milchlieber so verhĂŒten zu können, dass sie 
der Wöchnerin irgend ein KleidungsstĂŒck unter ihren Kopf legen (To- 
rontÀler Comitat). Viele legen sich auch Kartoffelschnittchen auf den 
Kopf, trinken AbfĂŒhrmittel (Bitterwasser u. s. w.) und lassen sich mit 
Essig abwascheu. 

Ihr Hauptmittel, welches hier — wie ich schon hervorgehoben 
habe — als das rationellste bezeichnet werden kann, ist der Brannt- 
wein, eventuell mit TausendgĂŒldenkraut, und gekochter Wein, In der 
Muraköz giebt man der F-au Stutenmilch zu trinken. 

Allgemeiner Beliebtheit erfreut sich, wie bereits erwÀhnt, das 
Schwitzen, das mittelst allerlei Thees. wie Kamillen-, PfeffermĂŒnz-, 
Fliederthee, Absud von Heu u. s. w. hervorgerufen wird. Das Zimmer 


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wird gut eingeheizt, die Wöchnerin warm zugedeckt, und man macht 
ihr auf den Bauch und die BrĂŒste allerlei UmschlĂ€ge, auch wanne 
BranntweinumschlÀge und sogar mit warmem Rindermist (Pester Comi- 
tat) u. s. w. Die Schmierungen spielen eine grosse Rolle, ebenso wie 
auch strafte Umbindungen des Bauches beliebt sind. 

Kalte UmschlÀge oder gar EisumschlÀge auf den Unterleib sind 
gefĂŒrchtet und gemieden, da von ihnen „der Bauch aufgetrieben" werde. 
Den Kopf der Frau bettet man hoch. Zuweilen lÀsst man die Frauen im 
Bett sitzen. Ebenso macht man UmschlĂ€ge auf die BrĂŒste, schmiert sie, 
dĂŒnstet sie und wendet auch Kataplasmeu an. Davon wird bei Behand- 
lung der Mastitis die Rede sein, da es schwielig ist, die gegen die beiden 
Leiden angewandten Verfahren von einander zu trennen. 

Hier will ich um - des Aussaugens der BrĂŒste ErwĂ€hnung thun, 
welches Verfahren gegen „Milchfieber 1 gleichfalls in ziemlich ausge- 
dehntem Maasse angewandt wird. An vielen Orten glaubt man, dass, 
wenn das Milchfieber auftritt, die Hebamme die BrĂŒste nicht genĂŒgend 
ausgedrĂŒckt hat. Die Milch wird entweder aus den BrĂŒsten gemolken 
oder mit einem Saugapparat oder von einer Person, meistens von dem 
Manne der Wöchnerin (Hevesei - Comitat), oder von irgend einem alten 
zahnlosen Weib (Bekeser Comitat) oder einer sich eigens damit be- 
schÀftigenden Frau (JÀszer Comitat) oder von einem jungen Hund 
(RumÀnen des Csiker Comitates) ausgesogen. 

Im Csongrader Comitat pflegt man die Frau auf irgend eine Art 
zu erschrecken, damit ihr „die Milch versiege“. Bei den Toron- 
tÀler Slowaken bindet man die Fusszehen zusammen. Im Tolnaer 
Comitat warft man der Wöchnerin den Hut oder die MĂŒtze des 
Mannes ins Gesicht 

38. Bauer des Wochenbettes. 

Die Dauer des eigentlichen Wochenbettes, d. h. des Liegens wÀh- 
rend desselben ist sehr verschieden. WĂ€hrend dasselbe bei den intelligen- 
teren, besser situirten Flauen wenigstens acht bis vierzehn Tage, in 
ausserordentlichen FĂ€llen sogar drei bis vier Wochen dauert, ist man 
bei der Àrmeren, ungebildeten Volksklasse bestrebt, es so kurz als nur 
irgend möglich zu bemessen. 

Viele hĂŒten wohl sechs bis acht Tage das Bett, aber die meisten 
Frauen stehen schon am 4. bis 5. oder 2. bis 3. Tage auf, ja nicht 
wenige verlassen liereits am Tage nach der Geburt oder unmittelbar 

TemŸ»viry, VolkubrÀuche. 7 


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nach der Ausstossung der Placenta, resp. nach dem Weggehen der Heb- 
amme das Bett 

Von einzelnen Gegenden sclireibt man, dass sich „manche Frauen 
gar nicht niederlegen“. 

AnderwÀrts steht die Frau am andern Tage auf und verrichtet 
schon ihre gewöhnliche Arbeit, wÀscht, kocht, badet das Kind, und geht 
nach zwei bis drei Tagen bereits melken, hacken, weissen u. s. w., „als 
wenn ĂŒberhaupt nichts geschehen wĂ€re“. 

Am dritten bis fĂŒnften Tage geht sie eventuell schon in die KĂŒche 
zur Einsegnung, wovon ĂŒbrigens noch die Rede sein wird. Es 
herrschen oft an ein und demselben Ort ganz verschiedene Ge- 
brÀuche, so dass es vorkommt, dass die eine Wöchnerin gleich nach 
der Geburt aufsteht, wÀhrend vielleicht die Nachbarin acht Tage lang 
das Bett hĂŒtet 


■„.). Erstes Bad der Wöchnerin. 

Interessant ist die Beleuchtung der Frage, wann die Frauen nach 
der Entbindung zum ersten Male baden. 

Die hierauf eingelaufenen Antworten verdienen auch von culturellem 
Standpunkte aus Beachtung. So besagt ein sehr grosser Theil der- 
selben, vielleicht ein Drittel der ĂŒberhaupt vorliegenden Antworten, 
dass sich in der betreffenden Gegend die Frauen niemals baden, da 
dies „nicht Sitte“, „nicht Mode“, „unbekannt“ u. s. w. ist Einige 
Hebammen berichten, dass sich die Frau „dann zum ernten und zum 
letzten Male in ihrem Leben badet wenn sie als neugeborenes Kind 
von der Hebamme gebadet wird“. Eme Hebamme schreibt dass sich 
in ihrer Gegend die Frauen nicht baden, es sei denn, dass sie einmal 
zufÀllig ins Wasser fallen, wÀhrend eine andere bemerkt dass sich eine 
jede Frau vor ihrer Verheirathung zum letzten Male badet. Die Antwort 
einer dritten Hebamme lautet dahm, dass die Frauen zum eisten Male als 
Neugeborene und zum zweiten Male nach dem Tode gebadet werden. 

Schon etwas fortgeschrittener sind die Leute dort wo man wenigstens 
von im Sommer genommenen BĂ€dern berichtet. So baden sich die 
Frauen an vielen Orten nach dem Schnitt resp. nach dem Treten. 

Im Somogyer Comitat glaubt man. dass, wemi sich die Frau 
wÀhrend ihrer Schwangerschaft oder ihres Wochenbettes badet ihrem 
KĂŒide „die Ohren Hiessen werden“. 

An einigen Orten lÀsst sich die GebÀrende nicht einmal waschen 
und wechselt auch wÀhrend ihres ganzen Wochenbettes keine WÀsche. 


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99 — 


In vielen anderen Gegenden pflegt sich dagegen die Frau sofort oder 
aber zwei bis drei oder zwölf Stunden nach der Geburt oder am nÀchst- 
folgenden oder am dritten Tage und dann hÀufig jeden Tag zu baden, 
ja in MezötĂŒr (JĂ€szer Comitat) nehmen die magyarischen Bauersfrauen 
sogar tÀglich zwei, und zwar gewöhnlich ziemlich warme BÀder. Zu- 
weilen fÀrbt sich das Wasser von dem vielen Blute dunkelroth. 

Auch im BĂ€cser Comitat baden die Frauen schon 5 — 6 Stunden 
nach der Geburt 

Bei den RumÀnen, speciell im Krassoer Comitat, nehmen die 
Frauen am zweiten oder dritten Tage nach der Geburt ein warmes Bad 
und trinken Wein, womit sie auch zugleich ihr Wochenbett beschlossen. 
Bis dahin jedoch liegen sie, wie wir gesehen haben, sammt der Placenta 
auf der Erde. Auch bei den Bulgaren in Vinga (Temeser Comitat) bleibt 
die Frau nach der Geburt zwei Tage lang auf der Eide liegen und 
badet sich hernach, womit auch bei ihr das Woehenliett zu Ende ist. 

Andere baden sich zum ersten Male am vierten oder am achten 
Tage nach der Geburt oder erst zwei, drei, vier bis fĂŒnf oder sechs 
Wochen (z. B. die JĂŒdinnen) oder sieben bis acht Wochen oder drei 
Monate danach. 

Interessant ist, dass sich im Abaujer Comitat die Frauen l>ei 
einer Knabengeburt zum ersten Male nach sechs und bei einer 
MĂ€dchengeburt nach acht Wochen baden, „da sich die GebĂ€rende 
nach einem Knaben schneller reinigt“. (Reniiniseenz an die Lehre 
Moses?) 

Bei den RumÀnen des Temeser Comitates thut man auch die 
Placenta ins Badewasser und badet damit die Frau am 4. Tage nach 
der Geburt 

Im Heveser Comitat badet die Wöchnerin jeden dritten Tag. 

Die Serbinnen des BĂ€cser Comitates legen sich, um dem Milch- 
fieber vorzubeugen, auf die Seite und nehmen vom dritten bis fĂŒnften 
Tage des Wochenbettes an tÀglich ein warmes Bad. 

40. Der erste Ausgaug. 

Der erste Ausgehtag der Wöchnerin schwankt ebenfalls innerhalb 
der weitesten Grenzen. 

Es giebt Frauen, welche gleich nach der Entbindung oder den 
Tag darauf aufetehen, ausgehen, ihre Arbeit verrichten u. s. w. 
Dann giebt es solche, welche am dritten Tage ausgehen, und sehr 
viele, welche am vielten oder fĂŒnften Tage das Haus verlassen, weun- 

7 * 


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schon die meisten erst am achten oder zehnten Tage ausgehen und die 
Kirche besuchen. Andere wieder verlassen das Haus erst nach zwei 
bis drei, eventuell sogar - vier bis sechs Wochen, doch kommt solches 
zumeist nur in den gebildeten und besser situirten Familien vor. 

Die meisten, gleichviel welcher Confession angehörenden Frauen 
gehen zuerst mit ihrem Kinde zur „Einsegnung“ (Introduetio mulieris 
post partum) in die Kirche, um Gott fĂŒr ihre glĂŒckliche Genesung 
Dank zu sagen und ihm den neuen WeltbĂŒrger vorzustellen. 

In einigen Gegenden geht die Frau schon am dritten oder vierten 
Tage zur „Einsegnung'*. 

Bei den SokĂ€czen des BĂ€eser Comitates hĂŒtet die Wöchnerin acht 
Tage das Bett und trÀgt sieben Wochen lang, bis sie nÀmlich nicht 
in die Kirche geht, einen blauen Rock (Jank 6). 

Bei den Matyds des Borsoder Comitates bleibt die Frau nach der 
Entbindung ein bis zwei, eventuell auch drei Wochen im Bett liegen, 
darf aber vor vier Wochen absolut nicht aus dem Hause gehen. Nach 
Ablauf dieser Zeit geht sie mit dem Kinde zur Einsegnung in die 
Kirche. 

Wenn bei den Slowaken des Liptöer Comitates die Wöchnerin 
vor der Einsegnung das Zimmer verlÀsst, so legt man ihr Sandalen auf 
den Kopf oder begiesst sie mit kaltem Wasser (Medvecky). 

Im Somogyer Comitat gehen die katholischen Frauen mich acht 
bis vierzehn Tagen, die reformirten erst nach vier bis fĂŒnf Wochen 
post partum zur Einsegnung in die Kirche. 

Im BĂ€eser Comitat gehen die Serbinnen am achten Tage in die 
Kirche zur „Korosma“, nach welchem die weiblichen Verwandten zu 
einem Festgelage Zusammenkommen; auch die Ungarinnen gehen schon 
am sechsten bis achten Tage in die Kirche. 

Im Heveser Comitat geht die Frau am vierzehnten Tage mit ihrem 
Kinde in die Kirche. 

Nach der Taufe des Kindes, welche von der Einsegnung unab- 
hĂ€ngig ist und dieser immer vorangeht, giebt es fast ĂŒberall grosses 
Reinemachen. Das Haus wird frisch geweisst, grĂŒndlich gereinigt und 
mit Weihwasser besprengt. 

Bei den SzÀklern dauert das Wochenbett, d. h. das Darinsitzen, 
gewöhnlich zwei Wochen. Nachdem diese verstrichen sind, geht die 
Frau in Begleitung ihrer Mutter oder einer anderen Àlteren weiblichen 
Person in die Kirche, opfert dort der heiligen Jungfrau Maria eine 
Wachskerze und lÀsst die mitgebrachten Speisen und GetrÀnke vom 


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Pfarrer weihen. WÀhrend der nÀchstfolgenden drei Tage darf sie 
sich nur mit diesen nÀhren. Dies bildet sozusagen den Abschluss der 
Reinigung. Ihren stÀndigen Arbeiten darf die Frau erst nach Ablauf 
jener Zeit wieder nachgehen. 

Bei den Hetfaluer CsÀngds vertheilt die Frau beim ersten Aus- 
gange unterwegs Kuchen. 

Bei den Erdelyer Sachsen geht die Frau in Begleitung der Mutter 
oder der Hebamme (Amtfrau) in die Kirche und legt dort eine Wachs- 
kerze, einen Groschen und ein Brod auf den Altar nieder. Bis dahin 
darf sie nicht einmal die Schwelle ihres Hauses ĂŒberschreiten. 

Bei den Karpathen-Zigeunern macht die ,, Zauberin“, wĂ€hrend die 
Wöchnerin ihr Kind in der Kirche taufen lĂ€sst vor der HĂŒtte oder 
dem Zelt ein kleines Feuer an mit StechĂ€pfeln, ĂŒber welches die Frau 
nach der Heimkehr mit ihrem Kinde auf dem Arm hinwegschreiten 
muss, damit ihre Milch wÀhrend des StillgeschÀftes nicht versiege. 

Hinsichtlich des Zeitpunktes des ersten nach der Geburt zulÀssi- 
gen Beischlafes steheu mir wenig Daten zur VerfĂŒgung. Bei den 
Juden ist derselbe, wie erwÀhnt, erst sechs Wochen nach der Entbin- 
dung, resp. nach dem ersten rituellen Bade, gestattet 

Bei der intelligenteren Klasse ist bekanntlich das Ende der fĂŒnften 
oder die sechste Woche der Zeitpunkt des ersten Coitus. In Nagy- 
BÀnya (SzatmÀrer Comitat) ist der Coitus drei Monate lang verboten. 
Im BĂ€cser Comitat hinwieder wird schon am siebenten Tage nach der 
Einsegnung, also am vierzehnten bis fĂŒnfzehnten Tage p. p. coitirt. 

Von anderen GebrĂ€uchen ist noch anzufĂŒhren, dass die Wöch- 
nerin sechs Wochen lang nach keinem Leichenzug blicken darf, weil 
sonst im nÀchstfolgenden Jahre ihr Mann stirbt (KÀrmÀn). 

Im Somogyer Comitat pflegt beim eisten Ausgehen, welches vier 
Wochen nach der Geburt statttindet, das in ein Polster eingewickelte 
Kind die Àlteste Frau des Dorfes in ihrem Schooss zu halten. Dann 
drĂŒckt die Mutter dreimal ihre Fusszehen auf den Mund ihres Kindes, 
indem sie glaubt, dass sie auf diese Weise, so lauge sie stillt, ihre 
Periode nicht bekommen und wÀhrend dieser Zeit auch nicht schwanger 
werden wird. 


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VII. Das SÀugegesehÀft. 

41. Entwickelung der BrĂŒste. 

BezĂŒglich der Entwickelung der BrĂŒste war es naturgemĂ€ss 
sehr schwierig, genaue Daten zu sammeln. Von den meisten Gegenden 
hat man mir von gut oder mittelmĂ€ssig entwickelten BrĂŒsten berichtet. 
Selm gut entwickelte BrĂŒste sollen die Frauen im Brassöer, Pester, 
Temeser, Krassöer, Bereger und BÀcser Comitat, schlecht entwickelte 
BrĂŒste im Szepeser, Hajduer, Zölyomer, Pozsonyer, Ugocsaer, Mosonyer, 
Barser und auch Pester, sowie BĂ€cser Comitat haben. 

In den sĂŒdlichen Comitaten scheinen die Frauen im Allgemeinen 
grössere BrĂŒste zu haben, wĂ€hrend man in den nördlichen Comitaten 
im Durchschnitt kleinere BrĂŒste antrifft. In vielen Berichten wird 
darĂŒber geklagt, dass die Entwickelung der BrĂŒste und besonders der 
Brustwarzen durch die engen Taillen und Mieder sehr gehemmt wird. 
So bleiben in demjenigen Theile des Trencsener Coinitates, wo von 
den Slowakinnen anstatt des weiten Hemdes der enge „Rubac“ ge- 
tragen wird, die BrĂŒste und Brustwarzen in ihrer Entwickelung zurĂŒck. 
Beim „Rubac“ (ein das Hemd und den Unterrock in sich vereinigen- 
des enges KleidungsstĂŒck) ist es namentlich der obere, „Oplecko“ ge- 
nannte Theil, welcher den Brustkasten und die Magengegend ausser- 
ordentlich einzwÀngt 

Gut entwickelte BrĂŒste haben im Allgemeinen die sĂ€chsischen, 
serbischen, kroatischen und theilweisc die magyarischen Frauen. Von 
den Frauen deutscher NationalitÀt haben die jenseits der Donau woh- 
nenden und die SĂŒchsiimen gut, die in SĂŒdungam wohnenden Deutschen 
jedoch schlecht entwickelte BrĂŒste. 

Die RumÀninnen und Slowakinnen besitzen sozusagen durchgÀngig 
kleine verkĂŒmmerte BrĂŒste. 

Im BĂ€cser Comitat haben die Ungarinnen gut entwickelte BrĂŒste, 
wĂ€hrend die BunyevĂ€czinnen, die von der frĂŒhesten Jugend an eng 
gekleidet gehen, nur schwach entwickelte BrĂŒste haben (VĂ€li). 


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Im Csiker Comitat haben die Szeklerinnen schlaffe, die Armenie- 
rinnen strotzende, die Magyarinnen, RumÀninnen und die CsÀngö- 
Frauen gut entwickelte BrĂŒste. 

Der grösste Theil der Frauen ist ĂŒbrigens, wenigstens einige Monate 
lang, im Stande, selbst zu stillen. Ammen kennt man nur in grösseren 
StÀdten. In der Provinz gewöhnt man das Kind, wenn die Frau wenig 
Milch hat, so frĂŒh wie möglich an gemischte Nahrung, oder nĂ€hrt es von 
vornherein ausschliesslich kĂŒnstlich auf. Die meisten ledigen MĂŒtter gehen 
in die Stadt als Ammen und lassen ihr eigenes Kind entweder zu Hause 
hei den Grosseltern oder geben es in die Ammenpflege. Das dieser zu 
entrichtende Pflegegeld ist bekanntlich wesentlich geringer (monatlich 
6 — 8 Gulden) als der Verdienst, den sie selbst als Ammen haben 
(15 — 20 Gulden). 

42. Erstes Anlegen des Kindes. Colostrum. 

WĂ€hrend der ersten Stunden nach der Geburt unterlĂ€sst die Frau fĂŒr 
gewöhnlich noch das Stillen. In einigen ungarischen Gegenden (Pester, 
Somogyer, Baranyaer, Heveser Comitat), sowie bei den Bulgaren und 
RumÀnen reicht man dem Kinde so lange nicht die Mutterbrust, bis 
es nicht getauft ist. Bei den Bulgaren, RumÀnen, Matyos trÀgt man 
das Kind aus diesem Grunde sofort nach der Geburt (oder, wenn es 
des Abends geboren wurde, am anderen Morgen) zur Taufe. Die Un- 
garn lassen das Kind in der Regel erst nach zwei bis drei Tagen 
taufen und reichen ihm erst dann die Mutterbrust. Auch bei den 
Serben und BunyevÀczen des Bdcser Comitates werden die Kinder 
bis zur Taufe nicht gesĂ€ugt, weil sie bis dahin fĂŒr ,, unrein“ gehalten 
werden (VĂ€li). 

An vielen Orten stillt man das Kind wÀhrend der ersten Tage 
deshalb nicht, weil die erste Milch (Colostrum, Biestmilch, Hexenmilch 
|auch im Ungarischen so genannt]) fĂŒr schĂ€dlich gehalten wird. 

Manche meinen zwar ganz richtig, dass der Genuss des Colostrums 
wohlthÀtig auf das Kind wirkt, weil es ihm die GedÀrme reinigt, und 
diese stillen auch die Kinder bereits am ersten Tage. Die Meisten 
hingegen sind anderer Meinung, indem sie die erste Milch fĂŒr schĂ€d- 
lich halten (entweder fĂŒr das Kind oder fĂŒr die Mutter oder fĂŒr 
Beide). Diese glauben auch, dass die gelbe Farbe des Colostrums von 
Eiter herrĂŒhre, und halten es aus diesem Grunde fĂŒr schĂ€dlich, „giftig“; 
im JĂ€szer Comitat nennt man es „gesaigerte Milch“. Andere wieder 
meinen, das Colostrum enthalte zu viel Wasser, und bezeichnen es 


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als „hĂ€ssliche“, d. i. behexte Milch, Hexenmilch (BĂ€cser, Pester Comitat). 
Diese Eigenschaften — sagt man — verursachten dem SĂ€ugling Diarrhoe, 
Bauchgrimmen. Erbrechen. Nach der Ansicht Anderer wieder macht 
der Genuss des Colostrums das Kind nicht nur fĂŒr eine Zeit, sondern 
fĂŒr immer krank. 

Einige halten das Aussaugen des Colostrums durch das Kind auch 
fĂŒr die Mutter fĂŒr schĂ€dlich, indem sie glauben, dass dies der Stillen- 
den heftige Nachwehen verursache (RumÀnen des TorontÀler Comitates). 
Diese Beobachtung ist an mul fĂŒr sich nicht unzutreffend, insofern 
die auf die Brustwarzen ausgeĂŒbten Saugbewegungen bekanntlich that- 
sĂŒchlich reflectorisch Uteruscontractionen auslösen. Unrichtig ist nur 
die Schlussfolgerung, denn, wie wir wissen, sind die Nachwehen nur 
schmerzhaft, aber nicht gefĂ€hrlich, sondern im Gegentheile nĂŒtzlich. 

FĂŒr die Mutter hĂ€lt man ĂŒbrigens das Colostrum auch deshalb 
fĂŒr schĂ€dlich, weil es Fieber verursache, das der Frau in den Kopf 
steigt (Muraköz). 

Den SĂ€ugling schĂŒtzt man in der Weise vor dem schĂ€dlichen 
EinflĂŒsse der ersten Milch, dass man diese vom Manne oder von den 
Angehörigen aussaugen lĂ€sst, oder sie — was in den meisten FĂ€llen 
geschieht — einfach aus den BrĂŒsten melkt. 

43. Stillen durch fremde Frauen. 

Dort, wo das Stillen mit Colostrum fĂŒr schĂ€dlich gehalten wird, 
giebt man dem Kinde wÀhrend der ersten Tage entweder Theo, be- 
sonders Camillenthee zu trinken, oder lĂ€sst es — und zwar in der 
Mehrzahl der FĂ€lle — von einer anderen Frau, wie von der Gevatterin, 
einer Verwandten oder Nachbarin stillen. Man nennt dies „Leihstillen“. 

In einigen Gegenden ist die Anschauung verbreitet, dass es 
fĂŒr das Kind desto besser ist, je mehr Frauen sich an diesem 
menschenfi’eundlichen Werke l>etheiligen. An manchen Orten wird 
das neugeborene Kind von der „ganzen Strasse“ gestillt. Auch im 
BĂ€cser Comitat stillen manchmal in den ersten Tagen 7 — 8 Frauen 
(Gevatterin und Verwandte) ein Kind. Im Pester Comitat (Uj-HartyÀn) 
stillt gewöhnlich eine solche Verwandte das Kind, mit der man sich 
gezankt hat, w r orauf dann die Aussöhnung folgt. 

Desgleichen wird das SÀugegeschÀft auch dann von einer Nachbars- 
frau ĂŒbernommen, wenn die Mutter durch Krankheit oder anderweitige 
BeschÀftigung am Stillen verhindert ist 


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Das Erbrechen nach dem Stillen wird nicht mit Unrecht gĂŒnstig 
beurtheilt. Speikinder, Gedeihkinder“. 

Das Stillen geschieht beim Volke nicht in bestimmten ZeitrÀumen. 
So oft das Kind weint, hat man nichts Eiligeies zu thun, als es an 
die Brust zu legen, ja die Mutter schlÀft des Nachts daliei gewöhn- 
lich ein und lÀsst die Brustwarze im Munde des SÀuglings, damit 
dieser ruhig schlafe. 

An vielen Orten leckt die Frau vor jedem Stillen die Brustwarze 
an, oder befeuchtet sie mit ihrem Speichel, damit, falls vielleicht Jemand 
ihre Brust behext haben sollte, die Milch dem Kinde nicht schade. 

44. KĂŒnstliche ErnĂ€hrung. 

Die Muttermilch bildet ĂŒbrigens fast in ganz Ungarn nur einige 
Wochen lang die ausschliessliche Nahrung des SĂ€uglings. Oft bekommt 
das Kind schon vom zweiten oder dritten, meistens jedoch vom vierten 
bis fĂŒnften Monate, anderwĂ€rts wieder schon von der zweiten oder 
dritten Woche an ausser der Muttermilch auch kĂŒnstliche Nahrung. 
Der Grund hierfĂŒr liegt theils in einer anderweitigen BeschĂ€ftigung der 
Mutter, theils auch in dem Glauben, dass sich das Kind von der Milch 
allein nicht genĂŒgend entwickeln kann und dass dasselbe zu seiner 
KrÀftigung auch compacterer Nahrungsstoffe bedarf 

Wenn die Mutter beschÀftigt ist oder das unruhige Kind be- 
sÀnftigen will, so steckt sie ihm den bekannten Z umn iel (Zuller, 
Zutzel u. s. w.) in den Mund. Dieser besteht aus einem in ein StĂŒck 
Zeug oder Gaze eingewickelten Brei, von in Zuckerwasser oder KĂŒmmel- 
wasser oder Milch aufgeweichter Semmel oder Brod, gezuckerter Butter- 
semmel oder in Branntwein getauchter Semmel oder Manna oder Brod 
und Speck oder Mehl und Gries oder Brod, Zucker und KĂŒmmel oder 
irgend einem anderen gezuckerten Brei, welchen die Mutter gewöhnlich 
erst ordentlich zerkaut, bevor sie ihn dem Kinde in den Mund steckt. 

Den Zummel lÀsst man dem SÀugling in der Regel auch Stunden 
lang im Munde. Im Temeser Comitat befestigt man ihn an der Wiege, 
so dass sich derselbe stets in der NĂ€he des Mundes des Kindes be- 
finde. Im Arader Comitat bindet man den zerkauten zuckerigen 
Semmelbrei in den einen Zipfel eines grossen Leinentuckes und breitet 
dieses dann auf das Bett aus, damit so der Zummel dem Kinde nicht 
in der Kehle stecken bleibe. 

Von diesen Nahrungsmitteln wirken die in Branntwein aufge- 
weichten Semmel- und BrodstĂŒckchen auch direct schĂ€dlich wegen 


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der deletÀren Wirkungen, die der Alcohol auf das Centralnervensystem 
der SĂ€uglinge bekanntlich ausĂŒbt. 

Von solchen idcoholgetrÀnkten Zunimebi wird mir aus dem Szat- 
mĂ€rer, Borsöder und namentlich BĂŒcser Comitat berichtet. Manchmal 
verabreicht man ĂŒbrigens dem unruhigen SĂ€ugling so viel Braimtwein, 
dass er davon „betrunken wird“. Ich muss bemerken, dass in Betreff 
des Alcoholconsums der SĂ€uglinge die mir vorliegenden Mittheilungen 
nur lĂŒckenhaft sind, da ich diesbezĂŒglich keine besondere Frage stellte. 
Auch des Gebrauchs des Absudes von Mohnköpfen wird in einigen 
Berichten ErwÀhnung gethan. 

Zur kĂŒnstlichen ErnĂ€hrung verwendet man sonst in erster Linie 
Kuhmilch und giebt diese dem Kinde entweder mit dem Ixiffel oder 
aus dem Glase. Im Anfang lĂŒ&st man das Kind die Milch mit Vor- 
liebe mit Camillenthee vermengt gemessen. 

Tm BÀcser Comitat nÀhrt man das Kind mit Schafmilch. 

Als Glas wird entweder eine mit dem gewöhnlichen langen Gummi- 
schlauch oder mit einem kurzen Gummisauger versehene Flasche oder 

aber irgend eine andere, even- 
tuell Medicinflasche, verwen- 
det, ĂŒber deren oberes Ende 
ein GummimundstĂŒck gezogen 
wird. 

Im Csiker Comitat ge- 
braucht man einen schwarzen 
Steinkrug. Derselbe hat am 
Henkel eine kurze Bohre, aus 
welcher das Kind die Milch 
schlĂŒrft (Fig. 1). 

Ausser Milch giebt man 
dem SĂ€ugling schon in den 
ersten Monaten, an vielen Orten 
sogar bereits in den ersten 
Wochen, compactere Nahrung, 
wie besonders: Mehl-, Hirse-, 
Griesbrei, Gries, Himmelthau, 
in Milch gekochte Semmel, 
Kipfel oder Brod u. s. w. 

Im Bekeser Comitat sind „Eierbretzel“ eine beliebte Speise. An 
manchen Orten gebraucht man bei den in besseren VerhÀltnissen Leben- 



Fig. 1. Schwarzer Milchkrug. 
Csiker Comitat. 


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den auch das Nestle’sche Kindermehl. In der Hauptstadt findet dieses 
kaum mehr Verwendung; da sind hei der kĂŒnstlichen ErnĂ€hrung zu- 
meist sterilisirte Milch (Soxhlet), pasteurisirte Milch und die GĂ€rtnerische 
Fettmilch in Verwendung. 

An vielen Orten lÀsst man das Kind schon im zweiten oder dritten 
Monate alles Mögliche gemessen und nÀhrt es fast mit eben denselben 
Speisen und GetrÀnken, von welchen Erwachsene leben. 

Im Vaser Comitat giebt man dem Kinde, wenn es zwei bis 
drei Wochen alt ist, viel Wasser zu trinken, damit es zeitig zu 
sprechen anfange. 

45. Galactogoga und verschiedene Verfuhren zur Förderung 
der Milehsccretion. 

Der eigentlichen Milchabsonderung, welche fĂŒr gewöhnlich am 
dritten bis fĂŒnften Tage des Wochenbettes eintritt, ferner des bis dahin 
abgesonderten Colostrums, sowie des eventuellen, mit der eigentlichen Milch- 
absonderung zusammenfallenden und daher fĂ€lschlich als „Milchfieber“ be- 
zeichneten Wochenbettfiebers habe ich bereits gedacht. Hier will ich mich 
nur ĂŒber die Verfahren verbreiten, welche man anwendet, um den Eintritt 
der Milchabsonderung zu l>eschleunigen, sie im Falle der Abnahme zu 
steigern oder im Falle gÀnzlichen Versiegens wieder in Gang zu bringen. 

An erster Stelle stehen hier die verschiedenen als Galactogoga 
geltenden Speisen. GetrÀnke und Hausmittel. 

Als milchmachende Speisen und GetrÀnke werden folgende genossen : 
rohe «aler in Fett gebratene Zwiebeln (welche man an manchen Orten 
in der Kirche essen zu mĂŒssen glaubt, damit sie von Nutzen seien), 
viel Mehlspeisen, namentlich Mohnmehlspeise; Wein, Bier, Branntwein, 
eventuell mit KĂŒmmel, oder KĂŒmmel allein; Brod und NĂŒsse; Bohnen; 
aus einem Ameisenhaufen aufgelesene Ameisen auf Brod geschmiert 
(CsanĂŒder Comitat), Kartoffeln, Kraut, gebratene KĂŒrbiskeme, Mais- 
brod. gerösteter Mais, Maisknödel. Mehlbrei, in Wasser gekochtes Mais- 
mehl mit irischer Butter, Dillsamen in Milch, oder Dilldecoct, Schwefel- 
blumen (Flores suliuris) in Milch (Szekler), gestossener Mohn u. s. w. 
Man isst auch verschiedene Suppen, wie Linsen-, Bohnen-, Hanf-, 
KĂŒmmel-, Kartoftelsuppe und trinkt ferner Salzwasser oder fettiges 
Wasser aus einem Kochtopf. 

Einige bevorzugen saure Speisen (wahrscheinlich deshalb, weil sie 
danach mehr trinken mĂŒssen), andere dagegen SĂŒssigkeiten. 

Ein l>eliebtes Galaetogogum war in frĂŒherer Zeit die Pimpinella 


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saxifraga, von welcher Csapö (Neuer Ungarischer KrÀuter- und Blu- 
mengarten. Pozsouy 1775) schrieb, dass „diejenige Amme, welcher die 
Milch versiegt, und die von dieser Pflanze etwas im Busen trĂŒgt, in 
sechs Stunden so viel Milch bekomme, dass sie gezwungen ist, das 
Kraut wegzuwerfen“. 

Man isst auch noch ohne Salz gebratene Quappen (Hajduer Co- 
mitat), sauersĂŒssen „Czibere“ (ein Mischmasch von Essig. Wasser. Brod 
und Zucker), und geniesst ferner den Absud von ofiicinellem Stein- 
samen (Semen milii solis) und Weinrebe, Weinpilze (Jaszer Comitat), 
Milchkraut (Lerchenkraut; Polygala vulgaris) in Branntwein aufgeweicht 
(auch im .JĂ€szer Comitat), „Milchpulver" (Saccharum 1 actis) (Brassöj. 

Die Slowakinnen des Trencsener Comitates trinken viel Bier oder 
mit Anis oder Eigelb vermengte Milch, und essen viel KĂŒmmelsuppe 
u. s. w. Bei ihnen und anderwĂ€rts ist auch die Massage der BrĂŒste 
ein beliebtes Verfahren. 

Im Barser Comitat isst man auf der Bodenstiege RĂŒhreier, in an- 
deren Comitaten (Baranyaer, Bekeser, Borsoder Comitat) Weissbrod 
oder Pogatscherln mit Muttermilch gebacken. 

Saure Speisen trocknen angeblich die Milch ein. 

In Szabadka wird das plötzliche Versiegen der Milch fĂŒr ein 
schlechtes Zeichen angesehen, da dies den baldigen Tod des Kindes 
Vorhersage; „das Kind stirbt, bedarf keiner Milch mehr". Ursache und 
Wirkung werden hier in traurig-naiver Weise vertauscht 

Schliesslich möchte ich hier noch erwÀhnen, dass es den sÀugen- 
den JĂŒdinnen in lHiheren Zeiten verboten war, Gurken. Melonen, 
Lauch, Zwiebel und Knoblauch zu essen.*) 

Was die Localbehandlung der BrĂŒste anbelangt so wird die 
Secretionsvennehrung zumeist mit wannen Kataplasmen erstrebt; eine 
mit heissem Wasser gefĂŒllte Flasche (Alsd-Fohdrer Comitat), ein warmer 
Korb (Udvarhelyer Comitat), gewÀrmte MetallgegenstÀnde, wanne Um- 
schlĂ€ge, talgige und fettige Lappen, FliedergrĂŒn (Pozsonyer Comitat), 
vom Hausdache heruntergeklaubtes Moos oder Malven, Zwiebeln wer- 
den applicirt; Absud von wilden StiefmĂŒtterchen { Borsoder Comitat) 
oder einfacher Wasserdampf wird auch angewendet 

Man lÀsst auch . die Milch von einem Àlteren Kinde durch die 

*) Diese» Verbot ist im Midrasch enthalten und stĂŒtzt sich auf Moses Pen- 
tateuch, Buch IV, Cap. XI, 5. Wie dieser Passus auf stillende Frauen bezogen 
wird, konnte ich nicht ermittoln. 


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Oeffnung eines schwarzen Steinkruges (Csiker Comitat) aus den BrĂŒsten 
saugen. Oft gebraucht man das Àltere Kind irgend einer Nachbarin oder 
Verwandten auch zur directen Aussaugung der BrĂŒste (Deutsche und 
Ungarn des Arader, BÀcser, SzilÀgyer, KomÀromer, Feherer, Tolnaer Corni- 
tat Muraköz), oder lÀsst letztere von MÀnnern (Miuaköz) oder von einer 
anderen Frau (BĂ€cser Comitat), welche sich eventuell eigens damit be- 
fasst (Muraköz), aussaugen. Die Serben des BÀcser Comitates bedienen 
sich zu diesem Zwecke eines jungen Hundes. Im Ugocsaer Comitat 
verwendet man dazu ausser kleinen Hunden auch Zigeuner. Auch das 
Melken hĂ€lt man fĂŒr zweckmĂ€ssig, oder man steckt die Brustwarze in 
ein langes, breithÀlsiges Glas und lÀsst sie so lange darin, bis die Milch 
abzutropfen beginnt (Barser Comitat). 

Bei den Bulgaren nimmt die Frau am dritten Tage ein warmes 
Bad, weil sie glaubt, dass ihr so lange keine Milch komme, bis sie 
sich nicht gebadet habe. 

Schmierungen sind an vielen Orten (Pester, Gömörer. Heveser 
Comitat) gebrÀuchlich. Tm Gömörer Comitat nennt man das Schmie- 
ren der BrĂŒste „Brechen der BrĂŒste“. 

Man streicht und reibt die BrĂŒste mit dem Schild einer Schild- 
kröte (Unger Com.) oder einem Sensen sehleifetein (Barser Comitat). 
Im Nagy-KiikĂŒllöer Comitat lassen sich die Frauen den RĂŒcken massi- 
ren (auf deutsch: „ziehen“ — rumĂ€nisch: „traghe“). 

Es ist selbstverstÀndlich, dass, um den Eintritt der Milchabsonde- 
rung in den ersten Tagen des Wochenbettes zu beschleunigen, auch 
allerlei aberglÀubische GebrÀuche herangezogen werden. 

So legt man unter Anderem einen Schnitt Brod wÀhlend einer 
ganzen Nacht auf die Dachrinne, damit Thau darauf falle; des Mor- 
gens hat es dann die Frau aufzuessen; dieselbe muss sich ausserdem 
eventuell noch ĂŒber den Brunnenkranz beugen und so Wasser trinken 
(SzatmÀrer, JÀszer Comitat). In einigen Gegenden muss dies um Mitter- 
nacht geschehen. 

Oder es wird ein StĂŒck gerösteten Brodes und ein Glas Wasser 
die Nacht ĂŒber auf die Dachrinne gegeben. Hat dann der Mor^enthau 
ersteres benetzt, so steigt die Wöchnerin mittelst einer Leiter auf das 
Dach, isst das Brod auf und trinkt das Wasser aus (Hajduer Comitat). 

Im Csiker Comitat bekreuzigt sich die Wöchnerin neunmal vom 
Kopf nach den FĂŒssen zu und wirft neunmal einen Stein von links 
nach rechts ĂŒber die BrĂŒste hinweg. 

In Nagy-Szeben (Szebener Comitat) stellen die RumÀnen der Frau 


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eine „Kupa“ (Trinkgeschirr) Wasser auf den Kopf, welche diese so lange 
hin und her schĂŒttelt, bis sich deren Inhalt ganz entleert hat wobei sie 
sagt: „So wie das Wasser in die Quelle zurĂŒckfliesst, so komme auch 
die Milch.“ In Brassö beschwört der rumĂ€nische Pope die BrĂŒste und 
begiesst sie mit Weihwasser. Bei den RumĂ€nen ist ĂŒbrigens Be- 
schwören und Beten das Hauptgalactogogum (Krassö-Szörenyer Comitat). 

AnderwÀrts springt die Frau in eine mit warmem Wasser ange- 
fĂŒllte Wanne und steigt aus derselben rasch wieder heraus, worauf 
ihr auch die Milch kommt, oder sie urinirt ĂŒlier einen Besen (MĂ€r- 
maroser Comitat). 

Am Tage nach der Geburt höhlt die Frau auf der Erde, wo sie, 
entbunden hat. ein Loch aus, giesst einen Deciliter Branntwein hinein 
und schlĂŒrft diesen, auf dem Bauche liegend, auf (Pester Comitat). 

Die Hebamme hÀlt solches Brod in Bereitschaft, welches sie am 
Abende vor dem Sanct Georgstage auf das Dach des Hauses gelegt 
hatte, und giebt davon der Wöchnerin zu essen (Bekeser Comitat). 

Ein Waschbrett wird durchlocht und die Frau muss dasselbe vor 
Sonnenaufgang auf dem Kopfe zu einem fliessenden Wasser tragen, 
dort das Brett querlegen und aus dem erwÀhnten Loche mittelst eines 
Rohres aus dem Wasser des Baches trinken; dann muss sie nach 
Hause gehen und drei StĂŒck Zwiebeln verzehren (Somogyer Comitat). 
Oder die Frau schĂŒttet ein wenig Milch auf ein StĂŒck geröstetes Brod, 
legt es auf einen nassen MĂŒhlstein und verzehrt es dann in feuchtem 
Zustande (Muros-Tordaer Comitat). 

Man hĂ€lt auch zwei mit Wasser gefĂŒllte KrĂŒge an den RĂŒcken 
der Frau und reibt ihn mit ihnen (Szolnoker Comitat). Ferner saugt 
man Stroh, welches zum Scheuern verwendet wurde (Barser Comitat). 

In JĂ€szbereny (JĂ€szer Comitat) werden mit der Milch einer solchen 
Frau, welche viel Milch besitzt, Pogatscherln gebacken, und diese werden 
dann der Wöchnerin zu essen gegeben. Im Huuyader Comitat besteht 
unter den magyarischen Arbeiterfrauen und den JĂŒdinnen der Brauch, 
eine Zwiebel entzwei zu schneiden, tĂŒchtig zu salzen und bei einer Quelle 
drei Tilge lang unter einem im Wasser befindlichen Stein zu verstecken 
und sie dann zu essen. 

Im Fogaraser Comitat lÀsst man sich von drei Nachbarn Milch 
geben, die dann die Wöchnerin austrinken muss. Im Borsoder Comitat 
melkt die Frau etwas Milch auf die Eide und tritt barfuss darauf. 
Unter einen Nussbaum darf sich die Stillende nicht stellen, denn der 
Geruch desselben macht die Milch versiegen (Ugocsaer Comitat). 


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Bei den SokÀczen hat die Mutter heim ersten SÀugen ein mit 
Wein gefĂŒlltes Glas in der Hand, wĂ€hrend ihr eine Verwandte in 
einem Sieb Brod ĂŒber den Kopf hinhĂ€lt, damit das Kind in seinem 
Leben glĂŒcklich und reich sei. Wenn die Mutter nicht genug Milch 
hat. so nimmt sie eine kleine mit Wasser angefĂŒllte Flasche in ihre 
rechte Hand, steckt sich je ein kleines Weissbrod unter die Achsel- 
höhlen und schleicht sich so vor Sonnenaufgang vor das Fenster eines 
von einer Stillenden bewohnten Hauses. Wenn diese dann bei Sonnen- 
aufgang ihr Kind an die Brust legt und die betreffende Mutter dies 
durch das Fenster hindurch sieht, so trinkt diese das Wasser auf drei 
Schluck aus und lÀuft, die Weissbrödchen in der Richtung gegen Osten 
von sich wegschleudernd, davon. Auf solche Weise wird sie Milch 
bekommen, wohingegen der anderen Frau die Milch versiegen wird. 
Aus diesem Grunde wird es nicht fĂŒr rathsam gehalten, das Kind des 
Morgens in einem Zimmer zu stillen, dessen Fenster nicht verhÀngt sind. 

Damit die Wöchnerin viel und gute Milch bekomme, kniet sie am 
ersten Freitag Morgen nach dem Verlassen des Wochenbettes vor einem 
Strauch nieder und reisst von diesem l>ei Sonnenaufgang mit ihrem Munde 
drei Aeste ab, welche sie dann kocht, um die BrĂŒhe davon drei Morgen 
hintereinander auf nĂŒchternen Magen auszutrinken. An den Abenden der- 
selben Tage vergrÀbt sie den Kotb des Kindes unter denselben Strauch. 

Wenn Jemand mit einem Wolfsrachen dem Kind in den Mund 
blĂ€st, so versiegt der Mutter die Milch fĂŒr alle Zeiten. Es giebt 
böse Menschen, die der Stillenden am Freitag eine Speise anbieten, 
in welche sie die verbrannten Haare eines schwarzen Katers hinein- 
gerĂŒhrt liaben. Geniesst die Mutter von einer solchen Speise, so 
verweigert der SĂ€ugling fortan die Brust, magert ah und stirbt, 
wenn man das Uebel nicht rechtzeitig herausfindet In einem 

solchen Falle muss man das Kind in Schaf- oder Kuhmilch baden und 
damit auch nÀhren, worauf es am Leben bleibt und ihm die böse Ab- 
sicht der betreffenden Person zum Nutzen gereicht, da es „so stark und 
ausdauernd wie ein Wolf sein wird“ (v. Wlislocki). 

In den verschiedensten Gegenden des Landes hÀlt das Volk da- 
ran fest, dass der Frau die Milch hauptsÀchlich dann versiegt, wenn sie 
im Wochenbett von einer Flau, namentlich von einer Stillenden be- 
sucht wurde, und diese „ihr die Milch weggetragen hat“, „die Milch 
auf sie ĂŒbergegangen ist“, „an ihr haften geblieben ist". In manchen 
Gegenden wird auch die Concurrenzhebamme beschuldigt, die Milch 
„verzehrt zu haben“ (Hajduer Comitat). 


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Gegen das Versiegen aus dieser Ursache sind die verschiedensten 
Verfahren im Gebrauch. Prophylaktisch glaubt sich die Wöchnerin so 
zu schĂŒtzen, dass sie Niemandem gestattet, sich auf ihr Bett 
zu setzen, auch einem Manne nicht, denn selbst auf einen sol- 
chen ..kann die Milch ĂŒbergehen“. Und wenn die Wöchnerin von 
einer anderen stillenden Frau besucht wird, so muss diese ein wenig 
Milch von sich auf ersten- oder auf deren Bett, resp. auf dessen Vorhang 
(Zelt) spritzen, „von der Milch opfern“ (RumĂ€nen), und wenn die be- 
treffende Frau fortgegangen ist, muss sich die Wöchnerin sofort aut 
ihren Platz setzen. Aufgepasst muss werden, dass der Besucher nichts 
aus dem Zimmer, besonders vom Tisch forttrÀgt (SzatmÀrer Comitat). 
„Auf eine Stillende, die keine Milch, werfe deine Blicke nicht“ sagt 
ein ungarisches Sprichwort. 

WÀhrend der drei ersten Tage des Wochenbettes, bis nÀm- 
lich die Milchabsonderung nicht begonnen hat darf nichts aus dem 
Hause gegeben weiden, weder Mich noch irgend welches Geschirr, 
oder Wasser, weil mit dem aus dem Haus gegebenen oder verborgten 
GegenstÀnde auch die Muttermilch weggetragen wird. Nach Sonnen- 
untergang darf man auch noch spÀter nichts aus dem Hause geben. 
Eine menstruirende Frau darf der Wöchnerin keinen Besuch abstatten. 

Alle diese Verbote dauern besonders so lange, bis die Wöchnerin 
nicht in der Kirche war. 

Im Csiker Comitat reisst das die Wöchnerin besuchende Weib 
aus seinem Kleid oder seinem Tuch einige FĂ€den heraus, wild dieselben 
auf das Bett und sagt dabei: „Ich brauche weder ihre Milch noch 
sonst etwas von ihr.“ 

Ist das „UnglĂŒck“ schon geschehen, so wird, wenn man darauf 
kommt, wer diejenige sein konnte, die die Frau liehext liat diese 
zurĂŒckgerufen, damit sie ihr (der Wöchnerin) ein paar Tropfen Milch 
aufs Bett melke (Hajduer Comitat); oder man bÀckt mit der Milch 
des die Wöchnerin 1 «-suchenden Weibes Pogatscherln und lÀsst diese 
die eine HĂ€lfte derselben ausserhalb der Schwelle der Wochenstube, 
die andere HĂ€lfte im Zimmer verzehren (Hajduer Comitat); oder giebt 
die Pogatscherln der Wöchnerin zu essen (Csiker Comitat); oder man 
melkt Milch aus den BrĂŒsten der Betreffenden und denjenigen der 
Wöchnerin, wovon dann Beide gemeinsam trinken (Barser. Bekeser 
Comitat); oder es wird Brod geröstet, und dieses, nachdem man darauf 
Milch von dem betreffenden Weib gemolken, der Wöchnerin zu essen 
gegeben (.TÀszer, Hajduer. SzatmÀrer Comitat, CsÀngös). 


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113 — 


Aus einer Gegend berichtet man mir von dem — meines Wissens 
sonst nirgends auf der Welt vorkommenden — noch ekelhafteren Ver- 
fahren, dass die Frau, welche die Milch der Wöchnerin „tortgetragen“ 
hat, zurĂŒckgerufen wird, damit sie der Letzteren in den Mund urinire. 

46. Dauer des SĂŒllgens. 

Die Dauer des SÀugegeschÀltes betrÀgt zwar meistens ein Jahr (elf 
bis zwölf Monate), bei den Slowaken ein Jahr und einen Tag oder aber 
mit einem Tag weniger als ein Jahr, in den meisten Gegenden jedoch 
wird das Stillen möglichst in die LÀnge gezogen, um nicht neuerdings 
schwanger zu werden, denn man glaubt allgemein, dass Stillende nicht 
coneeptionsfĂ€hig sind. DiesbezĂŒglich ist es sehr charakteristisch, dass 
an vielen Olten die Frau ihr erstes Kind kĂŒrzere Zeit stillt, als die 
ĂŒbrigen Kinder, da sie sich nach dem ersten Kinde vor einer neuerlichen 
Schwangerschaft noch nicht so fĂŒrchtet wie spĂ€ter. 

Uebrigens ist man auch der Ansicht, dass das Kind spÀter desto 
stĂ€rker und klĂŒftiger sein wird, je lĂ€nger es gestillt wird. 

Das lange Stillen halten die Frauen recht gut aus und zwar des- 
halb, weil, wie wir gesehen haben, das Kind nicht ausschliesslich mit 
Muttermilch genÀhrt, sondern schon wÀhrend der ersten SÀugeperiode 
an gemischte Kost gewöhnt wird u. s. w. 

Anderthalb bis zwei Jahre langes Stillen ist etwas ganz Gewöhn- 
liches, ja bei den Ungarn ebenso wie bei anderen NationalitÀten ge- 
hört auch ein drei bis vier Jahre dauerndes Stillen nicht zu den Aus- 
nahmen. Im Allgemeinen kann man sagen, dass die Ungarinnen so- 
wie die deutschen Frauen in der Regel nur zehn bis zwölf Monate, 
die Serbinnen und RumÀninnen zwei bis drei Jahre stillen. An vielen 
Orten fÀllt der Zeitpunkt der Entwöhnung mit dem Bewusstwerden 
einer neuerlichen Schwangerschaft zusammen. In einigen Gegenden 
setzt aber auch diese dem SÀugegeschÀft noch keine Grenzen, sondern 
die Frau stillt eventuell — wie ich dies selbst einmal gesehen habe — 
gleichzeitig mit ihrem neugeborenen Kind auch ihr Àlteres (drei- bis 
vierjÀhriges) Kind, obschon (oder weil?) es einen Aberglauben giebt, 
nach welchem in einem solchen Falle das eine Kind sterben muss. 

Aus manchen Gegenden wird ĂŒber sehr lange SĂ€ugeperioden be- 
richtet So schreibt man mir aus mehreren Orten (Bekeser, Eszter- 
gomer, Biliarer, NögrÀdor, SÀroser, TorontÀler, Krassö-Szörenyer Corni- 
tat), dass das Kind oft noch auf dem Schemel oder Stuhl stehend 
trinkt In einem Falle (Biharer Comitat) stillte die Frau ihr Kind 

Temeaviry, Volltebr&ache. N 


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sechs, in einem anderen (SzatmÀrer Comitat) sieben .lalire hin- 
durch. Dies sind indessen Ausnahmsfalle. FĂŒr gewöhnlich dauert 
wie wir gesehen haben, bei der armen Volksklasse die SĂ€ugeperiode 
ein bis zwei, resp. zwei bis drei Jahre. Auch dort, wo die Frau ein 
Ziehkind annimmh ist dies die ĂŒbliche SĂ€ugedauer. In solchen 
FÀllen stillt sie gewöhnlich ein Jahr lang ihr eigenes und ein bis zwei 
Jahre hindurch das Ziehkind (das ..fremde Kind“), so gut oder schlecht 
es eben geht! 

47. Pflegekinder. 

Ziehkinder werden besonders von den in den nordwestlichen Comi- 
taten wohnenden deutschen Frauen und Slowakinnen (aus dem Wiener 
Findelhaus) und von den in der Umgebung von Budapest (DÀny, Uellö. 
Monor, Uri und andere Gemeinden des Pester und JĂ€sz-KĂŒner Comi- 
tates) wohnenden ungarischen Frauen (Budapester Findelkinder), sowie 
in der Umgebung der grösseren ProvinzstÀdte oder in diesen selbst 
angenommen. Von den Resultaten wĂŒnsche ich hier nicht zu sprechen. 
So lange sich die VerhÀltnisse nicht bessern (einige Besserung konnte 
in den letzten Jahren schon infolge der erspriesslichen ThÀtigkeit des 
Budapester „Landes -Findelhaus -Vereins vom Weissen Kreuz“ constatirt 
werden), fĂ€llt gewöhnlich das eine — entweder das eigene oder das 
angenommene — Kind zum Opfer. 

48. Entwöhnung. Mittel und Verfahren zur Verringerung 
der Milchsecretion. 

Die zur Verringerung der Milchabsonderung dienenden und haupt- 
sÀchlich bei der Entwöhnung des Kindes in Betracht kommenden Ver- 
fahren lassen sich in zwei Hauptgruppen theilen. In die eine ge- 
hören diejenigen Verfahren, welche im Interesse der Mutter angewandt 
werden, resp. den Zweck haben, ein schnelleres, vollstÀndigeres und 
schmerzloseres Versiegen der Milch herbeizufĂŒhren, wĂ€hrend zu der 
anderen Gruppe alle die Verfahren zu zÀhlen sind, welche die Ent- 
wöhnung des Kindes von der Mutterbrust bezwecken. 

Die der ersten Gruppe angehörenden Verfahren sind folgende: 
Die Frau melkt aus ihren BrĂŒsten ein wenig Milch auf irgend einen 
heissen oder wenigstens warmen Gegenstand, damit sie aus ersteren 
ebenso verschwinde, wie sie auf diese Weise verdampft. Deshalb wer- 
den dazu heisse Ziegel oder Steine oder ein glĂŒhendes BĂŒgeleisen oder 
siedendes (verdampfendes) Wasser oder die heisse Platte des Herdes 
oder glĂŒhende Kohlen oder die wannen (eben ausgezogenen) Stiefeln 


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des Mannes gewÀhlt, die darauf hinter den Ofen gestellt werden, oder 
aber die Frau melkt auch die Milch ins Feuer selbst. Dieses Ver- 
fahren ist besonders hei den Slowaken, so wie noch bei den Serben, 
RumÀnen und Bulgaren gebrÀuchlich. 

Andere (Frauen des JĂ€szer, Zalaer, Esztergomer, BĂ€cser Comitats) 
melken die Milch auf einen Besen (namentlich Rossgrasbesen). 

Die RumÀnen melken die Milch im Stall auf Rindennist und lie- 
schwören sie (HÀromszeker Comitat). 

Wenn im Barser Comitat die Frau in der Bmstdriise Schmerzen 
verspĂŒrt, so melkt sie die Milch auf die Strasse. 

Ein anderes allgemein bekanntes Verfahren ist das Niederbinden 
der BrĂŒste. In den meisten Gegenden (fast ausschliesslich bei Ungarn, 
und zwar besonders im JĂ€szer Comitat) unterbindet man sie und zwar 
zumeist auf zweierlei Art; einmal umbindet man den ganzen Brustkorb 
mit einem dĂŒnnen (seidenen) Bande, mit Bindfaden. Hanf, dem Unter- 
hosenband des Mannes u. s. w. in der Höhe derAchselhöhle, und zwar so 
straff, dass das Band resp. der Faden tief in das Fleisch einschneidet, 
und dann werden noch die BrĂŒste selbst mit einem anderen breiteren 
Bande oder einem Wickel abgebunden. Die erstere Unterbindung wird fĂŒr 
die wichtigere gehalten, weil man glaubt, dass so die (eventuell mit dem 
breiteren Wickel am Herausfliessen verhinderte) Milch nicht in den 
Kopf steigt. 

Ein drittes Verfahren besteht in verschiedenen UmschlÀgen. So 
macht man UmschlÀge mit einem in StÀrkewasser oder Branntwein 
getauchten lappen (oder nur mit roher StÀrke) oder mit einem mit Seife. 
Talg (eventuell gesalzenem Talg), oder mit Spennacet beschmierten 
Lappen, mit Seifenpflaster u. s. w. 

Besonderer Beliebtheit erfreut sich auch noch das Bedecken der 
BrĂŒste mit: SchierlingsblĂ€ttern, gestossenem Schierling. Schierlings- 
pflaster (oder man thut den Schierling nur unters Bett oder bindet ihn 
der Frau auf den RĂŒcken), mit Nussbaum- oder Kartoft’elblĂ€ttern, Klette, 
Petersilie, PfeffeimĂŒnzblĂ€ttern (event. auf den RĂŒcken gebunden). Kraut- 
blÀttem, Thon oder kalter Erde (besonders von einem frischen Grab, 
Csiker und KomÀromer Comitat), Pferdemist (Barser, MÀrmaroser Co- 
mitat, Slowaken des Unger Comitates), Kuhmist, namentlich Mist von 
einer Kuh. welche ihr Kalb nur vier Wochen lang gesÀugt hat (Slo- 
waken des Gömörer Comitates, Heveser Comitat), Schweinemist (He- 
veser Comitat); auige weichten Federn eines schwarzen Huhns (Biharer 
Comitat), ungewaschener Schafwolle (HĂ€romszeker Comitat) u. s. w. 

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FĂŒr sehr wirksam wird auch der Kampher gehalten, welcher 
meistens in einem SĂ€ckchen um den Hals gebunden getragen oder 
warm mit Talg vennengt auf die BrĂŒste gegeben wird, oder letztere 
werden damit, resp. mit kampherigem Fett eingeriehen, oder es wird 
derselbe in Kataplasmenform angewendet 

Die BrĂŒste werden ferner langsam ausgemelkt, durch Ă€ltere Kin- 
der ausgesaugt, mit heissen» Wasserdampf gedĂŒnstet und mit einem Ge- 
menge von Asa foetida, Semen nigelli und Styrax (BĂ€cser ComitaJt) 
u. s. w. gerÀuchert. 

Andere schmieren die BrĂŒste mit Butter, Talg, Hirschfett, Milch- 
rahm, Branntwein, Schweinefett, KĂŒnunelöl u. s. w. ein. 

Im Allgemeinen essen und trinken die Frauen wenig. Es werden 
liesonders Kampherspiritus getrunken und AbfĂŒhrmittel eingenommen. 

Zumeist werden mehrere Verfahren combinirt: man unterbindet die 
BrĂŒste, macht UmschlĂ€ge mit einem StĂ€rke- oder Talglappen und 
SchierlingsblÀttern, hÀngt sich Kampher um den Hals, melkt auf irgend 
einen heissen Gegenstand ein wenig Milch aus den BrĂŒsten u. s. w. 

Schliesslich fĂŒhre ich noch die folgenden VolksgebrĂ€uche an: die 
Frau sticht eine Nadel in ihr Hemd, besondere linker Hand, mit dem 
Gehr nach innen (mit der Spitze nach aussen), damit „so wie die Nadel 
verkehrt eingestochen ist, auch die Milch nach liickwĂ€rts fliesse“, oder sie 
zieht ihr Hemd verkehrt auf den Leib. Dies thut man (bei den ver- 
schiedensten NationalitÀten) so lange, bis die Milch nicht gÀnzlich ver- 
siegt ist. 

Die Frau nimmt ein- bis dreimal tÀglich ilne Brustwarzen zwischen 
die Finger und „schĂŒttelt ihi'e BrĂŒste ab, eben so wie wenn man einen 
Sack ausschĂŒttelt”. Es wird dies auch „ZurĂŒckschĂŒtteln” genannt. 

Auch alte MetallstĂŒcke legt man auf die BrĂŒste (KomĂ€roiner Co- 
initat). 

Im HÀromszeker Com i tat schaut die Frau in den Schornstein u»id 
geht hierauf schnell von dort weg, ohne zurĂŒckzublicken. 

AnderwÀrts trÀgt die Frau eine Anzahl Stöpsel an einem Bande 
um den Hals (Heveser Comitat), vielleicht damit „auch die Milchwege 
zugestopft werden mögen“? 

Dem Kinde bindet man einige Kreuzer in den Zipfel eines Hem- 
des, welches das Kind so lange tragen muss, bis die Mutter in ihren 
BrĂŒsten Milch verspĂŒrt. Das Geld schenkt man spĂ€ter einem Bettler 
iNyitraer Comitat). 

Die Frau melkt aus ihren BrĂŒsten ein wenig Milch in einen leeren 


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Sack, bindet denselben zu und wirft ihn auf den Dachboden: „So wie 
das Mehl im Sack ausgegangen ist, so gehe auch die Milch in den 
BrĂŒsten zur Neige“ (HĂ€romszeker Comitat). 

Bei den Slowaken geht die Frau bei der Entwöhnung zur Kinness, 
botet und fastet, damit ihr die Milch versiege. Darauf wirft sie einen 
Kreuzer in einen Holzmörser, setzt sich auf denselben, stillt noch ein- 
mal (d. i. zum letzten Male) ihr Kind und lÀsst dieses den Kreuzer 
aus dem Mörser herausnehmen, was auch den Sinn hat, dass die Mutter 
die Brust mit diesem Gelde „auslöst“. 

Die auf das Abgewöhnen des Kindes abzielenden Verfahren 
bestehen besonders darin, dass man das Kind von den BrĂŒsten abschreckt 
oder in ihm Abscheu. Ekel gegen diese zu erwecken sucht 

Zur Erreichung ersten' n Zweckes bindet die Frau eine BĂŒiste auf 
ihre Brust, damit sich das Kind daran die Nase und den Mund zer- 
steche. Ein Gleiches thut sie mit einem Kamm (namentlich bei den 
Magyaren), einem schwarzen oder rothen StĂŒck Tuch oder anderem 
Zeug, ja sogar mit einem Igel (Barser Comitat). 

Zur Ekelerregung schmiert man die BrĂŒste bezw. die Brustwarzen 
mit Schuhwichse (ausschliesslich bei den Ungarn). Paprika, Pfeffer, 
Russ (Muraköz, SÀroser, Heveser Comitat u. s. w.), salzigem Honig 
(Bekeser, JĂ€szer, Pester, Szolnok-Dolxikaer Comitat), Salz, Knoblauch. 
TabaksabfÀllen (Muraköz), Aloe (TorontÀler, Abaujer, JÀszer, Györer 
Comitat), Koth (JÀszer Comitat), EisenspÀnen (Heveser Comitat) u. s. w. ein. 

Die Slowaken vermengen bitteres Kerbelkraut (Anthriscus silvestris) 
mit Theer und legen es auf die BrĂŒste. 

Andere Verfahren sind noch folgende: 

Man thut so vor dem Kinde, als wollte man die BrĂŒste abschneiden, 
oder bindet einen TuchknÀuel an die Zimmerdecke, zeigt diesen dem 
SÀugling und thut so, als wenn die Brust fortgeflogen wÀre (Barser 
Comitat). 

WÀhrend des Trinkens hÀlt man dem SÀugling die Nase zu 
(JĂ€szer Comitat). 

Die Mutter resp. die Amme sengt sich das Haar und lÀsst die 
Asche von dem Kinde in Milch gemessen (SzatmÀrer Comitat). 

Man reicht dem Kinde durch das Fenster ein hart gekochtes ge- 
schÀltes Ei. damit es hineinbeisse (was namentlich in Nordostungam 
gebrÀuchlich ist). Die Ix>gik hiervon scheint die zu sein, dass die Form 
des Eies das Kind an die Brust erinnert und wenn es dann hinein- 
beisst, so schmeckt es ihm nicht, und es Itekommt so auch vor der Brust 


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einen Ekel. Nach einer anderen Version heisst es: „So wie die 

Henne ihr Ei vergisst, so möge auch das Kind die Brust vergessen.“ 

Im MĂ€rmaroser Comitat setzt sich die Frau mit ihrem Kinde auf 
die Schwelle, sticht eine Nadel in ihr Kleid und schlÀgt das Kind ein 
paar Mal mit dem Bollholz aufs GesÀss. 

Im Bekeser und BÀcser Comitat trÀgt man das Kind aus der 
Stube und giebt ihm durchs Fenster oder auf der Schwelle ein Geld- 
stĂŒck, damit es sich dafĂŒr im Gewölbe Zucker kaufe und so die Brust 
vergesse. 

Hinsichtlich des Termines der Entwöhnung herrschen die 
folgenden, nicht immer unschÀdlichen Aberglauben. 

Das Kind im Herbst zu entwöhnen, heisst es, ist nicht gut, denn 
davon bekommt es frĂŒhzeitig graue Haare, ebenso wie ihm davon auch 
zeitig die ZĂ€hne ausfallen. 

Die Zeit der Fruchtreife (im Sommer) ist fĂŒr die Entwöhnung 
die geeignetste (KomÀromer Comitat). Im Somogyer Comitat muss das 
Kind bei klarem Wetter entwöhnt werden, damit es immer klaren 
Verstandes sei, und an einem Montage, dass es immer arbeitsam sei. 

Bei den Slowaken darf das Kind nicht entwöhnt werden, wenn 
die BĂ€ume kahl sind, denn sonst wird aus ihm ein armer Mensch 
werden. Man glaubt, dass es am zweckmÀssigsten ist die Entwöhnung 
bei abnehmendem Mond oder am Palmsonntag vorzunehmen. 

Die Slowaken des Trencsener Coinitates halten den Donnerstag 
fĂŒr den zur Entwöhnung geeignetsten Tag, denn an einem solchen 
vergisst das Kind am schnellsten. Das Kind an einem Sonntage zu 
entwöhnen, ist hingegen verboten. Auch an einem Freitag entwöhnt 
man es nicht, denn wenn auch einerseits ein solches Kind keine Zahn- 
schmerzen haben wird, so wird es doch andererseits einen unglĂŒcklichen 
Lebenswandel fĂŒhren. 

Ebenso legt man bei den Slowaken am Tage der Entwöhnung ein 
Ei, ein Buch und ein GeldstĂŒck vor dem Kinde auf den Tisch hin. 
Greift es nach dem Ei, so wird es als Erwachsener ein starker Esser 
sein; greift es nach dem Buch, so wird aus ihm ein frommer und 
kluger Mensch werden; greift es nach dem Geld, so wird es ein Geiz- 
hals werden. 

AnderwĂ€rts hĂ€lt man es fĂŒr das Rathsamste, das Kind an einem 
Samstagsabend oder an einem Freitagsmorgen zu entwöhnen. 

Wenn das Kind stirbt oder todt geboren wurde, geht die Mutter 
(besonders in der Muraköz), auch wenn sie die Entbindung noch so sehr 


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mitgenommen hat und sie sich noch so schwach fĂŒhlt, auf den Hof hinaus, 
beugt sich ĂŒber die dort aufgebahrte Leiche und spritzt Milch aas ihrer 
Brust darauf damit sie so dem Kinde „ein Opfer bringe“ und das 
Kind ihre Milch mit „ins Grab nehme“. Aas demselben^ Grunde 
nimmt die Frau auch ein wenig Erde vom Grabe des Kindes und 
wirft dieselbe zwischen den BrĂŒsten auf den Boden oder legt sie auf 
die BrĂŒste (JĂ€szer Comitat), oder sie bindet sich das Hemdchen des ver- 
storbenen Kindes auf die Brust und trÀgt es eine Zeit lang (Soproner 
Comitat). 

Bei den Zigeunern wird der Mund des ungetauft verstorbenen 
Kindes mit Wachs verstopft, damit der Mutter die Milch versiege. 

Im BĂ€cser und Barser Comitat glaubt man ĂŒbrigens, wie wir ge- 
sehen haben, dass, wenn der Frau plötzlich die Milch versiegt, ihr 
Kind den dritten Tag darauf schwer erkranken, und wenn ihr die Milch 
wiederkommt, sterben wird. 

Wenn dagegen die Mutter im Kindbett stirbt, so hegt man all- 
gemein die Ueberzeugung, dass ihr das Kind in den Tod folgen wird, 
ja man wĂŒnscht dies sogar. Dass dieser Volksglaube auch von ent- 
sprechenden Resultaten begleitet ist, kann nicht Wunder nehmen. Von 
einem eigenthĂŒmlichen interessanten Volksgebrauch berichtet mir Privat- 
docent Karl Akontz. Bei den RumÀnen des Dorfes BÀcs (bei 
KolozsvĂŒr) lĂ€sst man nĂ€mlich, wenn die Wöchnerin stirbt, ihre Milch 
von dem kleinen SĂ€ugling aus ihren todten BrĂŒsten saugen (!!), wobei 
man der Frau einen Strohhalm ins Ohr steckt und ihr zuflĂŒstert, sie 
möge doch ihr verwaistes Kind mitnehmen und nicht auf dieser Erde 
zurĂŒcklassen ! 


49. Mastitis. 

Bei einer EntzĂŒndung der BrĂŒste pflegt das Volk nur in den 
allerseltensten FÀllen Àrztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Bei Be- 
ginn des Hebels werden das schon erwÀhnte Melken und Aussaugen, 
spĂ€ter UmschlĂ€ge, Kataplasmen, DĂŒnstungen und andere Verfahren 
angewandt. 

Zu UmschlÀgen werden in Branntwein getauchte Lappen, in 
Branntwein aufgelöste StÀrke, Absud von weissen Malven (eventuell 
mit Milch), in StÀrke getauchte Lappen, warmer Essig oder warme 
Milch, gewÀssertes Fuchs- oder Wolffleisch (Muraköz), fettige Wasch- 
lappen (besonders im .TĂ€szer Comitat), in Urin getauchte Lappen 
oder Wolle, mit Urin verrĂŒhrte Lehmerde. Lehm mit Eigelb oder mit 


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Essig oder ohne solchen angewendet. Ferner werden auch Kampher- 
und einfache warme WasserumschlÀge gemacht. 

Kataplasmen bereitet man aus: Schierling (heiss), grĂŒner Peter- 
silie, Qiuttenkemen, Flachs- und Heuspreu, Roggenmehlbrei mit Honig, 
gelben RĂŒben, rohem Krautlattich, gekochtem Maismehl, gekochten 
Kartoffeln, Brei von gestoesenen KĂŒrhiskemen, warmem Hirsebrei, 
Feigenaufguss (schon der Prophet .lesaias empfahl die Feige als Mittel 
zur Reifniachung von Abscessen), Semmel mit Safran, Kleie, in Wein 
gekochtem Brod, in Milch gekochtem Gries oder mit Pilzen, mit Brannt- 
wein benetzten gehackten Zwiebeln, Leinsamenbrei, Leinbrei und Hasen- 
fett (heiss), Zwiebeln und Colostrum-Mehlspeise mit Eigelb (Hunyader 
Comitat). saurer Mehlspeise mit Fett, einem in Milch gekochten Ge- 
mengsel von Pilzen, Honig, weissen Bohnen, Semmel und Safran, oder 
GĂ€tkraut. Eiweissschaum und Alaun in eine Hanfform geschmiert, essig- 
getrÀnkter Kleie und essiggetrÀnktem Mehl, Rinderspeck (Bekeser, Györer, 
Nyitraer, MĂ€rmaroser. Szabolcser Comitat), Rinder-, speciell KuhdĂŒnger 
(wann). Pferdemist (Bekeser, Maros-Tordaer Comitat), weissem Hunde- 
koth (Muraköz), Hasenkoth (Maros-Tordaer Comitat). (Den KuhdĂŒnger 
legt man der Frau an vielen Orten mit ihrem Urin vermengt oder auf 
Kletten blĂ€tter gestrichen auf die BrĂŒste.) Milch und FĂ€ces der Wöch- 
nerin (Heveser Comitat) oder andere Excremente (BĂ€cser Comitat), 
Fliederharz. Fliedersaft. Asche. Eigelb mit Asche oder Salz, Rahm- 
mehlspeise. vom Dache des Hauses heruntergeklaubtes und gekochtes 
Moos weiden ebenfalls warm angewendet 

Ausserdem weiden noch angewendet: warme Teller, geriebene rohe 
Kartoffeln, fette TomisterstĂŒcke (?) (Bekeser Comitat), Schwalbennester 
(Nyitraer Comitat) oder Sperlingsnester (Ugocsaer, JĂ€szer Comitat) und 
Pilze (NögrÀder, Nyitraer Comitat). Ferner wird heisses Wasser in 
einen Steinkrug gegossen und dieser dicht an die Brust gehalten (Tol- 
naer Comitat). Aus der Kirche bringt man einen Blumenkranz und 
legt diesen gekocht auf die Brust. 

Die DĂŒnstungen geschehen entweder einfach mit heissem Wasser- 
dampf oder verschiedenerlei KrÀutern oder Salzwasser. 

Als Salben werden gebraucht: Kamphersalbe, salzhaltige Salbe. 
Seife, Knochenmark (Muraköz), Nussöl, Honig, Pflaumenmus, Eigelb, 
Hirschtalg mit Oel vermengt, Eigelb mit Safran und Tafelöl vermengt, 
ranziges Fett, weisser Terpentin. 

Diese Salben bereitet man meistentheils mit Eigelb. 

In der Csallököz rĂŒhrt man einen Esslöffel voll Fett, dicken 


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Terpentin und einen Esslöffel weisses Pech zusammen und macht da- 
mit tÀglich zweimal UmschlÀge auf die Brust. 

Die Slowaken des Trencsener Comitates legen bei beginnender Ent- 
zĂŒndung der BrĂŒste auf diese ein aus Roggenmehl und Weinessig ver- 
fertigtes Pflaster und rÀuchern sie mit Zucker und Rittersporn (Delphinium 
Consolida). Wenn sich die Brust verhÀrtet, so thut man gepfeffertes 
Sedum acre mit Theer vermengt oder WeinblÀtter darauf. 

In Miskolcz schneidet man den beim Flachsrösten um den Flachs 
gebundenen Strick entzwei, verbrennt die HÀlfte davon und rÀuchert 
damit die BrĂŒste, wĂ€hrend man die andere HĂ€lfte kocht, in einen 
Lappen einwickelt und damit auf die Brust UmschlÀge macht 

Im Barser Comitat werden die BrĂŒste geschmiert und Wegerich 
(Plantago) aufgelegt. Wenn man bei den Deutschen das Uebel durch 
Behexung hervorgerufen glaubt, so giesst man in ein SteingefÀss Weih- 
wasser und thut in letzteres glĂŒhende Kohlen. Stellt sich so heraus, 
wer die Frau behext hat, so geht man zu der betreffenden Person mul 
verlangt von ihr irgend etwas, z. B. ein StĂŒck Zeug, welches man 
dann unter den Tisch thut und drei Tage lang dort liegen lÀsst, oder 
holt aus dem Galten einen Stein, verbirgt denselben im Mieder und 
drĂŒckt ihn tĂ€glich mehrere Male an die B niste. Ist dies geschehen, 
so muss der Stein unbemerkt an seinen frĂŒheren Platz zurĂŒckgelegt 
werden. Dazwischen betet man. Beim ZurĂŒckgehen darf’ die Frau 
nicht zurĂŒckblicken, denn sonst stellt sich das Uebel von Neuem ein. 
Wenn die BrĂŒste trotz alledem anschwellen, so soll sich die Frau ge- 
kochten Kulunist auflegen oder die BrĂŒste mit Wumunehl von einer 
Backschaufel und SargspÀnen rÀuchern. 

Im Temeser Comitat legt man ein mit Pfeifentabak angefĂŒlltes 
nnd mit Talg eingeschmiertes PapiersÀckchen auf die Brust 

Im Csiker Comitat macht man UmschlÀge mit von einem noch 
nicht einjĂ€hrigen Kinde stammenden Urin auf die BrĂŒste und holt von 
neun verschiedenen PlÀtzen Wasser, von welchem die Frau aus neun 
kleinen GlÀsern trinkt. 

In SzĂŒregh (bei Szeged) werden, wenn die BrĂŒste entzĂŒndet sind, 
Beschwörungsformeln hergesagt. Mit der rechten Hand streicht man 
die schmerzende Brust und sagt dabei dreimal: 

„ Starke Frau, gehorsamer Mann, 

Die beste Medicin fĂŒr Schmerzen in den BrĂŒsten 
Ist Jesu Binsenbett, 

Sowie sein steinernes Kissen“ (KĂ€lmĂ€ny). 


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122 


Im Torontaler Comitat gebraucht man gegen Mastitis: Wasser, 
Gurken, gelbe RĂŒben, Kartoffeln und KĂŒrbisschnittchen, Brei aus 
Leinsamemnehl, Semmel mit Safran und Ei, in Milch gekochten Tauben- 
koth; im NögrÀder Comitat: mit Butter vermengten Schafmist, Bella- 
dounasamen und -Wurzel, KĂ€spappelthee, gekochte rothe RĂŒben; im 
Alsö-Feherer Comitat: ein Gemengsel von Branntwein, Safran und Eigelb, 
ferner in Butter gekochte gelbe RĂŒben oder geriebene kalte Kartoffeln. 

Im Ugocsaer Comitat macht man StĂ€rkeumschlĂ€ge auf die BrĂŒste, 
oder legt Feigen oder Vogelnester darauf, oder nimmt ein Nudelholz, 
einen Sauerteiglöffel, einen Kamm, ein Messer, eine Scheere und einen 
goldenen Ring, macht mit jedem dieser GegenstÀnde einen Kreis um die 
BrĂŒste, wirft sie dann zur Erde und lĂ€uft darauf kreuz und quer herum. 
Auf diese Weise schwelle die Brust ab. 

Die Kroaten glauben, dass die Mastitis daher rĂŒhre, dass ein Vampyr 
(Draht) in Gestalt einer „weissen Flau“ in der Nacht an der Brust sog. 

Das seltsamste Verfahren ist, dass der Mann mit dem Penis 
oder dem Scrotum die BrĂŒste seiner Frau dreimal streichelt Die 
Logik dieses Verfahrens ist die, dass gewiss ein Mann die entblössten 
BrĂŒste der Stillenden gesehen und darauf mit Peniserection reagirt hat, 
wofĂŒr die Frau so biissen muss, dass ihre Brust hart wird. Der Ent- 
zĂŒndungsrabor wird fĂŒr Schamröthe gehalten! Daraus folgt nun in 
Anbetracht der Vorliebe fĂŒr sympathetische Heilmethoden das eben er- 
wĂ€hnte Heilverfahren von selbst. Dieser Therapie wird ĂŒbrigens in 
einer grösseren Anzahl von Gegenden (Somogyer, Soproner, Nyitraer 
Comitat) ErwÀhnung gethan. In einem Orte (Gömörer Comitat) wird 
gegen Mastitis nur Kohlenwasser mul Gemeiner Ziest (Stachys recta)*) ge- 
braucht, weil man auch da glaubt, dass das Uebel „von den Augen kommt“ 
und die Brust davon hart wurde. Im Csiker Comitat wird aus dem- 
selben Grande ein StĂŒck rothes Tuch auf die entzĂŒndete Brust gelegt. 

Die Volksheilkunde des vorigen Jahrhunderts empfahl gegen 
Mastitis „Fliederwurzel in Fett zu stossen und das Ganze auf die 
Brust zu binden“ (Veres). 

Das kalte Wasser resp. kalte UmschlĂ€ge sind gefĂŒrchtet, da man 
glaubt, dass diese ErkÀltungen erzeugen. 

Auch zu einem Oeffnen des Abscesses auf operativem Wege können 
sich dies*' Frauen sozusagen fast nie entschliessen. 

*) Auch nach Ipolyi (Ungarische Mythologie) ist die Staehys recta ein 
beliebtes Mittol gegen „bösen Blick“ oder Behexung. 


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50. Wunde Brustwarzen. 

Mit der volkstĂŒmlichen Behandlung der Mastitis deckt sich im 
Grossen und Ganzen die der Brustwarzenrisse, Excoriationen, Erosionen 
u. s. w. 

Im Gegensatz zu der modernen wissenschaftlichen Auflassung 
glaubt man, dass es gut sei, wenn das Kind an der wunden und 
ulcerösen Brustwarze so viel wie möglich saugt, denn um so sicherer 
und schneller heile dieselbe. 

Zur localen Behandlung der wunden Brustwarzen sind folgende 
Volksmittel in Gebrauch: Nussöl, gestossene NĂŒsse, in Fett oder Butter 
ausgebratene NĂŒsse, fettige Nussschalen, aus Haselholz gepresstes Oel, 
Baumöl oder eine Mischung von Baumöl und Wein, oder Oel und ge- 
löschtem Kalk, Milchrahm, aus KalbsdÀrmen ausgebratenes Fett, un- 
gesalzenes, möglichst ranziges Schweinefett, ein Gemisch von Oel und 
Seife, Talg, saure Milch, welche man eventuell mit Speichel verrĂŒhrt, 
frische Butter, eventuell Schafbutter. Lammsunschlitt oder Hirschtalg. 
Mau kocht auch Talgkerzen in Wein und legt sie auf die Brustwarzen, 
oder giebt mit Creme cöleste eingeschmierte KrautblĂ€tter auf die BrĂŒste, 
oder schmiert dieselben mit Weinbeersalbe, verschiedenen von Quack- 
salberinnen zubereiteten Salben (welche diese meistens unter Be- 
schwörungen auf die Brustwarzen legen), Malvenmus, Pflaumenmus, 
Rosenhonig, frischen ParadiesÀpfeln, Eigelb und Eiweiss, aus Gall- 
eichelpulver zubereiteter Salbe ein (Arad). Dann schmilzt man auch in 
einer Nussschale Wachs und legt es auf die Brustwarzen, schöpft der 
Suppe das Fett ab und schmiert dieselben damit ein u. s. w. 

Andere waschen die Brustwarzen mit einem Absud von Nuss- 
baum-, Fliedei'-, Erdbeer- oder HollunderblÀttern, mit Petroleum, Brannt- 
wein, Rum, Alaunwasser. Zuckerwasser, oder legen einen schmutzigen, 
fettigen Lappen darauf, oder aber in Spiritus geweichte LilienblÀtter 
(Hajduer Coinitat). 

Auch gegen Brustwarzenschrunden wird in Milch gekochte Semmel 
mit Safran oder mit einem Gemisch von Safran und Milchrahm 
gebraucht. 

Besonderer Beliebtheit erfreuen sich die Waschungen mit dem 
Saft von Quittenkemen (Semen Cydoniae), sowie BranntweinumschlÀge. 
Fenier gebraucht man auch in Wein gekochte, pulverisirte Quittenkeme 
oder Unkraut (MĂŒrmaroser Comitat). 

In einigen Gegenden legt man Rindermist mit Urin auf die 
BrĂŒste ( Bekeser, Pester Coinitat) oder wĂ€scht sie mit Fruchtwasser 


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(Bekeser Oomitat) (Hier mit dem ersten Badewasser des Kindes. (Hier 
man macht UrinumschlĂ€ge oder bedeckt die BrĂŒste mit einem Hasen- 
fell (Arvaer Oomitat 1 . 

Im Heveser Oomitat werden Irische Butter und gebratene Quitten 
und ungesalzenes Eiweiss (Hier in Ham getauchte Lappen mit Kupfer- 
vitriol enthaltendem Kahm und Alaunwasser, oder Spinngewebe mit 
Paprika und gestossenem Knoblauch vermengt aufgelegt, oder vom 
Koth des Kindes darauf gebujiden. Auch in der Umgebung von Ko- 
lozsvÀr ist das Meconium ein verbreitetes Hausmittel gegen diese 
Schrunden. 

Im TorontÀler Oomitat werden drei Eier hartgesotten, durch ein 
Sieb durchgepresst und auf die BrĂŒste gelegt, oder man Ixaleckt diese 
mit aus faulen Eiern bereiteter Mehlspeise. 

In der Muraköz lÀsst man ein Àlteres Kind an den Brustwarzen 
saugen. 

Im Grömörer Oomitat tropft man heissen Talg auf die Wunde 
und legt verschiedenerlei KrÀuter darauf. 

Die Slowaken des Trencsener Oomitates waschen die Brustwarzen 
mit dem Absud von Agrimonia Eupatoria und bestreuen sie mit pulve- 
risirten wilden Majoran-BlÀttern (Origanum vulgare). 

Die Bulgaren (Temeser Oomitat) schmieren Nasenschleim auf die 
BrĂŒste und bedecken diese mit der Schalenhaut von Erbsen. 

Im Csiker Oomitat schmiert man eine aus neun Erbsen, neun Ei- 
dottern und einem Iiöftel Wachs bereitete Salbe auf, oder bringt sie 
mit gehacktem Fleisch in BerĂŒhrung und giebt dies dann den Vögeln 
zu fressen, oder lÀsst die Brustwarzen von grösseren Kindern lecken 
oder thut kupfervitriolhaltige alauuige Butter oder Lammsunschlitt darauf. 

Im TorontÀler Oomitat wird Creme cöleste. Oacaobutter oder Mu- 
cilago sem. Cydon. verwendet, oder man lÀsst an den wunden Brust- 
warzen zahnlose, blinde junge Hunde saugen. 

Im Bekeser Oomitat streut man auf die Brustwarzen gestossene 
Quittenkerne oder pulverisirte Weinstockpilze, («ler schmiert sie mit 
Bleiweisssalbe ein. 

Im BĂ€cser Oomitat verwendet man mit dem Urin eines kleinen 
Knaben zu einem Brei gerĂŒhrte, gestossene Quittenkerne; im Kis- 
KĂŒkĂŒllöer Oomitat Rahmmehlspeise. Im Barser Oomitat legt man 
RosenblĂ€tter auf die BrĂŒste oder macht EssigumschlĂ€ge darauf, oder be- 
streut sie mit Cigarrenasche und schmiert ein Gemengsel von Alaun, 
Kupfervitriol und Schweinefett darauf. 


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In Ugocsa streicht die Mutter Speichel auf ihre Brustwarzen, oder 
wÀscht sie mit Milch ab und thut in Branntwein aufgeweichte Tabak- 
blÀtter darauf. 

Schliesslich ist zu erwÀhnen, dass man an vielen Orten ziemlich 
rationell Brustwarzenschoner anwendet, u. A. halbe Nussschalen (Pester, 
.TÀszer, Bacser, Bekeser, KomÀromer, Zalaer Comitat), die gewöhnlich mit 
weissem oder gelbem Wachs oder Butter gefĂŒllt werden. Im Abaujer Co- 
mitat thut man Baumwolle in Nussschalen, giesst Weingeist darauf und 
bedeckt so die Brustwarzen damit. An einigen Orten legt die Stillende 
auf die wunden Brustwarzen Gaze und lÀsst das Kind nur so trinken. 
Im Bekeser Comitat legt man auf die Brustwarzen eine ,, Groschen- 
pfeife" und lÀsst die Milch so aus der Brust saugen. 


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VIII. Das neugeborene Kind. 

51. Behandlung: der Nabelschnur. 

Beim Abnabeln des Kindes, welches fast ĂŒberall mit Zwirn, 
Bindfaden. Hanffaden (Ugocsaer Comitat) oder mit Speichel be- 
schmiertem Garn (MĂ€nnaroser Comitat) geschieht, wird unser In- 
teresse hauptsÀchlich durch zwei Dinge erweckt Einmal verdient der 
Umstand Beachtung, dass man die Nabelschnur möglichst nahe am 
Bauch, ganz bei ihrer Wurzel unterbindet (zuweilen schont man dabei 
auch die Bauchhaut nicht!), „damit das Kind keinen höckerigen (bucke- 
ligen) Nabel bekomme“. Mit der gebrĂ€uchlichen und vorgeschriebenen Un- 
terbindungsart der Hebammen ist man nicht zufrieden. Oft unterbindet 
man nach dem Weggang der Hebamme die Nabelschnur ein zweites 
Mal, und zwar nÀher zur Bauch wand. Dass ein solches Verfahren oft 
eine EntzĂŒndung des Nabels oder einen Nabelbruch zur Folge hat, 
kann nicht Wunder nehmen. 

Der andere bemerkenswerthe Umstand ist der, dass man vor der 
Unterbindung der Nabelschnur möglichst viel Blut aus derselben fliessen 
lÀsst, in dem Glauben, dass, wenn man nicht genug Blut aus dem Kind 
rinnen lĂ€sst, dieses ĂŒbermĂ€ssig viel und unreines Blut haben, voller 
Eiterbeulen und von hÀufigen Bauchschmerzen geplagt, ja davon eventuell 
sogar ersticken wird. Das sich aus dem Nabel ergiessende Blut hÀlt 
man ĂŒbrigens fĂŒr „bös“. Darum lĂ€sst man das Kind lĂ€ngere Zeit 
bluten und unterbindet nur spÀt die Nabelschnur, oder thut dies wohl 
rechtzeitig, löst aber den Verband im Bade wieder und presst von 
dem Blute ins Wasser, oder man unterbindet die Nabelschnur ĂŒber- 
haupt nicht (RumÀnen des Bekeser Comitates). 

Besonders bei Asphyxia livida legt man auf diese Blutentziehung 
grosses Gewicht. 

Das Abschneiden geschieht in den meisten Gegenden auf die ge- 
wölmliche Weise mit der Scheere, an vielen Orten jedoch mit einem 
(grösstentheils schmutzigen) Messer. 


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Die RumÀnen des TorontÀler Comitates durchschneiden die Nabel- 
schnur erst mich Stunden. Winl das Kind z. B. des Abends geboren, 
so lÀsst man bis zum nÀchsten Morgen die Nabelschnur undurchschnitten 
und das Kind ungebadet liegen. 

In Denta (Temeser Comitat) legt man die Nabelschnur auf ein 
StĂŒck Holz und durchsclmeidet sie mit einem Beilhieb. Auch im Szat- 
mĂŒrer Comitat thut man dies entweder mit einer Sichel oder mit 
einem Beil. 

Den Nabelschnurrest pflegt man nicht in der vorgeschriebenen 
Weise an den Körper zu binden (faschen), sondern thut dies gewöhn- 
lich ĂŒberhaupt nicht Nur die HĂ€nde werden fest an den Leib ge- 
bunden, entweder mit einer Fasche oder mit KleidungsstĂŒcken, IJnter- 
hosenstĂŒcken (besonders bei Knaben) oder einem StĂŒck Leinwand von 
der SchĂŒrze der Mutter (bei MĂ€dchen). 

Im Hiiromszeker Comitat wird auf den Nabel nach Abfallen der 
Nabelschnur ein Fetzen gelegt, auf welchen man ein Gemengsel von 
der Asche eines verbrannten StĂŒck Zeuges und dem Nasenschleim der 
Hebamme geschmiert hat. 

Im Csiker Comitat bestreicht man den Nabel mit Speichel und 
Nasenschleim, oder schneuzt nur von letzterem darauf 

Den Nabelschnurrest hebt ‘man in der Regel sieben Jahre lang 
auf und lÀsst dann den Knoten von dem Kinde lösen. Gelingt ihm 
dies, so wird aus ihm. weim es ein Knabe ist, ein tĂŒchtiger Mann 
werden oder, wenn es ein MĂ€dchen ist, wird es ausgezeichnet weben 
und nÀhen können. 

Bei den Matyös des Borsoder Comitates glaubt man ausserdem, 
dass das Kind, so lange der „Nabel“ (Nabelschnurrest) nicht abgefallen 
ist, nicht ersticken kann, selbst unter dem Deckbett nicht, und dass 
Denjenigen, der den Nabelsclmurrest in seinen Anzug eingenÀht bei 
sich trÀgt, im Kampfe keine Kugel und keine Waffe verwunden kann. 

52. Baden der Kinder. 

An vielen Orten beschmiert man das Kind nach der Geburt, beson- 
ders an den HĂ€nden und FĂŒssen, mit Blut und legt es bis zur Ent- 
fernung der Placenta auf die Erde unter den Tisch. 

Dem ersten Bade des Kindes misst man eine grosse Bedeutung 
fĂŒr das ganze Leben bei. Deshalb thut man auch die verschiedensten 
GegenstÀnde in das Bad, wie z. B. GÀnsefedern, damit sein Leben ein 
sorgenloses sei; Geld, damit aus ihm ein reicher Mensch werde; bei 


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den Slowaken Mehl, Fett, Linsen. Bohnen u. s. w., damit es nicht 
schwindsĂŒchtig werde (Fester Comitat). Auch Milch giesst inan ins 
Barlewasser, damit das Kind eine schöne weisse Haut bekomme und 
damit es „immer so gut schlafe wie die Milch“. 

Im Ungarischen wird nÀmlich das Gerinnen (der Milch) und das 
Schlafen mit demselben Wort (aludni) ausgedrĂŒckt, und ein ungarisches 
Sprichwort sagt auch von einem festen SchlÀfer: alszik, mint a tej 
(schlÀft wie die Milch). 

Im Somogyer Comitat wird mit derselben Motivining das Bade- 
wasser in einem Milchtopfe gewÀrmt. 

An der dalmatinischen KĂŒste badet man nur die MĂ€dchen in 
Wasser, wÀhrend die Knaben mit lauem Wein abgewaschen werden, 
damit ihnen, wenn sie erwachsen sind, der Wein nicht schade. 

Im MĂ€nnaroser Comitat tliut man in das erste Barl ein Ei (bei 
den Juden) oder Geld, Milch und Brod (bei den Bauern) oder einen 
Besen. AnderwĂ€rts Kohlen, einen Schemelfuss, LindenblĂŒtlien und 
Weihwasser; ein wenig Brei und KĂŒrbiskeme (Kalotaszeg), bei einem 
MÀdchen eine Nadel, damit es gut nÀhen lerne, bei einem Knaben 
eine Axt, einen Bohrer und ein Beil, damit er als Erwachsener ein 
guter und geschickter Arbeiter werde, und NĂŒsse, damit er runde, höchstens 
nussgrosse Hoden habe (gegen Hydrocele). 

Seife thut man nicht ins Wasser, denn diese schade den Augen. 

Die Knaben badet man in einem Frauenhemd, damit sie als Er- 
wachsene den Weibern gefallen, und die MĂ€dchen in einer Unterhose, 
damit sie einst viele Freier haben mögen. Aus diesem Grunde wickelt 
man die Kinder auch nach den» Bade in die entsprechenden Kleidungs- 
stĂŒcke ein. 

AnderwĂ€rts badet man das Kind in einer KĂŒchenschĂŒrze. 

Zum Bade nimmt man viel Wasser, damit das Kind recht lange 
lebe. Andere wiederum baden es nur mit ungefÀhr einem halben Liter 
Wasser (in welches man auch ein wenig Muttermilch tropft), damit aus 
ihm „kein Vielfrass werde“. 

In Szabadka darf das Kind nicht in Regenwasser gebadet werden, 
denn sonst wird es Ohrenfluss bekommen; das erste Bad wird dort 
ĂŒbrigens oft erst an dem der Geburt folgenden Tage gegeben. 

An mehreren Orten wird ein solches (kaltes) Wasser verwendet, 
in welchem man vorher einer Gans die FĂŒsse gewaschen hat oder eine 
Gans herumlaufen liess, damit das Kind nicht ..frostig“ (empfindlich 
gegen KĂ€lte) sei (keine GĂ€nsehaut bekomme). 


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Nach (1er Geburt badet inan das Kind auch zweimal hinter- 
einander und reibt es im Wasser tĂŒchtig ab, weil es eine wunde, 
grindige, unreine Haut haben wĂŒrde, wenn man „ihm die Heidenhaut 
nicht herunterriebe“. 

In Kolozsvar giebt man neun XĂŒsse ins Badewasser, badet 
das Kind dreimal und nimmt bei jedem Bad drei NĂŒsse aus dem 
Wasser. 

Nach dem Bad wird das Kind gewöhnlich ordentlich mit Oel 
oder Butter eingeschmiert. Im NögrÀder Comitat schmiert man 
die HĂ€nde und FĂŒsse deshalb mit GĂ€nsefett ein, damit sie nicht er- 
frieren mögen. 

Den Kopf drĂŒckt man dem Kinde, wenn er lĂ€nglich ist, zu- 
sammen, „drĂŒckt ihn rund“, die Nase zieht man ihm. wenn sie platt 
ist, lang und die Ohren bindet man ihm nach hinten. 

Befindet sich das neugeborene Kind schon im Wickelpolster, so 
legt man, wenn es ein Knabe ist, ein Buch hin, damit ein kluger 
Mensch aus ihm werde, ferner Papier, damit er gut lerne, einen Bohrer, 
ein Stemmeisen oder anderes Werkzeug, damit er ein tĂŒchtiger Hand- 
werker werde. Einem MĂ€dchen giebt man eine NĂ€hnadel, damit es 
gut nÀhe, bedeckt es mit einem Sieb, damit es schamhaftig sei (Gömörer 
Comitat), kĂŒsst ihm die Augen, damit es einst viel umworben sei. legt es 
(unter dem Tisch) auf einen Suba (ungarischer Pelz), damit es krauses 
Haar bekomme, und schmiert ihm — dies thut man auch liei einem 
Knallen — die Geschlechtstheile mit Honig ein. dass sich diese einst 
grosser Beliebtheit erfreuen mögen. 

Viele legen das Kind noch vor dem Bade unter den Tisch auf einen 
Suba und legen noch ein Buch oder ein StĂŒck Brod dazu. Unter 
den Tisch wird das Kind auch deshalb gelegt, damit es immer von 
unterwĂŒrfiger Art sei. Andere wieder meinen, dass deshalb, damit es 
sich an die KÀlte der Erde gewöhne, liezw. damit ihm diese spÀter 
nicht schade. Einige legen das Kind in einer SchĂŒrze auf die „kalte 
Erde“ (KomĂ€romer Comitat). 

Die Zigeuner glauben, dass die Erde dem Kinde Kraft verleihe 
und legen deshalb den SĂ€ugling so oft es donnert (?) auf die Erde, 
damit es „wachse und krĂ€ftig werde“ (v. Wlislocki). 

Bei den SokĂŒczen berĂŒhrt der Vater mit der Hand die Sohlen 
des Kindes, damit dassellie sein ganzes Leben lang auf geraden, ehr- 
lichen Pfaden wandele. In Bereg und Monostorszeg pflegte man das 

TemeavUry*, VolkabrÀnche. 9 


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1 HO 


neugeborene Kind in frĂŒheren Zeiten durch einen Eisenreiten hindurch- 
zuziehen, damit es recht stark weide. Bei den SokÀczen ist es auch 
Sitte, in das Badewasser, bevor man es ausschĂŒttet, drei StĂŒck Kohlen 
zu werfen. 

Bei den Slowaken wird sechs Wochen lang ĂŒber das Bad des 
Kindes stets ein Kreuz gemacht, damit es von dem Teufel nicht aus- 
getauscht werde. Am Ende der sechsten Woche wird das Kind mit 
ungesalzener Butter gut abgerieben, damit die WĂŒrmer der Krankheiten 
herausgelockt werden. 

53. LagerstÀtte der Kiuder. 

Das neugeborene Kind legt man. sobald es gebadet und in ein 
Polster eingewickelt lesp. angezogen ist, fast ĂŒberall neben die Mutter. 
Auch dort, wo das Kind spÀter eine Wiege oder ein eigenes Bett bekommt, 
legt man es bis zur Taufe aus dem bereits erwÀhnten Grunde nicht in diese, 
damit die 1 lösen Geister den „kleinen Heiden“ nicht austauscheil. lieber das 



Fig. 2. Ungarische Hiingcwiege aus Leinwand. NĂŒgrAder Ccmitat.. 

(Pnlöczen.) 

getaufte Kind haben diese keine Gewalt mehr. Im CsongrÀder Comitat 
streut man eine Hand voll Stroh auf ein Brett und legt den SĂ€ugling auf 
diesem neben die Mutter. Nach der Taufe legt man das Kind entweder 
in eine Wiege oder einen Trog oder einen kleinen Wagen. In manchen 
Gegenden hÀngt man an dem Balken quasi als HÀngebett einen Korb 
oder eine Wiege auf damit man in demselben das Kind besser wiegen 


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Fig. 3. Walachischo HĂ€ngewiege. Marmaroser Comitat. 


könne (Gömörer, Marmaroser, Nögrader, Ugocsaer Comitat), oder 
man t «»festigt an zwei BalkennÀgeln ein Leintuch und legt den SÀug- 
ling in dieses, damit ,,sich derselbe, wenn ihm Jemand einen kleinen 
Schuh giebt, eventuell auch eine Stunde lang schaukle“ (Gömörer 
Comitat). 



Fig. 4. Wa I acli isc li e HĂ€ngewiegc. MĂ€rmaroser Comitat. 


9* 


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133 


Einige solcher HĂ€ngewiegen (im Ungarischen „rengĂ¶â€œ oder „ringd 
bölcsĂ¶â€œ — Schaukelwiege genannt) zeigen die vorstehenden Ab- 
bildungen*) (Fig, 2, 3. 4, 5 und 6). 



Fig. 7 zeigt eine „Kolyesz“ genannte HĂ€ngewiege mit ihrem zelt- 
artigen Gestell, das im Freien (z. B. wÀhrend der Feldarbeiten) in der 
Erde befestigt wird. 


*) Hiimmtliche Abbildungen (mit Aufnahme von Fig. I) lies» ich nach 
Objecten des Budapester Ethnographischen Museums mit Bewilligung und 
gĂŒtiger Unterweisung des Herrn Gustos Dr. Johann Jankö und jdĂŸÂ» Herrn Viee- 
Custos Dr. Willibald Semayer, denen ich fĂŒr ihre liebenswĂŒrdige UnterstĂŒtzung 
auch au dieser Steile wÀrmsten Dank sage, anfertigen. 


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Fig. 8. SĂŒdslavischo Wiego mit Fassreifen. Baranyaer 
Comitat. (SokÀczon.) 


Die andere Art von Wiegen, die auf dem Boden gesehaukelt 
werden und die in Ungarn zumeist in Verwendung stehen (die Ungarn 
selbst verwenden auf dem Lande fast nur solche), werden „talpas 
bölcsĂ¶â€œ (= Wiege mit Fussgestell) genannt (Fig. 8, 9, 10 und 11). 



Fig. 9. Bulgarische Wiege. Temeser Comitat. 


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Ä' Mi muttma aias tnas mi 






???-S v Äi 




Fig. 11. Ungarische bunt bemalte Wiege. Erdtlly. (Kalotaszeg.) 


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54. Kleidung der Kinder. 

Auf eine eingehende Beschreibung der KinderwÀsche und -kleidung 
will ich mich nicht einlassen. Es ist allgemein bekannt, dass bei den 
besser Situirten die Kleidung des SĂ€uglings aus einem Leinwandhemd- 
chen, einem gestrickten oder gehÀkelten Leibchen, Leinwand- und Flanell- 
windeln, einem Bauchwickel (Fasche), einer Gummiunterlage, einem 
langen Kissen (Langpolster) und der leider noch immer ziemlich ver- 
breiteten Kopfhaube besteht. 

Bei der armen Volksklasse hĂŒllt man den SĂ€ugling in den ernten 
Tagen und Wochen nur in Fetzen ein, zu welchem Zwecke man sich 
des zerlumptesten, schmutzigsten Zeuges bedient, das man nur hat. 
Bei Knaben gebraucht man dazu meistentheils alte ausgemusterte MĂ€n- 
ner-Unterhosen oder MĂ€nnerhemden, bei MĂ€dchen dagegen Frauen- 
hemdletzen. Man glaubt, dass das MĂ€dchen, wenn man es in ein 
MĂ€nnerhemd hĂŒllt, einst zu sein - hinter den MĂ€nnern her sein wird, 
wÀhrend der Knabe, wenn man ihm FrauenwÀsche auf den Leib giebt, 
als Erwachsener ein „grosser Weiberfreund“ sein wird. (S. oben!) 

Der Gebrauch frischer, reiner WeisswÀsche ist im Anfang verpönt, 
denn man glaubt, dass, so lange dem Kinde die „Heidenhaut“ nicht 
vom Körper heruntergegangen ist. keine reine WeisswÀsche verwendet 
werden darf. Deshalb zieht man dem Kinde an manchen Orten sechs 
bis sieben Wochen, ja sogar drei Monate lang kein Hemd oder irgend 
welche WeisswÀsche an. 

Allgemein verbreitet ist auch die Sitte, das Kind sehr fest in das 
Polster einzuwickeln (oben von den Schultern angefangen bis hinunter 
zu den Knöcheln), damit es „nicht krumm werde“. Das Kind wird 
dabei so arg eingezwÀngt, dass es nur den Kopf zu bewegen vermag. 
Vielen Ortes nimmt man das Kind, auch wenn es noch so sein - weint 
und schreit, einen halben, ja sogar ganzen Tag nicht aus dem Wickel 
heraus. 

So lange der Nabelschnurrest nicht abgefallen ist, hÀlt man das Kind 
sehr wann und hĂŒllt es in ein Deckbett, Vor der Gefahr des Er- 
stickens flĂŒchtet man sich, wie bereits erwĂ€hnt, bis zum Abfallen der 
Nabelschnur nicht. 

Im Somogyer Comitat wirft man das Hemd, bevor es dem SĂ€ug- 
ling auf den Leib gezogen wird, auf eine Katze, damit aus dem Kinde 
ein „guter Baumkletterer werde“. 

Die RumĂ€nen des TorontĂŒler Comitates bekleiden den SĂ€ugling 
mit einem viereckigen alten StĂŒck Zeug, in welches man ein grosses 


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Loch schneidet, um es ihm so auf den Körper ziehen zu können. Dieses 
kragenförmige KleidungsstĂŒck nennt man „Gurucza“. 

Die SokÀczen glauben, dass das Kind, wenn man ihm das erste 
Schuhwerk aus Wolfsleder verfertigt oder in dasselbe wenigstens ein 
StĂŒck Wollshaut thut, Zeit seines Lebens gesund und glĂŒcklich sein 
wird. Und wenn das erste Schuhwerk aus Schaf leder verfertigt 
wurde, so wird das Kind gutherzig und fromm sein. „Ein ausser- 
ordentlich guter Mensch wird aus dem Kinde“, wenn man an seinen 
Sohlen in der Zeit, wo es zu laufen beginnt, ein Messer wetzt, mit 
welchem Jemand ermordet wurde, denn auf diese Weise geht alles 
Böse und Schlechte, was das Kind in sich hat, auf das Messer ĂŒber. 
Letzteres muss man darauf einige Male in die Erde stechen, damit 
diese das Böse in sich aufhehme (v. Wlislocki). 

Die im Anuler Comitat wohnenden deutschen Frauen binden ihr 
Kind bis zu dessen drittem Lebensjahr mit einem, ..Manteltuch“ ge- 
nannten, im Winter aus Barchent, im Sommer aus Leinwand verfer- 
tigten, zwei bis drei Meter langen Tuch lest an sich, in der Weise, 
dass sie dieses KleidungsstĂŒck dem an ihre Brust gedrĂŒckten Kinde 
um seinen Körper schlingen. So bleiben ihnen die HÀnde zur Arbeit 
frei, und sie können mit ihrem Kinde ohne MĂŒhe herumgehen und es 
ĂŒberall entnehmen. 

Im NögrÀder Comitat wird dem Kinde, damit es keinen Schaden 
nehme, das eiste Hemdchen erst nach einem Jahr angezogen. 

55. Circumcisiou. 

ln Ungarn wird die Circumcisiou bei den Juden noch fast allgemein 
geĂŒbt,'- und nur in Ausnahmefallen lassen jĂŒdische Eltern ihre Söhne 
nicht beschneiden. Diese Operation wird von den Mohel’s (Beschneidern) 
ausgefĂŒhrt, und möchte ich hier nur erwĂ€hnen, dass einige fortschritt- 
liche Gemeinden, darunter die Budapester Cultusgemeinde, sua sponte 
die Function ihrer Mohel’s unter Ă€rztliche Controlle stellten, indem sie 
bei jedem derartigen Act die Anwesenheit eines Arztes fordern, der die 
regelrechte AusfĂŒhrung der Operation zu bezeugen hat. Hier ist auch 
das Aussaugen der Wunde (Mezizah) verboten. In den altglÀubigen 
(orthodoxen) Judengemeinden ist leider weder eine Àrztliche Aulsicht 
obligat, noch ist die Mezizah abgeschafft, im Gegentheil, diese wird 
von ihnen als ein sine qua non der rituellen Circumcisiou angesehen 
und damit, von der hÀutig genug vorkommenden Sepsis abgesehen, 
unzÀhligen Kindern Lues und Tuberculose eingeimpft. In den tbrt- 


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schriftlichen Gemeinden wird zumeist, wie aus dem Vorhergegangenen er- 
sichtlich, schon wegen der Àrztlichen Aufsicht genug aseptisch und antisep- 
tisch vorgegangen. Das Abschneiden der Vorhaut (Milah) wird zumeist mit 
einem speciellen Messer (langes zweischneidiges, oben abgerundetes Messer) 
frei zwischen der Glans und den das PrÀputium hervorziehenden Fingern 
ausgefĂŒhrt; manche verwenden aus Vorsicht ein mit einem Schlitz versehe- 
nes Instrument Das Lösen der inneren PrÀputialhaut (Periah) geschieht 
gewöhnlich mit den NÀgeln und nur ausnahmsweise mit Scheere und Sonde. 

Vor etwa 15 — 20 Jahren liefasstcn sich auch einige Aerzte mit 
der Ausfiilunng der (rituellen) Circumcision, gaben dies jedoch aus 
Mangel an moralischen und materiellen Erfolgen (wegen der unwĂŒrdi- 
gen Coneurrenz) bald wieder auf.*) 

56. Kinderkrankheiten. 

Hinsichtlich der Kinderkrankheiten habe ich l)ereits erwÀhnt dass 
man dieselben meistentheils auf Behexung. Beschreiung mul den bösen 
Blick zurĂŒckfĂŒhrt. Dementsprechend behandelt man sie denn auch. 

Zur Vermeidung von AugenentzĂŒndungen oder im Falle des 
Auftretens solcher, oder bei „triefigen“ Augen ist bei neugeborenen 
Kindern das Hauptmittel die Muttermilch, welche man Heissig in die 
Augen des SĂ€uglings spritzt FĂŒr besonders geeignet wird das Colostrum 
gehalten. Im Somogver Com i tat wird Muttermilch mit Obstessig ge- 
kocht und weiden damit UmschlÀge auf die Augen gemacht 

In manchen Gegenden wÀscht man dem Kinde die Augen mit 
Urin aus oder legt einen in Urin getauchten Lappen darauf, was wegen 
der InfectionsfÀhigkeit der Lochien sicherlich kein unschÀdliches Ver- 
fahren ist; man legt auch einen in Urin getrÀnkten Lappen auf die 
grosse Fontmellgegend oder die Stirn des Kindes. Auch Kinderurin 
wird zu diesen Manipulationen verwendet; das Auslecken der Augen 
ist ebenfalls ein viel angewandtes Augcnmittel. 

In Kakucs (Pester Comitat) trocknet die Mutter dem Kinde die 
Augen jeden Morgen mit ihrer HochzeitsschĂŒrze ab. 

Grösseren Kindern durchsticht mau bekanntlich gegen Augenleiden 
die Ohren mit kleinen Ohrringen. 

Vor zu starkem Licht werden die Augen des Kindes wohl in 

*) In allerjĂŒngster Zeit (wĂ€hrend der Drucklegung dieser Arbeit) gab das 
kg), ung. Ministerium des Innern eine die Circumcision regelnde Verordnung 
heraus, die unter Anderem die Anwesenheit eines Arztes, sowie aseptische und 
nntiseptische Massnahmen fordert und das Aussaugen der "Wunde verbietet. 


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139 


etwas ĂŒltertriebener Weise geschĂŒtzt. Es darf' sich Niemand hinter daa 
Kind stellen, denn sonst blickt es nach hinten und wird schielen. 

SchÀdliche, ja verhÀngnissvolle Folgen hat jener Volksglaube, dass 
es gut ist, wenn die Augen eitern, denn davon reinigen sich dieselben. 
Auch sagt man: „Wenn die Augen triefen, so reinigt sich der Kopf“. 

Bei Ekzem des Gesichts („Vierziger“) tragen die Ruthenen des 
Ugocsaer Comitates das Kind bei Morgengrauen zur Theiss und waschen 
ihm dort das Gesicht mit von einem MĂŒhlrad heruntertropfenden Wasser. 
Bei Ekzem an anderen lvörpertheilen gehen sie mit dem Kinde ins 
Schlachthaus und hĂŒllen die grindigen Theile in das uoch warme Fell 
eines frisch geschlachteten Rindes. 

Im SÀroser Comitat wird lÀngsgeschnittene Apfelbaumrinde in 
Butter oder Sahne geröstet und auf die betreffenden Körpertheile gelegt 

Damit die Haut des Kindes nicht wund werde, nimmt man das- 
selbe im Barser Comitat nach dem EinlĂ€uten („Vacka“) aus dem Polster 
und blÀst ihm unter die Achselhöhlen. Auch Fensterschweiss ist ein 
beliebtes Mittel gegen die verschiedensten GesichtsausschlÀge. 

Gegen Gelbsucht bindet man allerlei gelbe GegenstÀnde (Gold- 
oder Messingringe, Goldketten, Bernstein u. s. w.) in die Windeln, oder 
hÀngt dem Kinde eine gelbe Schnur, Bernsteinschnur um den Hals etc,, 
i »der giebt dem Kinde von einem Goldring zum Abtrinken. All dies geschieht 
in dem Glauben, dass diese GegenstÀnde die gellje Farbe an sich ziehen. 

Kinder mit Hydrocephalus werden im Bdcser Comitat auf eine 
Backschaufel gesetzt und in den stark geheizten Backofen halb hinein- 
geschoben (!) mul dann rasch zurĂŒckgezogen, damit die Hexe den 
,, Wechselbalg“ zurĂŒcktausche. 

Bekannt ist die grosse Wichtigkeit, die dem Zahnen der Kinder 
1 (eigelegt wird; Banchgrimmen, Diarrhoe. Erbrechen. Fieber, Eklamp- 
sie u. s. w. werden nur als unschuldige Begleiterscheinungen des Zahnens 
‱ angesehen, gegen die dem Volksglauben nach nichts zu thun ist und 
die von selbst wieder schwinden. Viele Tausende von Kindern fallen 
jÀhrlich diesem einen Aberglauben zum Opfer. 

Faule Mundwinkel werden mit Ohrenschmalz eingeschmiert oder 
mit einem Katzenschwanz abgewischt, oder es wird dem betreffenden 
Kinde ein eben benutzter Pferdezaum in den Mund gegeben. 

Gegen Scrophulose und namentlich DrĂŒsenentzĂŒndungen werden 
Abbetungen, Beschwörungen vorgenommen und das Kind mit einem 
Katzenschwanz, mit Taubenmist und Menschenkoth (auf glĂŒhende 
Kohlen gegeben) gerÀuchert. 


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Die Behandlung der Retropharyngealabscesse. der sogenannten 
„HalszĂ€hne“, ruht in manchen Gegenden ganz in den HĂ€nden einiger 
alten Kurpfuscherinnen, die mit ihren schmutzigen NĂ€geln diese Al>- 
scesse öffnen, was vielleicht von geringerem Schaden ist, als jener Um- 
stand. dass diese Weil kt auch dort solche Abscesse öffiien wollen, wo 
keine sind (Croup. Diphtheritis) und damit, abgesehen von der so ver- 
absÀumten Àrztlichen Hilfe, den Kleinen mit ihren rohen Manipulationen 
auch directen Schaden zufĂŒgen. 

Gegen Eklampsie glaubt man das Kind so zu schĂŒtzen, dass die 
Kleider, in denen es den ersten Anfall hatte, ĂŒber sechs Raine getragen 
und dort begraben werden. Im SĂ€roser Comitat wird d.as Hemdehen 
sofort zerrissen und lad Morgenanbruch, ehe der Hahn krÀht, im Fried- 
hof auf ein Kreuz gehÀngt. 

Der Kopfgrind wird liekanntlich als eine sehr gesunde Erschei- 
nung angesehen, und die „UnterdrĂŒckung“ desselben fĂŒr gefĂ€hrlich 
gehalten. 

Ha u eh k rĂŒmpfe. Bauchgrimmen, werden ausser mit dem Besclirieen- 
wordensein auch so erklĂ€rt (z. B. im ĂŸĂ€cser Comitat), dass „die Sonne 
auf der Windel des Kindes untergegangen ist“. Es werden gegen die- 
sellien RĂ€ucherungen mit verschiedenen Haaren vorgenommen. 

Gegen Darinkatarrh sind im Hajduer Comitat „Windpogat- 
scherln“ (PfeftermĂŒnzzucker) ein verbreitetes Volksmittel. 

Wenn sich l>ei dem Kinde die Fiisse nach einwÀrts biegen (PesvarusJ. 
so wird dies auf ein „Versehen“ der Mutter zurĂŒckgefĂŒhrt. In einem solchen 
Falle muss diese sich mit dem Kinde jeden Dienstag und Freitag auf 
die TliĂŒreeh welle setzen, ausspucken und sagen: „Ei, ei, du Hundsfott, 
gieb es zurĂŒck“ (HĂ€romszeker Comitat). 

Es giebt noch eine Menge in ganz Ungarn florirender, aberglÀubi- 
scher GebrĂ€uche, welche darauf abzieleu, dem Kinde ein glĂŒckliches, 
gesundes und langes 1 /‘Im'ii und im Falle einer Erkrankung baldige- 
Genesung zu gewÀhrleisten, doch will ich auf dieselben, eitenso wie auf 
die verschiedenen liei der Taufe herrschenden GebrÀuche, nicht weiter 
eingehen, da sie vom eigentlichen GegenstÀnde vorliegender Arl>eit 
zu sehr abschweifen. 

Zu allem Anderen nimmt man seine Zuflucht eher, als zu Àrzt- 
licher Hilfe. Von dieser wollen die Leute gewöhnlich erst im aller- 
letzten Stadium der Krankheit und auch dann nur darum etwas wissen, 
weil sie sich vor der Strafe fĂŒrchten, die auf sie warten wĂŒrde, wenn 
ihr Kind ohne Ă€rztliche Hilfe sterben sollte. — 


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57. Kinderlaufstiihle. 

Zum SchlĂŒsse möchte ich noch einige, weniger vom iir/.tlichen als 
vom ethnographischen Standpunkt interessante GÀngelwagen «Hier Kinder- 
laufstĂŒhle (im Ungarischen ..gyeiekjaröszt'k' 1 = Kindergehstuhl genannt) 
vorstellen. 

Fig. 12 stellt einen 
(nicht schiebharen) primi- 
tiven Kinderstuhl, Fig. 13 
ein wohl schiebhares. je- 
doch von dem Kinde 
nur zum Stehen, und 
nicht zum Gehen benutz- 
bares K i nderti sehche i \ 

(mit einer schiisselförmi- 
gen Aushöhlung fĂŒr die 
Speisen) dar. Fig- 14 Fig. 12. Ungarischer Kinderstuhl 
und 15 geben eigentliche Hsiromszeker ('omitat. (Szdklcr ) 

KinderlaufstĂŒhle wieder, 

wÀhrend endlich Fig, 16 einen um eine am Boden und an der Decke 

befestigte Stange 
drehbaren Ring 
darstellt, in wel- 
chem das Kind 
(um che senkrechte 
Stenge herum) ge- 
hen lernt Es ist 
dies ein sogenann- 
tes „gyerekforgd“ 
(= Kinderdrebe). 


Fig. 13. Ungarischer Kindorstehstuhl. 
Hrdely. (Kalotaszce,) 




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Fig. 15. Ungarischer GĂ€nge! wagen. 
Httromszekor Comitat. (Szekler.) 


Fig. 1(>. Caroussel- 
artiger ungarischer 
Kinderlaufapparat. 
NbgrÀder Comitat. 
(Palöcsen.) 


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Literatur 


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(Der Aberglaube an das Forttragen und ZurĂŒckbringen der Milch bei den SzĂŒk- 
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Margalits Ede. Horvat nepszokÀsok es babonÀk. (Kroatische Volks- 
brÀuche und Aberglaube.) Ethnographia X. 1899. 125. 301. 

Medveczky Soma. Liptrti töt nepszokÀsok. (Liptöer slowakische Volks- 
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Nagv Jbzsef. BÀcsmegyei babonÀk. (BÀescr Aberglaube.) Ethnographia 

VII. 1896. 93— 102. 

— Arvamegyei töt nepbabonĂ€k. (Slowakische VolksbrĂ€uche aus dem Ar- 
vaer Comitat.) Ethnographia II. 1891. 130 — 133. 

Pinter SĂ€ndor. A palöcz szĂŒletese, hĂ€zassĂ€ga es halĂ€lozĂ€sa. (Die Ge- 
burt, Ehe und der Tod der Pah'iczen.) Ethnographia II. 1891. 97 — 99. 

Szdkely Leö. Gömörmegyei babonÀk. (Aberglaube im Gömörer Comitat.) 
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Treneseny Lajos. BabonÀk az Alföldrö! (Aberglaube im Alföld.) Eth- 
nographia I. 1 890. 345 — 347. 

V Ă€ 1 i Dezsö. Elöiteletek, nöpszokĂ€sok ös babonĂ€k a szĂŒlĂŒs körebeu Sza- 
badkÀn. (Vorurtheile, VolksbrÀuche und Aberglaube auf dem Gebiete der Ge- 
burtshilfe in Szahadka.) Orvosi Hetilap 1899. 43. 45. 

V arga .TÀnos. A babonÀk könyve (Das Buch des Aberglaubens.) Arad 1877. 

Vdcsy Agoston. Nöprajzi adatok Tisza-Roff körnvekerö! (Ethnographische 
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Veres Sainu. A nep hajdani orvosi tudomÀnya. (Das ehe talige medi- 
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Versenvi György. Adalekok a gyermekckriil szölö magyar nephitbez. 
(BeitrÀge des ungarischen Volksglaubens in Betreff der Kinder.) Ethnographia 
VI. 1895. 110—117. 

Wlisloeki Henrik. A sokÀcz nephit kördböl. (Aus dem Gebiete des So- 
kĂ€ezer Volksglaubens.) Ethnographia VII. 1896. 290 — 291. 

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gehĂ€ngte GelĂŒbde-Fetzen im ungarischen Volksglauben.) Ethnographia V. 1894. 
324. 

— A karĂ€esonyfĂ€röl. (l'eber den Weihnachtsbaum.) Pesti Hirlap 1893. 
decz. 23. 

— , Heinrich von. Aus dem Volksleben der Magyaren. MĂŒnchen 1893. 

— Aus dem Leben der SiebenbĂŒrger RumĂ€nen. Virchow u. Holtzcndorff’s 
Samml. gemcinverstÀnd! Wissenschaft! VortrÀge. Heft 87. Hamburg 1889. 

— Die Szekler u. Ungarn in SiebenbĂŒrgen Idem Heft 137. Hamburg 1891. 

— Zur Volkskunde der transsylvanischen Zigeuner. Idem Heft 12. Ham- 
burg 1887. 

— Sitte u. Brauch der SiebenbĂŒrger Sachsen. Idem Heft 63. Hamburg 1888. 

— Neue BeitrĂ€ge zur Volkskunde der SiebenbĂŒrger Sachsen. Ethnolog. 
Mittheil, aus Ungarn. III. 1894. 36. 

— Tod und Todtenfetisehe im Volksglauben der Magyaren. Mittheil, der 
Anthr. Ges. in Wien XII. 1892. 

Wlisloeki Henrikne, Dörfler Fanny. A gyermck a magyar nephitben. 
(Das Kind im ungarischen Volksglauben.) Ethnographia IV. 1893. 107 — 113. 

— Adalekok a gyermekekröl valö magyar nephit, hez. (BeitrĂ€ge zum un- 
garischen Volksglauben in Betreff der Kinder.) Ethnographia V. 1894. 117 — 119. 

— Kakas, tyĂŒk es tpjĂ€s a magyar nephitben. (Der Hahn, die Henne und 
das Ei im ungarischen Volksglauben.) Ethnographia VI. 1895. 208 — 209. 

— NyĂ€l es köpes a magyar nepeletben. (Der Speichel und das Ausspucken 
im ungarischen Volksleben.) Ethnographia VII. 1896. 460 — 465. 

— A kalotaszegi nephit köriSböl. (Aus dem Gebiete des Kalotaszeger 
Volksglaubens.) Ethnographia III. 1892. 363. 

Zelizy Daniel. Debroczen sz. k. vÀros egyetemes lcirÀsn. (Die allgemeine 
Beschreibung der König! Freistadt Debreczen.) Debreczeu 1882. 


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Text des vom Autor versandten Fragebogens. 


1. Name und Wohnort dos Einsenders. 

2. Welchen NationalitÀten und Religionen gehören die Frauen an, auf die sich 

die folgenden Daten beziehen? 

3. Was fĂŒr fromme GebrĂ€uche, Aberglauben und Ceremonien giebt es wĂ€hrend 

der Periode (Menstruation), namentlich wÀhrend der ersten Periode ? 

4. Was thun die Frauen, wenn sie unfruchtbar sind und Kinder haben möchten? 
ö. Was thun die Frauen, um keino Kinder zu haben? 

6. Wie glauben die Frauen wÀhrend der Schwangerschaft zu wissen, ob das 

Kind ein Knabe oder ein MĂ€dchen sein wird? 

7. Was thun die Frauen gegen die Schwangerschaftsflcckon (Leberflecken)? 

8. Was thun die Frauen, um einen Knaben zu bekommen? 

9. Was fĂŒr Mittel, Speisen, GetrĂ€nke u. s. w. gemessen sie wĂ€hrend der Schwanger- 

schaft z. B. gegen Erbrechen u. s. w.? 

10. Was thun die Frauen gegen das Beschreien, Berufen der Kinder, den 

„bösen Blick“? 

11. Wie nÀhren und wie kleiden sich die Schwangeren? 

12. Was thun sie, um nicht zu abortiren? 

13. Glauben die Frauen an das Versehen und was thun sie dagegen? 

14. Was fiir Vorbereitungen treffen sie fĂŒr die Geburt? Giebt es besondere 

Gewohnheiten oder Einrichtungen fĂŒr das GebĂ€rzimmer und das Ge- 
bÀrbett? 

15. In welcher Lage entbinden die Frauen? und wo? auf der Erde, im Bette 

oder auf einem Stuhl? 

16. ln was fĂŒr Kleidung entbinden die Frauen? 

17. Was thun sie gegen zu schmerzhafte Geburtswehen ? 

18. Was thun sie zur Beschleunigung der Geburt? 

19. Was fĂŒr Aberglauben giebt es wĂ€hrend des Entbindens? 

TemiiTtry, Volkibriucho. 10 


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20. Was fĂŒr Hausmittel u. s. w. werden gegen Blutungen wĂ€hrend der Schwanger- 

schaft, Geburt und des Wochenbettes angewendot? 

21. Wie wird die Nachgeburtsperiode behandelt? 

22. Was thun die Frauen, um keinen HĂ€ngebauch zu behalten? 

23. Wie lango liegen die Frauen gewöhnlich im Wochenbett? 

24. Welche Aberglauben, Ceremonien u. s. w. giebt es gegen „böse Geister“? 

25. Was essen und trinken die Frauen im Wochenbett? 

26. Was thun die Frauen gegeu Urinbeschwerden? 

27. Wann baden die Frauen zuerst nach der Geburt? 

28. Wann verlassen sie zuerst das Zimmer? wann das Haus? 

29. Welche GebrÀuche u. s. w. herrschen bei Behandlung des Neugeborenen, wie 

Abbinden des Nabels, erstes Bad, Einfaschen, sowie als Schutz gegen 
Augenfluss u. s. w. ? 

30. Aus was besteht die erste Kleidung des Kindes? 

31. Wohin wird das Neugeborene gelegt? In’s Bett, in die Wiege oder wohin? 

32. Wie sind die FrnuenbrĂŒste gewöhnlich entwickelt? 

33. Können und wollen die Frauen selbst stillen? 

34. Am wievielten Tage fangen die Frauen an zu stillen? 

36. Halten die Frauen die Vormilch (Hexenmilch, Colostrum) fĂŒr gefĂ€hrlich? 
Warum? 

36. Wieviel Monate stillen die Frauen gewöhnlich? 

37. Wie oft stillen sie tÀglich? 

38. Was fĂŒr Speisen, GetrĂ€nke und Hausmittel gebrauchen sie, um mehr Milch 

zu bekommen? 

39. Was fĂŒr WarzenschĂŒtzer und Saugflascheu werden gebraucht? 

40. Werden die BrĂŒste wĂ€hrend der Schwangerschaft gopflegt, und wie? 

41. Was fĂŒr Mittel werden gebraucht, um bei Entwöhnung des Kindes die Milch 

zu verlieren? 

42. Was gebrauchen die Frauen gegen AVarzenwunden, BrustentzĂŒndung, sowie 

gegeu Kindbettficber (Wochenfieber)? 

43. Giebt es sonst noch aberglÀubische BrÀuche in der Geburtshilfe und der 

Pflege des Neugeborenen? 


Âźr tm f 


( UNIVERSITY 

V _ ° r / 


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Einige Comitats-, Insel- und StÀdtenamen, 


Abaujer Oomitat eigentlich Abauj-Tornaer Cumitat. 

Alsö-Feherer Comitat = Untcr-Weissenburger Gomitat. 

Bacser Comitat, eigentlich BĂ€cs-Bodroger Comitat. 

Braasöer Comitat — KronstĂ€dter Comitat. 

Csallököz = Insel SchĂŒtt. 

Eger = Erlau (Heveser Comitat). 

Erdely = SiebenbĂŒrgen. 

Esztergomor Comitat = Graner Comitat. 

Feherer Comitat = Weissenburger Comitat. 

Hetfalu = Sicbendorf bei BrassO (Kronstadt). 

JĂ€szer Comitat eigentlich JĂ€sz-NagykĂŒn-Szolnoker Comitat. 

KolozsvĂ€r — Klausenburg. 

KomĂ€romer Comitat — Komonier Comitat. 

KĂŒkĂŒllöer Comitat — Kokelbnrgcr Comitat (Kis- — Klein-; Nagy- = Gross-). 
Liptöer Comitat = Liptauer Comitat. 

Mosoner Comitat — Wieselburger Comitat. 

Muraköz = Mur-Au. 

Nagy-Szoben — Hermannstadt. 

Nyitraer Comitat = Neutraer Cumitat. 

Pester Comitat eigentlich Pest-Pilis-Solt-KiskĂŒner Comitat. 

Pozsonyer Comitat — Pressburger Comitat. 

Soproner Comitat = Oedenburger Comitat. 

Szabadka = Maria-Theresiopel. 

Szeged = Szegedin. 

Szepeser Comitat — Zipser Comitat. 

Torda = Thoronburg. 

Tordaer Comitat eigentlich Torda-Aranyoser Comitat. 

Yaser Comitat — Eisenburger Comitat. 

Zölyom = Altsohl. 

Zblyomer Comitat = Sohler Comitat. 


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Der Lautwerth der ungarischen Buchstaben 


Cz entspricht dom deutschen z; z. B. Palöcz spr. PÀlohz. 

Cs „ „ „ tsch; z. B. CsongrAd spr. Tschongrad. 

gy „ „ „ dj; z. B. Magyar spr. MSdjSr. 

ly „ „ „ lj; z. B. Erdely spr. Ärdelj. 

ny n „ „ nj ; z. B. Nyitra spr NjitrĂ€. 

s n n n sch j z. B. Sopron spr. Schopron. 

sz n „ „ scharfen ss; z. B. Szabolcs spr. SsAboltsch. 

ty „ „ „ tj ; z. B. Matyrt spr. MĂ€tjoh. 

z „ „ „ gelinden s (sauer); z. B. Zala spr. Sftlft. 

zs „ „ französischen j (jour) ; z. B. Kolozs spr. wie im Franz. Caulaujc. 

Die Aussprache der ĂŒbrigen Buchstaben entspricht ganz der deutschen. 
Die mit Dehnungszeichen versehenen Vokale (A, e, f, 6, ĂŒ) werden gedehnt ge- 
sprochen; das kurze e wird wie das deutsche À, das lange 6 wird wie e (eh), das 
kurze a wird wie ein Mittellaut zwischen a und o (À), das lange & wie a (ah) ; 1, ö, 
ĂŒ werden wie die entsprechenden i, o, u, jedoch gedehnt ausgesprochen. 


Druck von H. Klöppel, Gornrode (Harz). 


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